Am 11. März 2025 jährt sich die Nuklear-Katastrophe von Fukushima zum 15. Mal. Während Japan noch immer mit den Folgen kämpft - drei geschmolzene Reaktorkerne, die kontinuierlich gekühlt werden müs...
Am 11. März 2025 jährt sich die Nuklear-Katastrophe von Fukushima zum 15. Mal. Während Japan noch immer mit den Folgen kämpft - drei geschmolzene Reaktorkerne, die kontinuierlich gekühlt werden müssen, millionen Kubikmeter kontaminiertes Erdreich und die jahrzehntelange Einleitung radioaktiver Abwässer in den Pazifik - setzt die Europäische Kommission paradoxerweise verstärkt auf Atomenergie. Österreich, umringt von 14 Atomkraftwerken, ist dabei besonders gefährdet.
Während Österreich seit jeher atomkraftfrei ist, befinden sich in den Nachbarländern insgesamt 14 Atomkraftwerke, von denen viele bereits Jahrzehnte alt sind. Das tschechische AKW Dukovany liegt nur 35 Kilometer von der niederösterreichischen Grenze entfernt - eine Distanz, die bei einem Störfall zur existenziellen Bedrohung werden könnte. "Im Ernstfall würde die radioaktive Wolke aus Dukovany direkt über österreichisches Staatsgebiet ziehen oder gar abregnen", warnt Patricia Lorenz, Anti-Atomsprecherin der Umweltorganisation GLOBAL 2000.
Die geografische Lage Österreichs macht das Land besonders verletzlich. Im Norden die tschechischen Anlagen Dukovany und Temelín, im Osten die slowakischen Reaktoren in Bohunice und Mochovce, im Süden das slowenische Krško und im Westen die Schweizer Atomkraftwerke Beznau, Gösgen und Leibstadt. Diese Konstellation bedeutet, dass Österreich bei einem schweren Atomunfall praktisch nicht entkommen könnte.
Besonders beunruhigend ist das Alter vieler dieser Anlagen. Das Schweizer AKW Beznau ging bereits 1969 in Betrieb und gilt als eines der ältesten noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke weltweit. Die ursprünglich auf 30-40 Jahre Betriebsdauer ausgelegten Reaktoren werden oft weit über ihre geplante Laufzeit hinaus betrieben. Diese Laufzeitverlängerungen erfolgen meist aus wirtschaftlichen Gründen, während die Sicherheitsrisiken stetig steigen.
Die Materialermüdung in den Reaktordruckbehältern, alterungsbedingte Risse in kritischen Komponenten und veraltete Sicherheitssysteme sind nur einige der Probleme, die mit dem Betrieb betagter Atomkraftwerke einhergehen. In der Schweiz wurden beispielsweise am AKW Beznau bereits mehrfach Risse im Reaktordruckbehälter entdeckt, die zu monatelangen Stillständen führten.
Um die Dimension der Bedrohung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück nach Japan. Am 11. März 2011 führte ein Erdbeben der Stärke 9,0 und der darauf folgende Tsunami zur Kernschmelze in drei Reaktoren des Kraftwerks Fukushima Daiichi. Was zunächst als "Störfall" verharmlost wurde, entwickelte sich zur zweitschwersten Nuklearkatastrophe der Geschichte nach Tschernobyl.
Die Aufräumarbeiten in Fukushima verdeutlichen die langfristigen Konsequenzen eines GAU (Größter Anzunehmender Unfall). Bis heute konnten die geschmolzenen Reaktorkerne nicht geborgen werden und müssen kontinuierlich gekühlt werden, um eine weitere Aufheizung zu verhindern. Das dabei entstehende kontaminierte Kühlwasser wird seit 2023 - trotz internationaler Proteste - in den Pazifischen Ozean eingeleitet. Ursprünglich sollte diese Einleitung zwei Jahre dauern, mittlerweile ist von Jahrzehnten die Rede.
Die wirtschaftlichen Folgen sind ebenfalls verheerend. Die Kosten für die Dekontaminierung und den Abriss des Kraftwerks werden auf über 200 Milliarden Euro geschätzt. Zum Vergleich: Das entspricht etwa zwei Dritteln des gesamten österreichischen Bundesbudgets für das Jahr 2025. Rund 165.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, viele von ihnen können bis heute nicht zurückkehren.
Die gesundheitlichen Langzeitfolgen der Fukushima-Katastrophe werden sich erst in den kommenden Jahrzehnten vollständig zeigen. Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostizieren einen deutlichen Anstieg von Krebserkrankungen, insbesondere Schilddrüsenkrebs bei Kindern. In der Präfektur Fukushima wurde bereits ein signifikanter Anstieg von Schilddrüsenkrebsfällen bei Minderjährigen festgestellt - von normalerweise 1-2 Fällen pro Million auf über 300 Fälle pro Million.
Die psychischen Folgen sind ebenfalls gravierend. Viele Bewohner leiden unter der sogenannten "Fukushima-Depression", einer Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Ungewissheit über Langzeitfolgen, der Verlust der Heimat und die gesellschaftliche Stigmatisierung von Fukushima-Flüchtlingen haben zu einer dramatischen Verschlechterung der mentalen Gesundheit in den betroffenen Gebieten geführt.
