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Studieren und Arbeiten: Erwerbsdruck gefährdet Studienerfolg

68 Prozent der österreichischen Studierenden müssen neben dem Studium arbeiten

14. April 2026 um 12:51
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Steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten zwingen Studierende zur Erwerbstätigkeit. Die AK fordert bessere Studienförderung und faire Teilzeitbedingungen.

Die neuesten Zahlen der Studierendensozialerhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeichnen ein besorgniserregendes Bild: 68 Prozent der Studierenden in Österreich müssen neben ihrem Studium arbeiten, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken. Was auf den ersten Blick wie eine persönliche Entscheidung oder ein karrierefördernder Schritt aussehen mag, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als strukturelles Problem des österreichischen Bildungs- und Sozialsystems.

Finanzielle Notwendigkeit statt freie Wahl

Die Arbeiterkammer Wien schlägt Alarm: Für 71 Prozent der erwerbstätigen Studierenden ist die Arbeit neben dem Studium keine freiwillige Entscheidung, sondern eine finanzielle Notwendigkeit. "Bildung und Weiterentwicklung soll allen in Österreich möglich sein, unabhängig vom Einkommen der Eltern", betont AK-Präsidentin Renate Anderl. "Dafür muss dann auch der Staat beisteuern. Aktuell ist das oft nicht so, viele arbeiten in Teilzeit und machen ein Studium."

Die Daten zeigen eine klare Korrelation zwischen Arbeitsumfang und Studienerfolg: Je mehr Stunden Studierende arbeiten müssen, desto stärker leidet ihr Studium darunter. Vier von zehn Studierenden geben an, dass es schwierig ist, Studium und Job miteinander zu vereinbaren. Diese Doppelbelastung führt nicht nur zu längeren Studienzeiten, sondern auch zu erhöhtem Stress und schlechteren Studienleistungen.

Explodierende Wohnkosten als Haupttreiber

Ein Blick auf die Kostenstruktur der Studierenden verdeutlicht die Problematik: 38 Prozent der Ausgaben fließen in die Wohnkosten, weitere 21 Prozent in die Verpflegung. Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei den Wohnkosten: In den vergangenen zehn Jahren sind diese um erschreckende 51 Prozent angestiegen. Insgesamt sind die Gesamtkosten für Studierende von 2023 auf 2025 um sechs Prozent gestiegen.

Diese Kostensteigerungen treffen nicht alle Studierenden gleich hart. Besonders betroffen sind jene ohne familiäre finanzielle Unterstützung, Studierende über 27 Jahre sowie Studierende mit Kindern. Für diese Gruppen fallen viele Förderungen weg, wodurch das Risiko von finanziellen Engpässen bis hin zur Armutsgefährdung drastisch steigt.

Unzureichende Studienförderung

"Studierende, die nicht von ihren Eltern finanziell unterstützt werden, sollten genug Beihilfe erhalten, um ohne Armut leben zu können", fordert Renate Anderl. "Derzeit sind die Beihilfen so niedrig, dass sie für niemanden zum Leben reichen, insbesondere nicht für ältere Studierende oder Studierende mit Kind." Die AK-Präsidentin sieht dringenden Handlungsbedarf: "Dafür bräuchte es eine starke Anhebung der Studienbeihilfe, mindestens über die Armutsgefährdungsschwelle."

Teilzeitarbeit: Faire Bedingungen gefordert

Im Rahmen ihrer aktuellen Kampagne setzt sich die Arbeiterkammer für bessere Arbeitsbedingungen in der Teilzeit ein. Konkret fordert sie, dass für Mehrstunden bei Teilzeitarbeit ein 50-prozentiger Zuschlag bezahlt wird – analog zu den Überstunden bei Vollzeitbeschäftigung. "Wer arbeitet und studiert, leistet doppelt – und verdient faire Bedingungen", unterstreicht Anderl.

