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ORF-Generaldirektorin Thurnher lädt Religionsvertreter zum Dialog

14. April 2026 um 16:18
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Am Dienstag, den 14. April 2026, fand im ORF-Mediencampus ein bedeutsamer Gedankenaustausch statt: Die interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher lud Vertreterinnen und Vertreter aller 1...

Am Dienstag, den 14. April 2026, fand im ORF-Mediencampus ein bedeutsamer Gedankenaustausch statt: Die interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher lud Vertreterinnen und Vertreter aller 16 gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften Österreichs zu einem Round Table ein. Im Zentrum der Diskussion standen aktuelle Entwicklungen und zukünftige Perspektiven der ORF-Religionsberichterstattung in einer Zeit gesellschaftlicher und medialer Umbrüche.

Österreichs Religionslandschaft im Wandel

Österreich verfügt über ein besonderes System der religiösen Anerkennung, das sich deutlich von anderen europäischen Ländern unterscheidet. Die 16 gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften umfassen nicht nur die traditionellen christlichen Konfessionen wie die Römisch-katholische Kirche, die Evangelische Kirche und die Altkatholische Kirche, sondern auch die Israelitische Religionsgesellschaft, die Islamische Glaubensgemeinschaft und die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft. Diese rechtliche Anerkennung bringt besondere Rechte mit sich: Sie ermöglicht den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen sowie steuerliche Begünstigungen.

Das österreichische Religionsrecht geht auf das Protestantenpatent Kaiser Joseph II. aus dem Jahr 1781 zurück und wurde über die Jahrhunderte kontinuierlich weiterentwickelt. Im Vergleich zu Deutschland, wo Kirchensteuern automatisch eingezogen werden, oder zur strikten Laizität Frankreichs, nimmt Österreich eine Mittelposition ein. Die Trennung von Staat und Kirche ist weniger rigide als in anderen europäischen Ländern, gleichzeitig wird aber die Gleichberechtigung aller anerkannten Religionsgemeinschaften gewährleistet.

Prominente Teilnehmer des Religionsdialoges

Zu den prominenten Teilnehmern des Round Tables gehörten der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl, Cornelia Richter als Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B., Maria Kubin von der Altkatholischen Kirche, Oberrabbiner Jaron Engelmayer von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ümit Vural als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft sowie Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft. Die Vielfalt der Teilnehmer spiegelt die religiöse Pluralität Österreichs wider, die sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert hat.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Barbara Krenn, der Leiterin der ORF-Hauptabteilung "Religion und Ethik – multimedial". Diese Abteilung koordiniert die gesamte Religionsberichterstattung des ORF über alle Medienkanäle hinweg – von traditionellen Fernsehsendungen über Radioprogramme bis hin zu digitalen Formaten und Podcasts. Die Hauptabteilung ist damit eine der wenigen spezialisierten Religionsredaktionen im deutschsprachigen Raum.

Neue Programmstrategien des ORF

Die strategischen Neuausrichtungen im ORF-Programmangebot basieren auf der vom ORF initiierten Studie "Was glaubt Österreich?" der Universität Wien. Diese umfangreiche Untersuchung dokumentiert deutlich veränderte Glaubens- und Wertvorstellungen der österreichischen Bevölkerung. Während 1961 noch 89 Prozent der Österreicher der römisch-katholischen Kirche angehörten, sind es heute nur noch etwa 56 Prozent. Gleichzeitig wächst der Anteil von Menschen ohne Religionsbekenntnis kontinuierlich und lag 2021 bei etwa 17 Prozent.

Als Reaktion auf diese gesellschaftlichen Veränderungen entwickelte der ORF innovative digitale Formate. Die Serie "Schlüsselmomente der Religionen" nutzt ikonische Fotografien als Ausgangspunkt, um Wendepunkte der Religionsgeschichte zu beleuchten. Dieses Format verbindet visuelle Kommunikation mit historischer Bildung und macht komplexe religionsgeschichtliche Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich. Die Serie "Was im Leben zählt" widmet sich anhand von zehn Philosophinnen und Philosophen grundlegenden Fragen des menschlichen Zusammenlebens.