Trotz der anhaltenden Katastrophe in Fukushima und den Lehren aus Tschernobyl setzt die Europäische Union verstärkt auf Atomenergie. Unter dem Deckmantel der "Energieautarkie" und des Klimaschutzes plant die EU, wieder Steuergeld für den Bau neuer Atomkraftwerke bereitzustellen. Diese Politik steht in krassem Widerspruch zu den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte.
"Wer glaubt, dass Atomkraft die Lösung für Europas Energiefragen ist, befindet sich auf dem Holzweg", kritisiert Patricia Lorenz. "Wer Atomkraft als sicher bezeichnet, dem sei ein Blick nach Fukushima empfohlen. Ein GAU kann jederzeit wieder passieren."
Die EU-Kommission argumentiert, dass moderne Atomkraftwerke sicherer seien als die Anlagen der ersten und zweiten Generation. Kritiker wenden jedoch ein, dass auch die Reaktoren in Fukushima als besonders sicher galten und sogar als "tsunami-sicher" beworben wurden. Die Realität hat gezeigt, dass es den absolut sicheren Reaktor nicht gibt.
Ein besonderer Fokus liegt auf den sogenannten Small Modular Reactors (SMR), kleineren Reaktortypen, die als sicherer und wirtschaftlicher beworben werden. Auch in Temelín ist der Bau von SMR geplant. Doch GLOBAL 2000 warnt: Weder für SMR noch für große Reaktoren gebe es derzeit marktfähige Designs. Die meisten SMR-Projekte befinden sich noch in der Entwicklungsphase, und erste Prototypen haben massive Kostenüberschreitungen und Bauverzögerungen erlebt.
Das Beispiel des AP1000-Reaktors in den USA zeigt die Problematik auf: Ursprünglich als kostengünstige und schnell baubare Alternative vermarktet, haben sich die Baukosten verdreifacht und die Bauzeiten auf über ein Jahrzehnt verlängert. Ähnliche Probleme zeigen sich beim EPR-Reaktor (European Pressurized Reactor) in Finnland und Frankreich, wo Kostenexplosionen und Bauverzögerungen die Projekte an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben haben.
Ein weiteres Problem der europäischen Atompolitik ist die anhaltende Abhängigkeit von russischen Nukleartechnologien. Während Europa versucht, sich von russischen Energieimporten zu befreien, bleibt der Atomsektor weitgehend von Sanktionen ausgenommen. Der russische Staatskonzern Rosatom kontrolliert weiterhin große Teile der europäischen Nuklearindustrie.
In Ungarn wird das neue AKW Paks II komplett von Rosatom gebaut, in Bulgarien ist die Wartung der sowjetischen Reaktoren von russischer Unterstützung abhängig. Auch die Brennstofflieferungen für viele osteuropäische Atomkraftwerke kommen nach wie vor aus Russland. Der geplante Ersatz durch amerikanischen oder französischen Brennstoff löst diese Abhängigkeiten nicht, sondern verlagert sie nur zu anderen Anbietern.
"Der Ausstieg aus der Atomkraftnutzung mit Hilfe des vom Kreml kontrollierten Rosatom-Konzerns wurde stillschweigend aus der EU RepowerEU-Roadmap gestrichen und von allen Sanktionen gegen Russland ausgenommen", kritisiert Lorenz. Dies zeige die Scheinheiligkeit der europäischen Energieautarkie-Bestrebungen.
Die wirtschaftlichen Argumente für die Atomenergie erweisen sich bei genauerer Betrachtung als fragwürdig. Neue Atomkraftwerke benötigen massive staatliche Subventionen, um überhaupt finanzierbar zu sein. Das britische AKW Hinkley Point C beispielsweise erhält über 35 Jahre lang einen garantierten Strompreis von über 100 Euro pro Megawattstunde - mehr als das Doppelte der aktuellen Marktpreise für erneuerbare Energien.
Die Bauzeiten neuer Atomkraftwerke haben sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verlängert. Während in den 1970er Jahren ein AKW in 5-7 Jahren gebaut werden konnte, dauern Neubauten heute 15-20 Jahre oder länger. Der EPR in Flamanville sollte ursprünglich 2012 ans Netz gehen - tatsächlich wird er frühestens 2024 in Betrieb gehen, bei Kosten von über 13 Milliarden Euro statt der ursprünglich geplanten 3 Milliarden Euro.
GLOBAL 2000 hat verschiedene Szenarien für einen schweren Atomunfall in der Nähe Österreichs durchgerechnet. Bei einem GAU im nur 35 Kilometer entfernten Dukovany würde abhängig von der Wetterlage ein Großteil Niederösterreichs und möglicherweise auch Wien von radioaktiver Kontamination betroffen sein. Die Evakuierung von mehreren hunderttausend Menschen wäre notwendig.
