Größte CEO-Stimmungsanalyse zeigt: 91% bewerten Wirtschaftslage negativ
215 Führungskräfte zeigen klare KI-Offenheit, doch Transformation scheitert oft am Tagesgeschäft. Nur 9% sehen Österreichs Wirtschaft positiv.
Österreichs Top-Führungskräfte stehen vor einem Paradox: Während sie die Notwendigkeit von Veränderungen klar erkennen und neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz aufgeschlossen gegenüberstehen, scheitert die praktische Umsetzung oft am alltäglichen Geschäftsbetrieb. Das zeigt der erstmals präsentierte "Leaders of Transformation-Barometer", die bislang größte CEO-Stimmungsanalyse in Österreich.
Das Gemeinschaftsprojekt von Business Gladiators und Leitbetriebe Austria befragte 215 CEOs, Eigentümer und C-Level-Führungskräfte zu ihrer Einschätzung der aktuellen Wirtschaftslage und den Herausforderungen der Unternehmenstransformation. Die Ergebnisse wurden bei einer Veranstaltung hoch über den Dächern Wiens präsentiert und zeichnen ein eindeutiges Bild der österreichischen Wirtschaft.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur 9 Prozent der befragten Spitzen-Führungskräfte bewerten die aktuelle wirtschaftliche Lage in Österreich positiv. 91 Prozent sehen die Situation neutral oder schlecht – ein alarmierendes Signal für die heimische Wirtschaft.
"Die wirtschaftliche Stimmung ist extrem angespannt und der Transformationsdruck steigt rasant", erklärt Alexander Zauner, Studienleiter des Barometers. Diese pessimistische Grundstimmung bestätigte sich auch in den Diskussionen des hochkarätig besetzten Podiums mit Ulrike Retter (Geschäftsführerin RETTER Bio-Natur-Resort), Michael Hempt (Geschäftsführer Würth) und Hartwig Hufnagl (Vorstand ASFINAG).
Michael Hempt von Würth betonte dabei die Bedeutung klarer Kommunikation: "Gerade in einer Zeit, die von Unsicherheiten und Veränderungen geprägt ist, ist es entscheidend, klar zu kommunizieren, Chancen aktiv zu nutzen und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln." Ulrike Retter verwies auf die spürbaren Auswirkungen der angespannten Lage, wie kurzfristigere Buchungen bei Firmenkunden und steigenden Kostendruck.
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zeigen sich Österreichs Führungskräfte technologischen Innovationen gegenüber aufgeschlossen: 81 Prozent stehen dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in zentralen Unternehmensprozessen überwiegend bis sehr offen gegenüber. Diese Offenheit spiegelt das Bewusstsein wider, dass KI-Technologien entscheidende Wettbewerbsvorteile bieten können.
In der Praxis wird KI bereits in vielen Bereichen eingesetzt. ASFINAG-Vorstandsdirektor Hartwig Hufnagl berichtete beispielsweise über den erfolgreichen Einsatz bei der Verkehrssteuerung oder der optimierten Nutzung von Daten für Vertrieb und Wissensmanagement. Dennoch zeigt sich eine klare Diskrepanz zwischen der technischen Bereitschaft und der organisatorischen Umsetzung.
"KI und Digitalisierung nützen wenig, wenn die Kultur nicht mitzieht", brachte es Studienleiter Zauner auf den Punkt. Diese Einschätzung wird durch die Erhebung bestätigt: Während sich rund zwei Drittel der Führungskräfte als transformationsbereit sehen, wird die Motivation der Mitarbeiter deutlich kritischer eingeschätzt.
56 Prozent der befragten Unternehmen sehen einen hohen bis sehr hohen Veränderungsbedarf in ihrem Unternehmen. Paradoxerweise ist aber genau das Tagesgeschäft für 28,7 Prozent der größte Transformationskiller. Die Herausforderung liegt darin, neben dem laufenden Betrieb Räume für echte Veränderung zu schaffen.
Hartwig Hufnagl von der ASFINAG beschreibt diese Herausforderung anschaulich: "Hohe Kosten und brüchige Lieferketten erschweren die Situation zusätzlich. Entscheidend sind klare Zielbilder sowie die Aussicht auf effizientere Prozesse, um Transformation zu ermöglichen. Wer die Menschen nicht mitnimmt, wird keine Transformation schaffen."
