Minister Wiederkehr will Lehrpläne grundlegend reformieren - heftige Diskussion im Nationalrat
Bildungsminister Wiederkehr plant die größte Lehrplan-Reform seit den 1970ern. Die Lateinstunden sollen reduziert werden zugunsten von KI.
Österreichs Bildungssystem steht vor einer grundlegenden Neuausrichtung: Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat im Nationalrat eine tiefgreifende Reform der Lehrpläne angekündigt, die für heftige politische Diskussionen sorgt. Im Zentrum der Debatte steht die geplante Reduzierung der Lateinstunden zugunsten moderner Fächer wie Künstliche Intelligenz und Demokratiebildung.
"Um Kinder und Jugendliche gut auf ihr Leben vorzubereiten, brauche es tiefgreifende Veränderungen in Lehrplänen und in der Ausbildung der Lehrkräfte", erklärte Wiederkehr während der Aktuellen Stunde im Nationalrat. Der Minister verwies darauf, dass die letzte grundlegende Reform der Schulfächer und Lehrpläne in den 1970er-Jahren unter Bundeskanzler Bruno Kreisky stattgefunden habe. Seitdem habe sich die Gesellschaft massiv verändert.
Die humanistische Bildung müsse aktualisiert werden, deren Ziel schon immer gewesen sei, Menschen zu befähigen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. "Dafür brauche es mehr informatische Kompetenzen, mehr Medienkompetenz, Demokratiebildung und Wirtschaftsbildung", so der Bildungsminister. Dabei wolle er nicht einfach neue Querschnittsmaterien hinzufügen, sondern wenn etwas Neues hinzukomme, müsse auch etwas Altes reformiert werden.
Die NEOS-Abgeordneten unterstützten ihren Minister vehement. Yannick Shetty zeigte sich stolz, dass in der Bildungspolitik seit der Regierungsbeteiligung der NEOS "kein Stein auf dem anderen geblieben" sei. Österreich könne sich in der Bildung keinen Stillstand mehr leisten, da die Lehrpläne noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen seien.
Martina von Künsberg Sarre argumentierte, die Schule könne sich nicht wegducken und hoffen, dass das Neue sie nicht betreffe. "Es brauche eine Reduktion der Lateinstunden, damit ebenso wichtige Fächer wie Informatik und Demokratiebildung hinzukommen können", erklärte sie. Janos Juvan kritisierte "Spitzenvertreter der Lehrergewerkschaft", die Reformen blockieren würden.
Der Koalitionspartner ÖVP zeigte sich deutlich zurückhaltender gegenüber den Reformplänen. Nico Marchetti räumte zwar ein, dass man sich bei den Lehrplänen überlegen müsse, was noch zeitgemäß sei und KI zum Thema gemacht werden müsse. Gleichzeitig seien aber auch eine gute Allgemeinbildung und sprachliche Bildung wichtiger als je zuvor.
"Man werde die Lehrpläne auf den Prüfstand stellen und gemeinsam darüber verhandeln, was das Beste sei", betonte Marchetti diplomatisch. Er streite lieber mit den NEOS über Lehrpläne als mit der FPÖ über einen EU-Austritt. Die ÖVP stehe weiterhin zum ausdifferenzierten Schulsystem und zum Gymnasium.
Romana Deckenbacher warnte davor, dass Modernisierung nicht eine Reduktion von Allgemeinbildung bedeuten dürfe. "Latein sei kein nostalgisches Relikt, sondern Sprachbildung", argumentierte sie und sprach sich dafür aus, Reformen unter Einbeziehung aller Lehrerinnen und Lehrer umzusetzen.
Die SPÖ positionierte sich als Vermittler in der Debatte. Heinrich Himmer betonte, dass eine gute Reform zu mehr Chancengerechtigkeit führen müsse. Die Diskussion über die Gestaltung der Lehrpläne müsse länger geführt werden und brauche eine gemeinsame Anstrengung. Er forderte, mit angekündigten Reformen nicht für Verunsicherung zu sorgen, sondern Perspektiven zu geben.
Silvia Kumpan-Takacs ergänzte, dass eine Gesellschaft, in der Bildung einen hohen Stellenwert habe, chancenreicher sei. Wenn man die Bildungspläne ins 21. Jahrhundert holen wolle, brauche es mutige Schritte und einen Weg des Dialogs. Ihre Vision für das Bildungssystem beinhaltet neben einer Stärkung der Elementarpädagogik auch eine gemeinsame Schule von sechs bis 14 Jahren.
