Innovatives Mentorinnen-Programm für mehr ökonomische Selbstbestimmung
LBI-GMR und FmB entwickeln österreichweites Projekt zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen mit Behinderungen durch Peer-Mentoring.
Zum Internationalen Frauentag am 8. März rückt ein neues österreichweites Projekt eine besonders vulnerable Gruppe in den Fokus: Frauen mit Behinderungen. Das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte (LBI-GMR) und die Interessensvertretung FmB haben gemeinsam ein innovatives Programm entwickelt, das die ökonomische Selbstbestimmung dieser Frauen stärken soll.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur 12,1 Prozent der Frauen mit Behinderungen in Österreich sind erwerbstätig – im Vergleich zu 18,4 Prozent bei Männern mit Behinderungen. Fast ein Viertel (24 Prozent) ist armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, während dieser Anteil bei Frauen ohne Behinderung nur 15 Prozent beträgt.
Diese strukturelle Benachteiligung führt zu einer besonderen Form der Mehrfachbelastung. Neben den üblichen gesellschaftlichen Herausforderungen müssen Frauen mit Behinderungen zusätzlich täglich Barrieren überwinden und komplexe Unterstützungsleistungen organisieren. Dieser sogenannte "Mental Load" – die oft unsichtbare Arbeit rund um Organisation, Planung und Verantwortung im Alltag – belastet diese Frauen besonders intensiv.
Das Projekt "Frauen mit Behinderungen als Mentorinnen für ökonomische Selbstbestimmung – Strategien zur Entlastung von Mental Load" verfolgt einen innovativen Ansatz: Frauen mit Behinderungen werden selbst zu Mentorinnen und teilen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Strategien im Dialog mit anderen betroffenen Frauen.
"Diese Methode stärkt Selbstbestimmung, schafft Vertrauen und eröffnet neue Wege, die direkt aus den Lebensrealitäten der Frauen entstehen", erklären die Projektverantwortlichen. Der Peer-to-Peer-Ansatz ermöglicht es, authentische und praxiserprobte Lösungsstrategien zu entwickeln und zu teilen.
Das im November 2025 gestartete und bis Ende 2026 laufende Projekt wird vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung gefördert. Bereits im Jänner fand die konstituierende Sitzung des projekteigenen Peer-Expertinnen-Beirats statt, in dem Frauen mit Behinderungen ihre fachliche und persönliche Expertise einbringen.
Der erste praktische Austausch im Rahmen der Mentorinnen-Dialoge wurde Ende Februar in Wien durchgeführt. 14 Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen teilten in zwei Kleingruppen ihre Erfahrungen zu finanzieller Selbstbestimmung trotz Erwachsenenvertretung sowie zu begrenzten Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten.
"Die teilnehmenden Frauen erlebten die Dialoge als Raum des Voneinander-Lernens, der gegenseitigen Bestärkung und gelebten Solidarität", berichten die Organisatorinnen. Das Bedürfnis nach weiteren Austauschräumen, in denen die Erfahrungen der Frauen Sichtbarkeit und Anerkennung finden, sei dabei besonders deutlich geworden.
Die aktuelle Situation von Frauen mit Behinderungen in Österreich widerspricht den menschenrechtlichen Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention (CRPD) und der UN-Frauenrechtskonvention (CEDAW), die ökonomische Selbstbestimmung und volle gesellschaftliche Teilhabe einfordern.
Viele der betroffenen Frauen berichten über hohe psychische Belastungen und einen besonders intensiven Mental Load. Die Bewältigung alltäglicher Barrieren und die Organisation notwendiger Unterstützungsleistungen erfordern einen enormen Aufwand, der oft unsichtbar bleibt.
In den kommenden Monaten sind weitere Austausch-Treffen in mehreren Bundesländern sowie online geplant. Dabei sollen Frauen mit Behinderungen ihre Erfahrungen sichtbar machen und gemeinsam Strategien zur Entlastung von Mental Load entwickeln.
Ein zentrales Ziel ist die Erarbeitung einer umfassenden Sammlung von Erfahrungen und Strategien für den Weg zu mehr ökonomischer Selbstbestimmung. Gleichzeitig werden die systemischen Lücken und Probleme dokumentiert, mit denen Frauen mit Behinderungen konfrontiert sind.
Die Projektergebnisse werden in verschiedenen barrierefreien Formaten aufbereitet, darunter Audio-Clips und Webinare, die auf der Website von FmB veröffentlicht werden. Um möglichst viele Frauen zu erreichen, wird das Projekt zusätzlich in vereinfachter Sprache unter dem Titel "Geld und Frauen mit Behinderungen – Wege zur Entlastung und mehr Selbstbestimmung" kommuniziert.
Die Erkenntnisse sollen nicht nur den direkten Teilnehmerinnen zugutekommen, sondern auch in konkrete Empfehlungen für Politik, Verwaltung und Praxis einfließen. Langfristig soll das Projekt zu mehr Gleichstellung und Gewaltprävention beitragen.
Das Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Menschenrechte. Es verfolgt einen menschenrechtsbasierten Ansatz und trägt zur Verbesserung der Menschenrechtsrealitäten in Österreich und international bei.
FmB – Interessensvertretung Frauen mit Behinderungen ist die erste unabhängige Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen in Österreich und steht für Anti-Ableismus, Feminismus und Intersektionalität.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie durch gezielte Unterstützung und den Austausch unter Betroffenen gesellschaftlicher Wandel angestoßen werden kann. Indem Frauen mit Behinderungen als Expertinnen ihrer eigenen Lebensrealität anerkannt und gestärkt werden, entstehen nachhaltige Lösungsansätze für strukturelle Probleme.
Die ersten Erfahrungen bestätigen bereits jetzt die Wirksamkeit des gewählten Ansatzes. Die Teilnehmerinnen berichten von gestärktem Selbstbewusstsein, neuen Perspektiven und dem Gefühl, nicht allein mit ihren Herausforderungen zu sein.
Für die Zukunft ist geplant, die Erkenntnisse des Projekts in die Entwicklung weiterer Programme und politischer Maßnahmen einfließen zu lassen, um die Situation von Frauen mit Behinderungen in Österreich nachhaltig zu verbessern.