Podcast-Revolution in der Religionsberichterstattung

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die neuen Podcast-Formate des ORF. "Macht und Herrlichkeit – der Ö1-Popecast" behandelt die Geschichte des Papsttums im Spannungsfeld von Religion, Politik und Macht. Podcasts haben sich in den vergangenen Jahren als besonders effektives Medium für die Vermittlung komplexer Inhalte etabliert, da sie es ermöglichen, Themen ausführlich und differenziert zu behandeln. Der durchschnittliche Podcast-Hörer in Österreich konsumiert etwa 4,5 Stunden Audio-Content pro Woche, wobei Bildungsinhalte einen wachsenden Anteil ausmachen.

Der Ethikpodcast "Die entscheidende Frage" greift aktuelle moralische Dilemmata auf und bietet verschiedene philosophische und religiöse Perspektiven dazu. Solche Formate sind besonders wertvoll in einer Zeit, in der ethische Fragen durch technologische Entwicklungen, medizinische Fortschritte und gesellschaftliche Veränderungen immer komplexer werden. Die "Was glaubt Österreich?-Zaungespräche" sollen zum gesellschaftlichen Austausch über verschiedene Wert- und Glaubensvorstellungen beitragen und damit eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Weltanschauungen in Österreich bauen.

Stimmen der Religionsvertreter

Die Statements der Religionsvertreter verdeutlichen ein gemeinsames Verständnis für die Bedeutung unabhängigen Religionsjournalismus. Erzbischof Josef Grünwidl betonte, dass kirchliche Medienpräsenz sich nicht auf "Hofberichterstattung" beschränken dürfe und kritischer Religionsjournalismus durchaus wünschenswert sei, sofern er fair und gut recherchiert ist. Diese Offenheit gegenüber kritischer Berichterstattung markiert einen deutlichen Wandel im Verhältnis zwischen Kirchen und Medien.

Cornelia Richter von der Evangelischen Kirche hob hervor, dass kritischer Journalismus durch seine Unabhängigkeit über den Verdacht religiöser Parteilichkeit erhaben sei. Sie warnte gleichzeitig vor einer entmündigenden "Lebenshilfe" und betonte, dass der erste Ort der Sinn- und Lebensorientierung in Familie und Freundeskreis liege. Diese Sichtweise reflektiert das protestantische Verständnis individueller Verantwortung und zeigt gleichzeitig ein differenziertes Medienverständnis.

Maria Kubin von der Altkatholischen Kirche nutzte die Gelegenheit, die Besonderheiten ihrer Kirche zu erläutern: Als erste katholische Bischöfin Österreichs und Vertreterin einer Kirche, die sich synodal für die Ehe für alle entschieden hat, repräsentiert sie einen progressiven Katholizismus. Die Altkatholische Kirche entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf das Erste Vatikanische Konzil und dessen Unfehlbarkeitsdogma.

Religionsvielfalt als gesellschaftliche Realität

Oberrabbiner Jaron Engelmayer betonte die Bedeutung der ORF-Religionsberichterstattung für das Verständnis spiritueller Lebenswelten in Österreich. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien ist mit etwa 7.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Österreichs und hat nach der Shoah einen mühsamen Wiederaufbau durchlaufen. Heute ist sie wieder eine lebendige Gemeinschaft mit eigenen Bildungseinrichtungen, kulturellen Aktivitäten und sozialen Diensten.

Ümit Vural von der Islamischen Glaubensgemeinschaft hob hervor, dass Religion sich "im Licht der Öffentlichkeit bewähren" müsse. Die IGGÖ vertritt etwa 700.000 Muslime in Österreich und ist damit die zweitgrößte Religionsgemeinschaft nach der römisch-katholischen Kirche. Sie wurde bereits 1912 rechtlich anerkannt und ist damit eine der ältesten islamischen Organisationen Europas. Vural betonte die Brückenfunktion des ORF, spirituelle Ressourcen auch für Menschen ohne direkten Bezug zu Religionsgemeinschaften zugänglich zu machen.

