Studie zeigt dramatischen Rückzug von Frauen aus politischer Teilhabe
Nur noch jede dritte Frau glaubt an funktionierendes politisches System. Arbeitslosigkeit und Kürzungen verschärfen demokratische Krise.
Die österreichische Demokratie steht vor einer besorgniserregenden Entwicklung: Frauen verlieren zunehmend das Vertrauen in das politische System und ziehen sich aus der demokratischen Teilhabe zurück. Diese alarmierenden Erkenntnisse präsentierte der Demokratiemonitor 2025, dessen Ergebnisse von Sozialorganisationen als Warnsignal für die Zukunft der Demokratie interpretiert werden.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur noch 32 Prozent der Frauen in Österreich glauben daran, dass das politische System gut funktioniert. Unter den Betroffenen im unteren Einkommensdrittel sinkt dieser Wert auf dramatische 19 Prozent, bei arbeitslosen Frauen auf 21 Prozent. Martina Zandonella von FORESIGHT Research, die die Studie durchgeführt hat, warnt: "Das Vertrauen von Frauen in das politische System ist geringer als jenes der Männer – und es sinkt seit 2018 kontinuierlich."
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei jungen Frauen: 72 Prozent fühlen sich im Parlament "wenig" bis "gar nicht" vertreten. Diese Zahlen verdeutlichen eine tiefe Kluft zwischen den Versprechungen der Demokratie – Gleichwertigkeit und Mitsprache – und der gelebten Realität vieler Frauen in Österreich.
"Es ist wie ein Teufelskreis", beschreibt Sophie Hansal vom Dachverband Frauen- und Mädchenberatung das strukturelle Problem. "Alltagsbarrieren im Beruf, ungleich verteilte Care-Arbeit und fehlende Netzwerke verstärken sich gegenseitig: Wer nicht gesehen wird, zieht sich zurück. Weniger Repräsentation führt zu weniger Teilhabe, weniger Teilhabe zu noch weniger Einfluss."
Die Statistiken untermauern diese Analyse: Obwohl 61 Prozent der systemrelevanten Berufe von Frauen ausgeübt werden, fühlen sich nur 42 Prozent gesellschaftlich wertgeschätzt. Zusätzlich leisten Frauen täglich 4,3 Stunden unbezahlte Care-Arbeit, während Männer nur 2,5 Stunden dafür aufwenden. Diese ungleiche Verteilung der Sorgearbeit schränkt die Zeit und Energie für politisches Engagement erheblich ein.
"Arbeitslosigkeit hat zunehmend ein weibliches Gesicht", warnt Sabine Rehbichler von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich. Die aktuellen Zahlen belegen diese Entwicklung eindrucksvoll: 144.775 Frauen sind derzeit arbeitslos, wobei die Frauenarbeitslosigkeit seit Oktober 2024 deutlich stärker steigt als jene der Männer.
Besonders dramatisch ist die Situation für Frauen über 50 Jahre, deren Arbeitslosigkeit im Jahresvergleich um 9,2 Prozent gestiegen ist. Österreichweit gelten 101.976 Menschen als langzeitbeschäftigungslos, ein Anstieg von 13,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Knapp ein Drittel aller arbeitslosen Frauen ist von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.
"Die Verfestigung der Langzeitbeschäftigungslosigkeit hat gravierende Folgen: sinkende Vermittelbarkeit, gesundheitliche Belastungen, soziale Isolation und steigende Armutsrisiken", erklärt Rehbichler. "Wir stehen vor der realen Gefahr einer Verfestigung der Sockelarbeitslosigkeit auf hohem Niveau." Wie der Demokratiemonitor zeigt, verlieren Frauen in dieser prekären Situation das Vertrauen in die Politik und ziehen sich aus der demokratischen Teilhabe zurück.
Ein weiterer Aspekt der demokratischen Teilhabe zeigt sich in der Digitalisierung. "Gesellschaftliche und demokratische Teilhabe findet heute zunehmend digital statt", betont Manuela Vollmann, Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA. "Wer keinen sicheren Zugang zu digitalen Kompetenzen hat, ist nicht nur am Arbeitsmarkt benachteiligt, sondern auch in ihrer politischen Mitgestaltung eingeschränkt."
