Die 24-Stunden-Betreuung in Österreich steht vor einem kritischen Wendepunkt. Während die Nachfrage nach häuslicher Pflege kontinuierlich steigt, warnen Experten vor einem drohenden Pflegenotstand....
Die 24-Stunden-Betreuung in Österreich steht vor einem kritischen Wendepunkt. Während die Nachfrage nach häuslicher Pflege kontinuierlich steigt, warnen Experten vor einem drohenden Pflegenotstand. Der Grund: Die staatliche Förderung hinkt der Realität dramatisch hinterher. Marcela Tichanek, Wiener Berufszweigsprecherin der Organisationen von Personenbetreuung, fordert daher eine Verdoppelung der Förderung auf 1.600 Euro monatlich – und macht dabei auf ein gravierendes Ungleichgewicht im österreichischen Sozialsystem aufmerksam.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während der Staat für einen Pflegeheimplatz jährlich 36.540 Euro ausgibt, erhält die 24-Stunden-Betreuung nur magere 9.600 Euro pro betreuter Person (800 Euro monatlich). Diese 24-Stunden-Betreuung bezeichnet die kontinuierliche häusliche Pflege und Betreuung von pflegebedürftigen Personen durch speziell ausgebildete Betreuungskräfte, die meist aus dem Ausland stammen und entweder bei der Familie wohnen oder in unmittelbarer Nähe verfügbar sind.
Das bedeutet konkret: Pro Klient investiert Österreich in die Heimbetreuung mehr als das Vierfache dessen, was für die häusliche 24-Stunden-Betreuung aufgewendet wird. "Das Ungleichgewicht muss vor allem in Hinblick auf die Qualitätssicherung rasch geändert werden", erklärt Tichanek die Dringlichkeit der Situation.
Diese Finanzierungslücke ist nicht nur ungerecht, sondern auch volkswirtschaftlich kontraproduktiv. Die 24-Stunden-Betreuung ermöglicht es älteren Menschen, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben, was nicht nur deren Lebensqualität erhöht, sondern auch das Gesundheitssystem entlastet. Gleichzeitig kostet diese Form der Betreuung den Staat deutlich weniger als ein Pflegeheimplatz.
In Wien arbeiten derzeit etwa 7.400 Personenbetreuer – so werden die qualifizierten Betreuungskräfte bezeichnet, die eine spezielle Ausbildung absolviert haben und berechtigt sind, pflegebedürftige Personen zu versorgen. Österreichweit sind es beeindruckende 57.000 Betreuungskräfte, die diesen unverzichtbaren Dienst leisten. Über 95 Prozent dieser Betreuerinnen und Betreuer kommen aus dem Ausland, hauptsächlich aus osteuropäischen Ländern.
Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Bedeutung der 24-Stunden-Betreuung für das österreichische Sozialsystem. Ohne diese Betreuungskräfte wäre das heimische Pflegesystem binnen kürzester Zeit kollabiert. "Die 24-Stunden-Betreuung ist für das heimische Sozialsystem unverzichtbar geworden", betont Tichanek.
Als die Personenbetreuung im Jahr 2007 gesetzlich geregelt wurde, handelte es sich noch um ein Nischensegment der Pflege. Damals war die staatliche Förderung von 550 Euro monatlich durchaus angemessen. Doch in den vergangenen 17 Jahren hat sich die Situation grundlegend geändert. Die Betreuungsbedürftigen weisen heute einen deutlich komplexeren Betreuungsbedarf auf, was höhere Qualifikationen und intensivere Begleitung erfordert.
Die Inflation hat zudem dazu geführt, dass die 2023 auf 800 Euro angehobene Förderung real weniger wert ist als die ursprünglichen 550 Euro im Jahr 2007. "Das geht völlig an der Lebensrealität der betreuten Menschen vorbei", kritisiert Tichanek diese Entwicklung.
Ein wesentlicher Grund für die gestiegenen Kosten liegt in der notwendigen Qualitätssicherung. Darunter versteht man die fachliche Begleitung und Überwachung der Betreuungsarbeit durch qualifizierte Fachkräfte, insbesondere diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Diese Qualitätssicherung war 2007 noch nicht in dem Maße erforderlich, wie sie heute unabdingbar geworden ist.
Johannes Wallner von der Österreichischen Qualitätszertifizierung für Personenbetreuung (ÖQZ-24) erklärt: "Da die Betreuungssettings stetig anspruchsvoller geworden sind, ist die Qualität in der Personenbetreuung immer wichtiger." Diese Entwicklung spiegelt den demografischen Wandel wider: Die zu betreuenden Personen sind heute älter, haben komplexere Krankheitsbilder und benötigen entsprechend qualifiziertere Betreuung.
