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Wald der Zukunft: Wie Österreich Nutzung und Naturschutz vereint

BOKU-Forschung zeigt neue Wege für nachhaltige Waldbewirtschaftung

18. März 2026 um 07:31
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Österreichische Forscher entwickeln innovative Methoden, um Holzproduktion und Biodiversität im Wald zu verbinden. Ein Pilotprojekt in der Steiermark zeigt erste Erfolge.

Wälder stehen heute vor enormen Herausforderungen: Sie sollen gleichzeitig Holz liefern, das Klima schützen, die Artenvielfalt bewahren und als Erholungsraum dienen. Doch wie lassen sich diese vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Anforderungen in Zeiten des Klimawandels erfüllen? Forscher der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) suchen im Rahmen des europäischen Projekts TRANSFORMIT nach Antworten – und werden im steirischen Forstrevier Wegscheid fündig.

Wegscheid als Vorzeigemodell

Das 8.155 Hektar große Forstrevier Wegscheid nahe Mariazell dient als österreichisches "Living Lab" für innovative Waldbewirtschaftung. Hier testen die BOKU-Forscher in Kooperation mit den Österreichischen Bundesforsten das sogenannte "Ökologische Landschaftsmanagement" – einen Ansatz, der Nutzung und Naturschutz systematisch miteinander verbindet.

"Der Wald soll heute alles gleichzeitig leisten – Holz liefern, Klima schützen, Artenvielfalt sichern. Dass dabei Zielkonflikte entstehen, ist unvermeidlich", erklärt Harald Vacik vom Institut für Waldbau der BOKU. "Integrated Forest Management bedeutet, diese Wechselwirkungen ehrlich mitzudenken und gezielt Synergien zu nutzen, statt Konflikte zu ignorieren."

Konkrete Maßnahmen vor Ort

Seit 2022 wurden im Living Lab Wegscheid auf rund 512 Hektar sogenannte Habitat-Trittsteine ausgewiesen. Diese speziellen Bereiche dienen als Lebensräume für geschützte Arten und bilden gleichzeitig Vernetzungskorridore für altholzgebundene Tiere wie Spechte und Höhlenbrüter. Das Projekt geht dabei weit über theoretische Konzepte hinaus: Von der Erfassung geschützter Gebiete über die Dokumentation von Lebensraumtypen bis hin zur praktischen Vernetzung hochwertiger Waldstrukturen wird ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt.

Drei Marteloskope – spezielle Trainingsflächen für unterschiedliche Bewirtschaftungsstrategien – wurden eingerichtet:

  • Ein Altbestand mit zahlreichen Spechtlebensräumen
  • Ein natürlich verjüngter Bestand mit hoher Baumartenvielfalt
  • Ein junger Fichtenbestand mit starken Schälschäden

Diese Flächen ermöglichen es Förstern, Waldbesitzern und Studierenden, verschiedene Durchforstungsvarianten und Maßnahmen zur Förderung der Naturverjüngung praktisch zu erproben. Eine eigens entwickelte App macht die Auswirkungen verschiedener Bewirtschaftungsentscheidungen direkt im Wald sichtbar und erleichtert so das Lernen und Verstehen komplexer ökologischer Zusammenhänge.

Europäische Dimension des Projekts

TRANSFORMIT ist kein isoliertes österreichisches Vorhaben, sondern Teil eines größeren europäischen Netzwerks. Das mit 6,9 Millionen Euro aus dem EU-Programm Horizon Europe geförderte Projekt vernetzt sieben Living Labs von Lappland über die Steiermark bis Katalonien sowie rund 30 Demonstrationsflächen. Koordiniert wird es vom European Forest Institute und vereint 16 Institutionen aus 12 Ländern.

Diese europäische Vernetzung ermöglicht den Austausch bewährter Praktiken zwischen verschiedenen Klimazonen und Waldtypen. Workshops, Schulungen und eine virtuelle Plattform fördern die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis, Naturschutzbehörden und Politik. Dabei stehen die Ziele des EU Green Deals, der Biodiversitätsstrategie und der EU-Waldstrategie 2030 im Fokus.