Scharfe Kritik kam erwartungsgemäß von der FPÖ. Hermann Brückl warf den NEOS vor, die "ideologische Abrissbirne" an das Fundament der Bildung anzusetzen. Der Minister würde über Lehrpläne im Alleingang entscheiden und Hilferufe von Lehrkräften, Sorgen von Eltern und die Meinung von Expertinnen und Experten ignorieren.
Als "perfide" bezeichnete Brückl den Vorschlag, bewährte Fächer wie Latein abzuwerten. "Wer KI verstehen wolle, brauche die analytische Tiefe, die in Latein vermittelt werde", argumentierte er. Den Vorstoß für eine sechsjährige Volksschule sah er als "trojanisches Pferd für eine sozialistische Einheits- und Gesamtschule". Die Kernprobleme - Sprachdefizit von Schülerinnen und Schülern, Integrationsprobleme und Lehrermangel - blieben unbehoben.
Marie-Christine Giuliani-Sterrer warnte, dass bei einer Nivellierung nicht Gleichheit, sondern Mittelmaß entstehe. Am Anfang jeder Bildungsreform müsse die Frage stehen, was man jungen Menschen inhaltlich zumuten und zutrauen könne.
Die Grünen zeigten sich grundsätzlich aufgeschlossen für Reformen, kritisierten aber das Vorgehen der Regierung. Sigrid Maurer konnte dem Vorschlag, mehr KI-Kompetenz und dafür weniger Latein zu vermitteln, durchaus etwas abgewinnen. Allerdings vermisste sie konkrete Gesetzesanträge: "Es gebe viele Schlagzeilen, aber wenig Substanz."
Diese Politik werde den Sorgen der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte nicht gerecht. Die NEOS seien mit dem "Weltmeister der Blockade" konfrontiert, nämlich der "ÖVP in enger Umklammerung der Lehrergewerkschaft", analysierte Maurer.
Barbara Neßler kritisierte, dass sich die Regierung in großen Ankündigungen verliere, aber die wirklichen Herausforderungen ignoriere. Als Beispiel nannte sie das noch immer nicht umgesetzte Social-Media-Verbot für Jugendliche. Die Grünen seien die Ersten, die bei mutigen Schritten in der Bildungspolitik dabei seien, betonten aber die Notwendigkeit von Chancengleichheit, da Bildung nach wie vor vererbt werde.
Die Debatte im Nationalrat macht deutlich, dass Österreichs Bildungssystem vor grundlegenden Veränderungen steht. Während sich alle Parteien grundsätzlich für eine Modernisierung aussprechen, gehen die Vorstellungen über das "Wie" weit auseinander. Die Diskussion um Latein versus Künstliche Intelligenz symbolisiert dabei einen größeren Konflikt zwischen traditioneller Bildung und digitaler Zukunftsorientierung.
Besonders kontrovers diskutiert wird die Frage, ob eine Reduzierung klassischer Bildungsinhalte zugunsten neuer Kompetenzen der richtige Weg ist. Während die NEOS argumentieren, dass die Lehrpläne entstaubt werden müssen, warnt die Opposition vor einem Verlust bewährter Bildungstraditionen.
Der Bildungsausschuss hat übrigens die Verhandlungen über die EU-Jahresvorschau für 2026 zu den Vorhaben im Bildungsbereich vertagt - ein Zeichen dafür, dass auch auf europäischer Ebene noch Gesprächsbedarf besteht.
Trotz aller Meinungsverschiedenheiten zeigt die Parlamentsdebatte auch Gemeinsamkeiten auf: Alle Parteien betonen die Notwendigkeit eines Dialogs mit Lehrkräften, Eltern und Experten. Die Frage ist nun, ob es gelingt, einen Konsens für eine Reform zu finden, die sowohl die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts erfüllt als auch bewährte Bildungstraditionen respektiert.
Minister Wiederkehr steht vor der Herausforderung, seine ambitionierten Reformpläne nicht nur innerhalb der Koalition durchzusetzen, sondern auch die Bildungsgemeinschaft mitzunehmen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus den großen Ankündigungen konkrete Gesetzesvorhaben werden und wie das österreichische Bildungssystem tatsächlich fit für die Zukunft gemacht werden kann.