Das ÖQZ-24 Zertifikat ist ein Qualitätssiegel, das Agenturen für 24-Stunden-Betreuung erhalten können, wenn sie bestimmte Standards erfüllen. Zertifizierte Agenturen garantieren unter anderem:
Diese Zertifizierung kostet jedoch zusätzliches Geld, das letztendlich von den betreuten Familien getragen werden muss.
Die Rechnung ist ernüchternd: Wenn Familien die Honorare für die Betreuerinnen, die Kosten für die Qualitätssicherung und die anteiligen Ausgaben wie Verpflegung und Energie zusammenzählen, landen sie bei monatlichen Gesamtkosten von bis zu 4.000 Euro. Davon trägt der Staat gerade einmal 800 Euro – also 20 Prozent.
"Somit liegt der Ball beim Sozialministerium, das für die Höhe der Förderung verantwortlich ist", macht Tichanek deutlich, wo sie die Verantwortung für eine Lösung sieht. Eine Erhöhung auf 1.600 Euro würde zumindest 40 Prozent der realen Kosten abdecken und damit eine deutliche Entlastung für die betroffenen Familien bedeuten.
Österreich hinkt im internationalen Vergleich bei der Förderung häuslicher Pflege deutlich hinterher. Deutschland beispielsweise gewährt über die Pflegeversicherung deutlich höhere Leistungen für vergleichbare Betreuungsformen. In der Schweiz sind die staatlichen Zuschüsse ebenfalls substantiell höher, was zu einer Abwanderung österreichischer Betreuungskräfte in diese Länder führt.
Auch innerhalb Österreichs gibt es regionale Unterschiede bei zusätzlichen Landesförderungen, die jedoch die grundsätzliche Problematik der zu niedrigen Bundesförderung nicht lösen können.
Die Folgen der unzureichenden Finanzierung sind bereits sichtbar: "Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, wandern Betreuungskräfte weiter verstärkt in besser bezahlende Nachbarländer wie Deutschland, Italien oder die Schweiz ab", warnt Tichanek. Bereits seit der Corona-Pandemie haben mehrere tausend Betreuungskräfte Österreich verlassen.
Diese Abwanderung von Betreuungskräften bezeichnet den Trend, dass qualifizierte Personenbetreuer Österreich verlassen, um in anderen Ländern zu arbeiten, wo sie bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne erhalten. Dieser Brain-Drain im Pflegebereich verschärft den bereits bestehenden Personalmangel dramatisch.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren seine Attraktivität für ausländische Pflegekräfte systematisch gesteigert. Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und umfangreichere soziale Absicherung machen das nördliche Nachbarland für viele Betreuungskräfte zur ersten Wahl. Ähnliche Entwicklungen sind in der Schweiz und in Italien zu beobachten.
Ein besonders sensibles Thema ist die Situation jener 40 Prozent der Betreuungskräfte, die selbständig und ohne Unterstützung von Vermittlungsagenturen arbeiten. Für diese Gruppe ist die Fachgruppe der Wirtschaftskammer nicht nur die gesetzliche Interessenvertretung, sondern auch eine wichtige Informationsquelle für rechtliche und bürokratische Fragen.
"Wir erheben auch den Anspruch, dass die in der Fachgruppe gewählten Vertreterinnen der Personenbetreuerinnen in all jenen Gremien vertreten sind, die über die Zukunft der 24-Stunden-Betreuung beraten", fordert Tichanek ein stärkeres Mitspracherecht bei den Reformvorhaben des Sozialministeriums.
Da über 95 Prozent der Betreuungskräfte aus dem Ausland stammen, ergeben sich zahlreiche bürokratische Herausforderungen: Gewerberecht, Sozialversicherung, Steuerrecht, behördliche Meldungen des Wohnsitzes und vieles mehr. Die Fachgruppe stellt dafür Unterlagen in den jeweiligen Muttersprachen der Betreuerinnen zur Verfügung – ein Service, der für die Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt unerlässlich ist.
Ohne entsprechende Gegenmaßnahmen steuert Österreich "sehenden Auges auf einen Pflege- und Betreuungsnotstand zu", warnt Tichanek eindringlich. Diese drastischen Worte sind nicht übertrieben, wenn man die demografische Entwicklung betrachtet: Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt kontinuierlich, während gleichzeitig qualifizierte Betreuungskräfte das Land verlassen.
