132.000 Arbeitnehmer suchten 2024 Hilfe bei der Arbeiterkammer
Die Arbeiterkammer Niederösterreich konnte 2024 fast 143 Millionen Euro an Nachzahlungen für Beschäftigte sichern. Besonders betroffen: die Gastronomie.
Die Arbeiterkammer Niederösterreich zieht eine beeindruckende Bilanz für das Jahr 2024: Knapp 143 Millionen Euro an rechtmäßigen Ansprüchen konnten die Arbeitsrechtsexperten für niederösterreichische Beschäftigte sichern. Insgesamt 132.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer suchten im vergangenen Jahr Hilfe bei der AK Niederösterreich.
"Die Expert:innen der AK Niederösterreich konnten beinahe 143 Millionen Euro für die Betroffenen sichern", bilanziert AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser das herausfordernde Jahr 2024.
Die Palette der Probleme, mit denen sich niederösterreichische Beschäftigte an die Arbeiterkammer wandten, war breit gefächert. Unbezahlte Überstunden standen dabei ganz oben auf der Liste, gefolgt von nicht ausbezahlten Ansprüchen beim Ende des Arbeitsverhältnisses und fristwidrigen Kündigungen. Auch Beratungsbedarf rund um Home Office und Teleworking beschäftigte die Arbeitsrechtsexperten intensiv.
Eine besondere Herausforderung stellten dabei die in Kollektivverträgen festgeschriebenen Verfallsfristen dar. Thomas Kaindl, Leiter des Bereichs Regionale Aufgaben der AK Niederösterreich, erklärt die Problematik: "Für viele Betroffene konnten wir zustehende Ansprüche wie unbezahlte Überstunden erst in letzter Minute sichern, weil der jeweilige Kollektivvertrag nur relativ kurze Verfallsfristen von drei oder sechs Monaten für offene Ansprüche vorsieht."
Nicht immer ging die Rechnung für die Beschäftigten auf: "In manchen Fällen kamen Arbeitnehmer:innen auch zu spät zu uns und fielen um einen Teil der Ansprüche um", berichtet Kaindl. Diese Erfahrung unterstreicht die Wichtigkeit einer frühzeitigen Kontaktaufnahme mit der Arbeiterkammer.
Besonders auffällig war die Häufigkeit der Beschwerden aus der Gastronomie. "Überproportional häufig mussten die Arbeitsrechtsexpert:innen der AK Niederösterreich für Beschäftigte aus der Gastronomie einschreiten", bestätigt AK Niederösterreich-Arbeitsrechtsexpertin Vera Kmenta-Spalofsky.
Die typischen Arbeitsrechtsverstöße in der GastronomieBranche umfassen ein breites Spektrum:
Diese Probleme sind nicht neu, scheinen aber in der Gastronomie besonders hartnäckig zu bestehen. Die AK Niederösterreich sieht sich hier als wichtige Kontrollinstanz, um die Rechte der Beschäftigten durchzusetzen.
Ein weiterer Dauerbrenner in der Beratungstätigkeit der AK waren Unternehmensinsolvenzen. "Insgesamt haben wir für etwas mehr als 4.500 Beschäftigte offene Entgeltforderungen beim Insolvenzentgeltfonds eingebracht", schildert Präsident Wieser das Ausmaß der Problematik.
Die schnelle Bearbeitung durch die AK Niederösterreich erwies sich dabei als entscheidend: "Durch unsere schnelle Arbeit wurden die offenen Forderungen so rasch wie möglich ausbezahlt. Häufig geht es da um mehrere Monatsgehälter", erklärt Wieser. Für die betroffenen Arbeitnehmer bedeutet dies oft eine existenzielle Entlastung in einer ohnehin schwierigen Situation.
Von den 132.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die sich 2024 an die AK Niederösterreich wandten, konnte in den allermeisten Fällen bereits durch die Beratung eine Lösung gefunden werden. Typische Beratungsanlässe waren unklare Lohnabrechnungen oder die Überprüfung von Arbeitsverträgen.
Nur in tausenden Fällen musste die AK tatsächlich zugunsten der Betroffenen intervenieren oder sogar vor Gericht ziehen. Diese Zahlen zeigen, dass oft bereits eine kompetente Beratung ausreicht, um Arbeitsrechtsprobleme zu lösen.
Die beeindruckende Summe von 142,7 Millionen Euro an Nachzahlungen setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Den Großteil machten ausstehende Löhne und Gehälter aus, die den Beschäftigten zu Unrecht vorenthalten worden waren. Hinzu kamen nicht bezahlte Urlaubs- oder Kündigungsentschädigungen sowie Abfertigungen.
"Ohne unsere Beratung und Rechtsvertretung wären die meisten Betroffenen nicht zu ihrem Geld gekommen", fasst Präsident Wieser die Bedeutung der AK-Arbeit zusammen. Diese Einschätzung verdeutlicht den Wert der Arbeiterkammer als Interessensvertretung für die Beschäftigten.
Die Zahlen der AK Niederösterreich verdeutlichen mehrere wichtige Aspekte des niederösterreichischen Arbeitsmarktes. Zum einen zeigen sie, dass Arbeitsrechtsverletzungen nach wie vor ein weit verbreitetes Problem darstellen. Die hohe Zahl der Hilfesuchenden und die beträchtliche Summe der erstrebten Nachzahlungen sprechen eine deutliche Sprache.
Gleichzeitig unterstreichen die Erfolge der AK die Notwendigkeit einer starken Interessensvertretung für Arbeitnehmer. Ohne die fachkundige Unterstützung wären viele Beschäftigte nicht in der Lage gewesen, ihre rechtmäßigen Ansprüche durchzusetzen.
Die Erfahrungen des Jahres 2024 zeigen auch strukturelle Probleme auf. Die kurzen Verfallsfristen in Kollektivverträgen erschweren es Beschäftigten, ihre Ansprüche rechtzeitig geltend zu machen. Hier wäre eine Überarbeitung der entsprechenden Bestimmungen wünschenswert.
Besonders problematisch erscheint die Situation in der Gastronomie, wo Arbeitsrechtsverletzungen überproportional häufig auftreten. Dies deutet auf die Notwendigkeit verstärkter Kontrollen und möglicherweise auch schärferer Sanktionen hin.
Die hohe Zahl der von Insolvenzen betroffenen Beschäftigten zeigt zudem die wirtschaftlichen Herausforderungen auf, denen sich viele Unternehmen gegenübersehen. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Sozialpartnern gefragt, um präventive Maßnahmen zu entwickeln.
Die Bilanz der AK Niederösterreich für das Jahr 2024 ist beeindruckend und alarmierend zugleich. Beeindruckend, weil es gelungen ist, fast 143 Millionen Euro für die Beschäftigten zu sichern. Alarmierend, weil die hohe Zahl der Hilfesuchenden zeigt, dass Arbeitsrechtsverletzungen nach wie vor weit verbreitet sind.
Die Arbeit der AK Niederösterreich erweist sich damit als unverzichtbar für den Schutz der Arbeitnehmerrechte in Niederösterreich. Sie fungiert nicht nur als Beratungsstelle, sondern auch als wichtige Kontrollinstanz, die dafür sorgt, dass die gesetzlichen und kollektivvertraglichen Bestimmungen eingehalten werden.
Für Beschäftigte ist die Botschaft klar: Bei Problemen am Arbeitsplatz sollten sie sich frühzeitig an die Arbeiterkammer wenden, um ihre Rechte zu wahren und durchzusetzen. Die Erfolgsquote und die hohen erstrebten Summen zeigen, dass sich dieser Schritt in den meisten Fällen lohnt.