Die Organisation setzt mit Projekten wie "Digital Überall" und "Digital Überall Plus" gezielt an diesem Problem an. Frauen lernen, Wahlkarten online zu beantragen, an Volksbegehren teilzunehmen oder Dokumente digital zu unterschreiben. "Es geht um Unabhängigkeit, um Selbstbestimmung im Kontakt mit Behörden und um die Sicherheit, die eigenen Rechte eigenständig wahrnehmen zu können", erläutert Vollmann.
"Politische Teilhabe hat mit Ressourcen zu tun", erklärt Martina Fürpass von sprungbrett die besondere Situation junger Frauen. Die jungen Frauen, die Unterstützung suchen, kommen häufig aus sozial benachteiligten Familien, oft mit Migrationsgeschichte, sind von Armut oder Wohnungslosigkeit betroffen und müssen im Gegensatz zu ihren Brüdern früh Care-Arbeit leisten.
"Aktuelle soziale Kürzungen verschärfen die Situation. Da bleibt nur wenig Zeit für politisches Engagement", berichtet Fürpass. In Workshops lernen die jungen Frauen bei sprungbrett, "was Solidarität und Zusammenhalt bedeuten können. Sie lernen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind, dass man miteinander Veränderung anstoßen kann, gemeinsam stärker ist."
Soziale Unternehmen und Frauen-Beratungsstellen haben bisher genau jene Räume geschaffen, die Frauen brauchen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden und gesellschaftlich teilzuhaben. Sie erleichtern den Berufs(wieder-)einstieg, führen mittels Qualifizierungsprogrammen aus der Langzeitbeschäftigungslosigkeit und stärken Frauen darin, ihre Stimme zu erheben.
"Wir müssen Strukturen stärken, die Mädchen und Frauen Handlungsmacht zurückgeben und ihre Teilhabe aktiv fördern", fordert Sophie Hansal. "Genau das leisten etwa Beratungsstellen – sie sind ein zentraler Hebel, um diesen Kreislauf zu durchbrechen." Besonders jetzt, wo Demokratien weltweit unter Druck stehen, sei das eine gemeinsame Aufgabe.
In den kommenden Budgetverhandlungen wird entschieden, ob diese wichtigen Strukturen erhalten bleiben. "Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik sind direkte bis indirekte Einsparungen in der Demokratie", warnt Sabine Rehbichler. "Das können wir uns nicht leisten. Nicht aus sozialer und wirtschaftlicher Perspektive, und nicht als demokratische Gesellschaft."
Die Erkenntnisse des Demokratiemonitors zeigen, dass Budgetentscheidungen Auswirkungen haben, die weit über den Arbeitsmarkt hinausreichen. Eine Demokratie, die bei jenen Programmen spart, die Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit, gesellschaftliche Wertschätzung und Teilhabe ermöglichen, riskiert letztlich ihre eigene Substanz.
Besonders bedenklich ist der Befund, dass nur noch jede vierte Frau (26 Prozent) im unteren Einkommensdrittel davon überzeugt ist, mit politischer Beteiligung auch etwas bewirken zu können. Dieser Verlust an politischer Selbstwirksamkeit untergräbt ein fundamentales Prinzip der Demokratie: den Glauben daran, dass jede Stimme zählt und Veränderung möglich ist.
Die beteiligten Organisationen – arbeit plus, Dachverband Frauen- und Mädchenberatung, ABZ*AUSTRIA und sprungbrett – sind sich einig: "Eine Demokratie ohne Frauen ist keine Demokratie. Das können wir uns nicht leisten. Nicht als demokratische Gesellschaft."
Ihre Forderungen sind klar: Die Politik muss die strukturellen Barrieren abbauen, die Frauen von der demokratischen Teilhabe ausschließen. Dazu gehören eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Investitionen in die Arbeitsmarktpolitik und die Stärkung von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen.
Der Demokratiemonitor 2025 ist mehr als nur eine Momentaufnahme – er ist ein Weckruf für eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, die Hälfte ihrer Bevölkerung politisch zu verlieren. Die Konsequenzen würden nicht nur Frauen treffen, sondern die demokratische Qualität des gesamten Systems gefährden.