Ein derartiges Szenario hätte katastrophale Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft. Die Landwirtschaft in den betroffenen Gebieten würde für Jahre oder Jahrzehnte unmöglich, der Tourismus würde zusammenbrechen, und die Immobilienwerte in den kontaminierten Gebieten würden praktisch auf null fallen. Die Gesamtkosten eines solchen Unfalls für Österreich werden auf mehrere hundert Milliarden Euro geschätzt.
Besonders problematisch ist, dass Österreich als Nicht-Atomstromland keine umfassenden Notfallpläne für schwere Atomunfälle hat. Während Länder wie Deutschland oder Frankreich über detaillierte Evakuierungspläne und Notfallvorräte von Jodtabletten verfügen, ist Österreich auf einen derartigen Ernstfall nur unzureichend vorbereitet.
Die Problematik grenznaher Atomkraftwerke zeigt die Unzulänglichkeit nationaler Alleingänge in der Energiepolitik auf. Ein Atomunfall in Dukovany hätte für Österreich verheerendere Folgen als für Tschechien selbst, da die Hauptwindrichtung die radioaktive Wolke direkt nach Österreich tragen würde. Dennoch hat Österreich keinerlei Mitspracherecht bei Sicherheitsstandards oder Laufzeitverlängerungen der tschechischen Anlagen.
Die Espoo-Konvention verpflichtet zwar zu grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfungen, in der Praxis werden diese Verfahren jedoch oft als reine Formalie abgehandelt. Österreichische Einwände gegen Laufzeitverlängerungen oder Neubauten in Nachbarländern werden regelmäßig ignoriert oder als protektionistische Maßnahmen abgetan.
Während die Atomenergie mit ungelösten Problemen kämpft, haben sich erneuerbare Energien in den letzten Jahren als wirtschaftliche und technische Alternative etabliert. Die Kosten für Photovoltaik sind in den letzten zehn Jahren um über 80 Prozent gefallen, Windenergie ist in vielen Regionen bereits die günstigste Form der Stromerzeugung.
Österreich zeigt, dass eine Energiewende ohne Atomkraft möglich ist. Bereits heute stammen über 80 Prozent des österreichischen Stroms aus erneuerbaren Quellen, hauptsächlich Wasserkraft. Das Ziel, bis 2030 den Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken, ist ambitioniert, aber erreichbar.
Die Speichertechnologien entwickeln sich rasant weiter. Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke und innovative Technologien wie Power-to-Gas können die Schwankungen erneuerbarer Energien ausgleichen. Diese Technologien sind skalierbar, haben keine radioaktiven Abfälle und können dezentral eingesetzt werden.
Der Ausbau erneuerbarer Energien schafft deutlich mehr Arbeitsplätze als die Atomenergie. Während ein Atomkraftwerk nur wenige hundert Menschen beschäftigt, entstehen durch den Ausbau von Photovoltaik und Windkraft tausende Arbeitsplätze in Installation, Wartung und Produktion. Diese Arbeitsplätze sind zudem regional verteilt und können nicht ins Ausland verlagert werden.
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert, dass bis 2030 weltweit über 30 Millionen neue Arbeitsplätze im Bereich erneuerbarer Energien entstehen werden. In der Atomenergie hingegen gehen kontinuierlich Arbeitsplätze verloren, da alte Anlagen stillgelegt werden und Neubauten aufgrund der hohen Kosten unterbleiben.
15 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima sollten die Lehren klar sein: Atomenergie ist weder sicher noch wirtschaftlich noch nachhaltig. Die Katastrophe in Japan zeigt, dass auch modernste Sicherheitstechnik versagen kann und dass die Folgen eines schweren Atomunfalls Generationen überdauern.
Für Österreich bedeutet dies, dass der Widerstand gegen neue Atomkraftwerke und Laufzeitverlängerungen in den Nachbarländern nicht nur eine Frage des Umweltschutzes, sondern eine Frage des nationalen Überlebens ist. Die geografische Lage macht das Land besonders verwundbar, und die fehlenden Einflussmöglichkeiten auf die Atompolitik der Nachbarländer verschärfen diese Situation zusätzlich.
"Fukushima darf sich nicht wiederholen", mahnt Patricia Lorenz. "Europa betreibt jedoch eine genau gegenteilige Politik. Unter dem Deckmantel der Energieautarkie werden radioaktive Scheuklappen aufgesetzt." Der Plan, künftig wieder Steuergeld für den Bau und Ausbau von AKW zu vergeben, sei fahrlässig und ignoriere die Realitäten der letzten Jahrzehnte.
Die Entscheidung für oder gegen Atomenergie ist letztendlich eine Entscheidung über die Art der Gesellschaft, in der wir leben wollen. Eine Gesellschaft, die auf eine Technologie setzt, deren Risiken unbeherrschbar und deren Abfälle für hunderttausende Jahre gefährlich bleiben, oder eine Gesellschaft, die auf nachhaltige, dezentrale und sichere Energieformen setzt. Fukushima hat gezeigt, wohin der erste Weg führen kann - 15 Jahre später ist es höchste Zeit für den zweiten.