Messbare Erfolge durch Schlüsselindikatoren

Um die Wirksamkeit der integrativen Waldbewirtschaftung zu bewerten, haben die Forscher 17 wissenschaftlich definierte Schlüsselindikatoren entwickelt. Diese decken verschiedene Bereiche ab: Biodiversität, Waldstruktur, Verjüngung, Klimawandelanpassung sowie sozioökonomische Aspekte. Die Indikatoren machen messbar, wie gut die Balance zwischen verschiedenen Waldleistungen gelingt – von der lokalen bis zur europäischen Ebene.

Diese systematische Herangehensweise ist besonders wichtig, da sie objektive Vergleiche zwischen verschiedenen Bewirtschaftungsformen ermöglicht und evidenzbasierte Entscheidungen unterstützt. So können beispielsweise die Auswirkungen unterschiedlicher Durchforstungsintensitäten auf die Biodiversität quantifiziert und mit den ökonomischen Erträgen in Beziehung gesetzt werden.

Digitale Werkzeuge für die Praxis

Bis zum Projektende im Dezember 2027 werden digitale Entscheidungshilfen für die Waldbewirtschaftung entwickelt und getestet. Diese Tools sollen Waldbesitzern und Förstern dabei helfen, integratives Waldmanagement zu planen und umzusetzen. Die Plattform decidetool.at gibt bereits einen Einblick in die Möglichkeiten solcher digitalen Unterstützungssysteme.

Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Forschungsergebnisse. Über das Forest Knowledge Gateway werden Erkenntnisse und Erfahrungen einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht. Seminare und Schulungen mit Fachleuten und Praxispartnern sorgen für den direkten Transfer in die forstliche Praxis.

Herausforderungen des Klimawandels

Die Bedeutung integrativer Waldbewirtschaftung wird durch die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels verstärkt. Borkenkäferkalamitäten, Trockenperioden und Stürme setzen den Wäldern zu und zwingen zu einem Umdenken in der Forstwirtschaft. Gleichzeitig steigen die gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald: Neben der traditionellen Holzproduktion soll er auch Kohlenstoff speichern, Infrastruktur vor Naturgefahren schützen und als Erholungsraum dienen.

"Die steigenden Nutzungskonflikte sind ein zentrales Problem unserer Zeit", betont Vacik. "Nur durch eine integrative Herangehensweise können wir diese Herausforderungen bewältigen und den Wald fit für die Zukunft machen."

Wirtschaftliche und ökologische Synergien

Ein wichtiger Aspekt des Projekts ist der Nachweis, dass ökologische und ökonomische Ziele nicht zwangsläufig im Widerspruch stehen müssen. Viele Maßnahmen, die die Biodiversität fördern, können gleichzeitig die Stabilität und Produktivität der Wälder erhöhen. Beispielsweise führt eine größere Baumartendiversität oft zu einer höheren Resistenz gegen Schädlinge und Krankheiten.

Die Habitat-Trittsteine in Wegscheid zeigen, wie kleine, strategisch platzierte Naturschutzflächen große Wirkung entfalten können, ohne die Gesamtproduktivität des Waldes wesentlich zu beeinträchtigen. Solche Ansätze sind besonders für private Waldbesitzer interessant, die auf Holzerträge angewiesen sind, aber gleichzeitig ihren Beitrag zum Naturschutz leisten möchten.

Ausblick und Bedeutung für Österreich

Österreich ist mit einem Waldanteil von 47 Prozent der Staatsfläche eines der waldreichsten Länder Europas. Die nachhaltige Bewirtschaftung dieser Wälder ist daher von enormer nationaler und internationaler Bedeutung. Die Erkenntnisse aus dem TRANSFORMIT-Projekt könnten wegweisend für die österreichische Forstwirtschaft werden und als Modell für andere Länder dienen.

Das Living Lab Wegscheid wird auch nach Projektende als Forschungs- und Demonstrationsfläche weitergeführt. Die dort entwickelten Methoden und Erkenntnisse sollen schrittweise auf andere Waldgebiete übertragen werden. Damit könnte Österreich eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung zukunftsfähiger Waldbewirtschaftungskonzepte einnehmen.

Die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung, praktischer Erprobung und digitalem Wissenstransfer macht das TRANSFORMIT-Projekt zu einem vielversprechenden Ansatz für die Herausforderungen der Zukunft. Es zeigt, dass nachhaltige Waldbewirtschaftung möglich ist – wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und innovative Wege beschreiten.

Schlagworte

#Forstwirtschaft#Biodiversität#Nachhaltigkeit#BOKU#Klimawandel#Österreich#Forschung

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