Diese Forderung ist besonders relevant, da viele Studierende aufgrund ihrer zeitlichen Einschränkungen hauptsächlich in Teilzeitjobs arbeiten. Oft müssen sie dabei prekäre Arbeitsverhältnisse in Kauf nehmen, da sie auf flexible Arbeitszeiten angewiesen sind, die sich mit ihrem Studienplan vereinbaren lassen.

Gesellschaftliche Auswirkungen der Bildungsfinanzierung

Die aktuelle Situation hat weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen. Wenn Studierende aus finanziellen Gründen arbeiten müssen, führt dies zu einer sozialen Selektion im Hochschulsystem. Studierende aus wohlhabenden Familien können sich voll auf ihr Studium konzentrieren, während jene aus ärmeren Verhältnissen neben dem Studium arbeiten müssen und dadurch benachteiligt werden.

Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu dem Grundsatz der Chancengleichheit im Bildungswesen. Bildung sollte nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, sondern allen gleichermaßen zugänglich sein. Die aktuelle Situation führt jedoch dazu, dass soziale Ungleichheit durch das Bildungssystem perpetuiert wird, anstatt ausgeglichen zu werden.

Konkrete Forderungen an die Politik

Die Arbeiterkammer hat einen umfassenden Forderungskatalog entwickelt, um die Situation der Studierenden zu verbessern:

  • Deutliche Anhebung der Studienbeihilfe über die Armutsgefährdungsschwelle hinaus
  • Schaffung von mehr leistbarem Wohnraum für Studierende
  • Ausweitung der Förderkriterien, insbesondere für ältere Studierende und Studierende mit Kindern
  • Einführung eines 50-prozentigen Zuschlags für Mehrstunden bei Teilzeitarbeit
  • Bessere Vereinbarkeit von Studium und Erwerbsarbeit durch flexible Studiengestaltung

Rolle der Universitäten

Auch die Universitäten sind gefordert, ihren Beitrag zu leisten. Die AK fordert eine Flexibilisierung der Studienbedingungen, um erwerbstätigen Studierenden bessere Chancen zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise mehr Abendveranstaltungen, Online-Angebote oder modulare Studiengestaltung, die es ermöglicht, Studium und Arbeit besser zu koordinieren.

Internationale Vergleiche zeigen Handlungsbedarf

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass andere Länder teilweise bessere Lösungen für die Studienfinanzierung gefunden haben. In Ländern wie Dänemark oder Deutschland gibt es umfassendere Unterstützungssysteme, die es Studierenden ermöglichen, sich primär auf ihr Studium zu konzentrieren, ohne in die Armut zu rutschen.

Die österreichische Politik ist daher gefordert, das Studienförderungssystem grundlegend zu überdenken und an die aktuellen Lebenshaltungskosten anzupassen. Die Ergebnisse der IHS-Studie liefern hierfür eine solide empirische Grundlage und unterstreichen die Dringlichkeit entsprechender Maßnahmen.

Langfristige Perspektiven

"Arbeiten und Studieren darf nicht zum Armutsrisiko werden", fasst AK-Präsidentin Anderl die Problematik zusammen. Die aktuellen Zahlen der Studierendensozialerhebung machen deutlich, dass dringend gehandelt werden muss, um die Chancengleichheit im österreichischen Bildungssystem zu gewährleisten.

Die Arbeiterkammer wird ihre Kampagne für faire Teilzeitbedingungen fortsetzen und gleichzeitig weiter Druck für eine Reform des Studienförderungssystems ausüben. Nur durch eine Kombination aus besserer finanzieller Unterstützung und fairen Arbeitsbedingungen kann sichergestellt werden, dass alle Studierenden – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – gleiche Bildungschancen haben.

Die Ergebnisse der IHS-Studie sollten für alle Beteiligten ein Weckruf sein: Das österreichische Hochschulsystem braucht dringend strukturelle Reformen, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken und echte Chancengleichheit zu verwirklichen.

Schlagworte

#Studium#Teilzeit#Bildungspolitik#Soziale Gerechtigkeit#Studentenförderung

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