Gerhard Weißgrab von der Buddhistischen Religionsgesellschaft wies auf das mangelnde Wissen über Religionen in der Bevölkerung hin und betonte die Verantwortung des ORF für qualitätsvolle Berichterstattung. Der Buddhismus in Österreich hat etwa 25.000 Anhänger und wurde 1983 als Religionsgesellschaft anerkannt. Die Vielfalt buddhistischer Traditionen – von tibetischen über zen-buddhistische bis hin zu theravada-buddhistischen Richtungen – spiegelt die internationale Ausrichtung des österreichischen Buddhismus wider.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Die Äußerungen von ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher verdeutlichen die gewandelte Rolle des Religionsjournalismus: "Unabhängiger Religionsjournalismus ist heute keine Nische mehr. Er ist eine demokratische Notwendigkeit." Diese Einschätzung reflektiert die Tatsache, dass religiöse Themen wieder stärker in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingetreten sind. Von Debatten über Religionsunterricht und Kopftuchverbote bis hin zu Fragen der Ethik in der Medizin – religiöse Positionen beeinflussen zunehmend politische Entscheidungen.

Barbara Krenn betonte die Bedeutung faktenbasierter Einordnung in einer Zeit von Fake News und Desinformation. Religiöse Themen sind besonders anfällig für Verzerrungen und Instrumentalisierung, da sie tiefe emotionale Verbindungen auslösen und oft mit Identitätsfragen verknüpft sind. Ein professioneller Religionsjournalismus kann dabei helfen, Narrative kritisch zu prüfen und eine differenzierte Darstellung zu gewährleisten.

Auswirkungen auf die österreichische Medienlandschaft

Die Initiative des ORF könnte wegweisend für die gesamte österreichische Medienlandschaft werden. Während private Medien oft unter wirtschaftlichem Druck stehen und komplexe religiöse Themen vereinfachen müssen, kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch seinen Bildungsauftrag differenzierte Berichterstattung leisten. Dies ist besonders wichtig angesichts der Tatsache, dass religiöse Bildung in Österreich stark abnimmt und viele Menschen nur noch oberflächliches Wissen über Religionen besitzen.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nimmt Österreich mit dieser Initiative eine Vorreiterrolle ein. Während in Deutschland der Religionsjournalismus oft auf Skandalberichterstattung fokussiert ist und in Frankreich religiöse Themen aufgrund der Laizität marginalisiert werden, versucht Österreich einen konstruktiven Dialog zwischen Medien und Religionsgemeinschaften zu etablieren.

Die langfristigen Auswirkungen dieser neuen Programmstrategie werden sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, sowohl die religiösen Gemeinschaften als auch die säkulare Öffentlichkeit anzusprechen. Studien zeigen, dass religiöse Sendungen oft nur von bereits religiös interessierten Menschen konsumiert werden. Die Herausforderung liegt darin, auch Menschen ohne religiösen Hintergrund für spirituelle und ethische Fragen zu interessieren.

Gesellschaftlicher Dialog in Krisenzeiten

Die Betonung der Bedeutung religiöser und spiritueller Angebote in Krisenzeiten durch mehrere Gesprächsteilnehmer spiegelt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wider. Studien der letzten Jahre zeigen, dass Menschen in Unsicherheitsphasen – sei es durch Pandemien, Wirtschaftskrisen oder geopolitische Spannungen – verstärkt nach Sinn und Orientierung suchen. Diese Suche beschränkt sich nicht nur auf traditionell religiöse Menschen, sondern erfasst auch säkulare Bevölkerungsschichten.

Die Corona-Pandemie hat beispielsweise zu einem verstärkten Interesse an spirituellen Themen geführt. Online-Gottesdienste erreichten plötzlich Menschen, die nie eine Kirche betreten hätten. Gleichzeitig wuchs das Interesse an Meditation, Achtsamkeitspraktiken und philosophischen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Diese Entwicklung zeigt, dass die Grenze zwischen religiösen und säkularen Sinnsuche-Praktiken zunehmend verschwimmt.

Der ORF steht damit vor der Aufgabe, Programme zu entwickeln, die dieser veränderten Nachfrage gerecht werden. Dies erfordert eine Abkehr von traditionellen Formaten, die oft nur innerhalb religiöser Gemeinschaften rezipiert wurden, hin zu innovativen Ansätzen, die auch Menschen ohne religiösen Hintergrund ansprechen.

Die Zukunft der Religionsberichterstattung in Österreich wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, den Spagat zwischen respektvoller Darstellung religiöser Traditionen und kritischer journalistischer Analyse zu meistern. Der Dialog zwischen ORF und Religionsvertretern könnte dabei ein Modell für andere europäische Länder werden und zeigen, wie konstruktive Zusammenarbeit zwischen Medien und Religionsgemeinschaften in pluralistischen Gesellschaften aussehen kann.

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