Für Gastgeber Philipp Maderthaner steht fest: "Die Fähigkeit zur Anpassung entscheidet über Erfolg oder Scheitern." Doch genau hier liegt oft das Problem: Viele Unternehmen erkennen zwar den Handlungsbedarf, scheitern aber an der konsequenten Umsetzung.
Ein überraschendes Ergebnis der Studie: 96 Prozent der befragten Führungskräfte messen Nachhaltigkeit und ökologischer Verantwortung derzeit keine Priorität bei. Diese Entwicklung steht im deutlichen Kontrast zu den gesellschaftlichen Erwartungen und regulatorischen Anforderungen, die auf Unternehmen zukommen.
Monica Rintersbacher, Geschäftsführerin von Leitbetriebe Austria, ordnet dieses Ergebnis ein: "Technologie allein reicht nicht – entscheidend ist, wie konsequent Unternehmen ihre Mitarbeiter einbinden und Verantwortung im gesamten Unternehmen verankern." Die Fokussierung auf kurzfristige wirtschaftliche Herausforderungen drängt offenbar langfristige Nachhaltigkeitsziele in den Hintergrund.
Die Studie identifiziert neben der Dominanz des Tagesgeschäftes vor allem Kultur und Leadership als Haupthindernisse für erfolgreiche Transformation. Während technische Lösungen oft vorhanden sind, fehlt es häufig an der organisatorischen und kulturellen Basis für deren erfolgreiche Implementierung.
"Produktivität und echte Transformation entstehen nur, wenn alle im Unternehmen Verantwortung übernehmen", erklärt Monica Rintersbacher. "Ohne aktive Einbindung der Menschen bleibt Veränderung wirkungslos – genau hier setzt auch unsere Initiative 'Neue Welt der Arbeit' an, die durch den Leaders of Transformation-Barometer eine wichtige empirische Grundlage erhält."
Die Erkenntnisse der Studie zeigen, dass erfolgreiche Transformation mehr als nur technische Innovation erfordert. Führungskräfte müssen als Vorbilder vorangehen und eine Kultur des Wandels schaffen, die alle Mitarbeiter einbezieht. Dies erfordert nicht nur strategische Vision, sondern auch die Fähigkeit, Menschen zu motivieren und mitzunehmen.
Ulrike Retter sieht in der aktuellen Transformation trotz der Herausforderungen auch Chancen: "Die Transformation bietet die Möglichkeit, Prozesse zu vereinfachen und den Fokus stärker auf Qualität zu legen." Diese positive Einstellung zeigt, wie wichtig die richtige Perspektive für erfolgreiche Veränderungsprozesse ist.
Der "Leaders of Transformation-Barometer" macht deutlich, dass österreichische Unternehmen kein Erkenntnisproblem haben – sie wissen sehr wohl, wo Handlungsbedarf besteht. Das Problem liegt vielmehr in der Umsetzung. Zwischen strategischem Wissen und praktischer Implementierung klafft eine erhebliche Lücke.
Alexander Zauner fasst die Herausforderung treffend zusammen: "Transformation ist weniger eine Frage des Wissens als eine Frage konsequenter Führung und Priorisierung." Unternehmen, die in der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage erfolgreich sein wollen, müssen lernen, Transformation und Tagesgeschäft parallel zu bewältigen.
Die Studie zeigt auch, dass erfolgreiche Transformation ein ganzheitlicher Ansatz ist, der Technologie, Kultur und Leadership gleichermaßen berücksichtigt. Unternehmen, die nur auf einzelne Aspekte setzen, werden langfristig nicht erfolgreich sein.
Für österreichische Unternehmen ergeben sich aus den Studienergebnissen klare Handlungsfelder: Die Schaffung von Freiräumen für Transformation neben dem Tagesgeschäft, die konsequente Einbindung aller Mitarbeiter in Veränderungsprozesse und die Entwicklung einer transformationsfreundlichen Unternehmenskultur sind entscheidende Erfolgsfaktoren.
Die vollständige Auswertung des "Leaders of Transformation-Barometers" steht kostenlos zur Verfügung und bietet Unternehmen eine empirische Grundlage für ihre eigenen Transformationsbemühungen. Mit 215 teilnehmenden Top-Entscheidern – darunter über 100 CEOs und mehr als 60 Eigentümer – stellt sie die bislang umfassendste Erhebung ihrer Art in Österreich dar.
Die Ergebnisse zeigen: Österreichs Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen, verfügt aber durchaus über das Bewusstsein und die grundsätzliche Bereitschaft für notwendige Veränderungen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, dieses Potenzial in konkrete, messbare Transformationserfolge umzumünzen.