Ein Pflegenotstand bezeichnet eine Situation, in der die Nachfrage nach Pflegeleistungen das verfügbare Angebot bei weitem übersteigt. Dies führt zu längeren Wartezeiten, schlechterer Betreuungsqualität und letztendlich zu menschlichem Leid bei den Betroffenen und deren Angehörigen.
Österreich altert rapide: Bis 2030 wird die Zahl der über 65-Jährigen um weitere 20 Prozent steigen. Gleichzeitig nimmt die Pflegebedürftigkeit mit dem Alter exponentiell zu. Während heute etwa 450.000 Menschen in Österreich pflegebedürftig sind, werden es 2030 voraussichtlich über 600.000 sein. Diese Entwicklung macht deutlich, wie wichtig eine funktionierende 24-Stunden-Betreuung für die Zukunft ist.
Betreuungsorganisationen sind nicht nur Vermittler zwischen Familien und Betreuungskräften, sondern auch wichtige Partner für die Betreuerinnen selbst. Sie bieten Unterstützung bei bürokratischen Fragen, rechtlichen Problemen und fungieren als Ansprechpartner bei Konflikten oder Schwierigkeiten.
Diese Betreuungsorganisationen sind spezialisierte Unternehmen, die qualifizierte Personenbetreuer an pflegebedürftige Familien vermitteln und dabei sowohl die Interessen der Familien als auch der Betreuungskräfte vertreten. Sie sorgen für rechtskonforme Arbeitsverträge, faire Entlohnung und professionelle Abwicklung der Betreuungsverhältnisse.
Moderne Betreuungsorganisationen verstehen sich zunehmend als Qualitätsgaranten. Sie führen regelmäßige Fortbildungen durch, überwachen die Betreuungsqualität und stellen sicher, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Diese zusätzlichen Leistungen kosten jedoch Geld, das bei unzureichender staatlicher Förderung von den Familien getragen werden muss.
Ein zentraler Punkt in Tichaneks Forderungskatalog ist die angemessene Vertretung der Betreuungskräfte in den Reformgremien des Sozialministeriums. "Wir erheben auch den Anspruch, dass die in der Fachgruppe gewählten Vertreterinnen der Personenbetreuerinnen in all jenen Gremien vertreten sind, die über die Zukunft der 24-Stunden-Betreuung beraten", so ihre klare Forderung.
Diese Forderung ist berechtigt: Wer könnte besser über die Herausforderungen und Bedürfnisse der 24-Stunden-Betreuung Auskunft geben als jene, die täglich in diesem Bereich arbeiten? Eine Reform ohne Einbindung der Praktiker wäre wie eine Operation am offenen Herzen ohne Kardiologe.
Die in der Fachgruppe gewählten Vertreterinnen verfügen über eine demokratische Legitimation durch ihre Kolleginnen. Sie kennen die täglichen Herausforderungen aus erster Hand und können wertvolle Inputs für eine praxistaugliche Reform liefern. Ihre Ausgrenzung aus wichtigen Entscheidungsgremien wäre nicht nur undemokratisch, sondern auch fachlich kontraproduktiv.
Bleibt eine substantielle Erhöhung der Förderung aus, sind die Folgen absehbar: Weitere Abwanderung von Betreuungskräften, steigende Kosten für Familien, sinkende Qualität der Betreuung und letztendlich ein Kollaps des Systems der häuslichen 24-Stunden-Betreuung. Dies würde eine dramatische Überlastung der stationären Pflegeeinrichtungen zur Folge haben, die bereits heute an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.
Die volkswirtschaftlichen Folgen wären verheerend: Höhere Kosten für das Gesundheitssystem, soziale Verwerfungen durch unzureichende Betreuung älterer Menschen und eine Verschlechterung der Lebensqualität für Hunderttausende Österreicher und ihre Familien.
Andere europäische Länder zeigen, wie es besser geht: Niederlande, Dänemark und Schweden haben ihre häuslichen Pflegesysteme in den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut und dabei sowohl die Qualität verbessert als auch die Finanzierung nachhaltiger gestaltet. Österreich könnte von diesen Erfahrungen lernen und ein zukunftsfähiges Modell entwickeln.
Die Forderung nach einer Erhöhung der Förderung auf 1.600 Euro ist dabei nur der erste Schritt. Langfristig braucht es ein völlig neues Finanzierungsmodell, das der Bedeutung der 24-Stunden-Betreuung für das österreichische Sozialsystem gerecht wird und gleichzeitig faire Arbeitsbedingungen für die Betreuungskräfte sicherstellt.