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Dunkelflaute bringt Österreichs Stromnetz an die Grenzen

3. April 2026 um 10:16
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Österreichs Stromversorgung stand im Februar 2026 vor einer beispiellosen Herausforderung: Die anhaltende Dunkelflaute – ein Phänomen, bei dem Wind und Sonne gleichzeitig kaum Energie liefern – zwa...

Österreichs Stromversorgung stand im Februar 2026 vor einer beispiellosen Herausforderung: Die anhaltende Dunkelflaute – ein Phänomen, bei dem Wind und Sonne gleichzeitig kaum Energie liefern – zwang das Land zu Rekordimporten von Strom aus dem Ausland. An nur zwei Tagen des gesamten Monats konnte Österreich bilanziell Strom exportieren, was die Dramatik der Situation verdeutlicht.

Was ist eine Dunkelflaute und warum ist sie so gefährlich?

Eine Dunkelflaute beschreibt Wetterperioden, in denen sowohl die Sonne kaum scheint als auch der Wind nur schwach weht. Diese meteorologische Konstellation führt dazu, dass die beiden wichtigsten erneuerbaren Energiequellen – Photovoltaik und Windkraft – praktisch gleichzeitig ausfallen. Verschärft wird die Situation im Winter durch niedrige Wasserstände in den Flüssen aufgrund der Schneebindung, wodurch auch die Wasserkraft nur eingeschränkt verfügbar ist.

Im Winter 2025/26 herrschte statistisch gesehen an jedem zweiten Tag zwischen Oktober und Februar eine solche Dunkelflaute – eine außergewöhnlich lange und intensive Periode. Diese Wetterlage brachte Österreichs Stromsystem an seine absoluten Belastungsgrenzen und machte deutlich, wie verletzlich ein stark auf erneuerbare Energien ausgerichtetes System werden kann.

Rekordimporte und historische Höchstwerte

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Österreich musste im Februar 2026 insgesamt 997 Gigawattstunden (GWh) Strom importieren – das entspricht einer Steigerung von 20,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am 1. Februar wurde sogar ein neues historisches Tagesmaximum erreicht, als 106 GWh an einem einzigen Tag importiert werden mussten.

Um diese Dimensionen zu verstehen: 106 GWh entsprechen etwa dem Tagesstromverbrauch von rund 2,5 Millionen österreichischen Haushalten. Diese Menge musste komplett aus dem Ausland bezogen werden, da die heimische Produktion nicht ausreichte. Die Abhängigkeit von Stromimporten erreichte damit ein nie dagewesenes Niveau.

Reservekraftwerke als letzte Rettung

Neben den massiven Stromimporten mussten auch Reservekraftwerke aktiviert werden, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Diese meist mit Gas betriebenen Anlagen dienen normalerweise nur als Backup und kommen nur in Notfällen zum Einsatz. Die Redispatch-Kosten – also die Kosten für kurzfristige Anpassungen im Stromnetz – beliefen sich allein im Februar auf 2,6 Millionen Euro.

"Die sogenannte Dunkelflaute machte sich im Februar wie auch bereits in den vorangegangenen Wintermonaten stark bemerkbar", erklärt Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der Austrian Power Grid (APG). "Diese Entwicklung unterstreicht einmal mehr die zentrale Rolle von Gaskraftwerken in der Absicherung der heimischen Stromversorgung."

Österreich im europäischen Vergleich

Österreich steht mit diesem Problem nicht allein da. Auch Deutschland erlebte im Winter 2025/26 mehrere kritische Dunkelflaute-Perioden, die das Stromnetz stark belasteten. In der Schweiz führte die Situation sogar zu politischen Diskussionen über die Versorgungssicherheit. Frankreich hingegen profitierte von seinem hohen Anteil an Kernenergie, die wetterunabhängig konstant Strom liefert.

Im Vergleich zu anderen österreichischen Bundesländern zeigten sich deutliche regionale Unterschiede: Während Tirol (301 GWh) und Salzburg (250 GWh) die größten Stromverbraucher waren, speisten Niederösterreich (203 GWh) und Vorarlberg (191 GWh) am meisten Strom ins Netz ein. Diese Unterschiede spiegeln sowohl die industrielle Struktur als auch die geografischen Gegebenheiten der Regionen wider.

Paradox der erneuerbaren Energien

Trotz eines Anstiegs der erneuerbaren Stromproduktion um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr konnten die erneuerbaren Energien nur etwa 64 Prozent des Strombedarfs decken. Dieses scheinbare Paradox erklärt sich durch den gleichzeitig um etwa 15 Prozent gestiegenen Stromverbrauch, insbesondere in den Kalenderwochen 6 bis 9.

Die Wasserkraft war der Haupttreiber bei den erneuerbaren Energien und konnte dank hoher Niederschlagsmengen ihre Erzeugung um beachtliche 44 Prozent steigern. Auch die Windkraft verzeichnete ein Plus von circa 12 Prozent und erreichte Mitte Februar sogar einen Rekordwert durch eine außergewöhnlich starke Windflanke.

Photovoltaik als Sorgenkind

Die Photovoltaik hingegen wurde zum Sorgenkind des trüben Februars: Die Erzeugung ging um knapp 40 Prozent im Vorjahresvergleich zurück. Dies hatte weitreichende Folgen für private Haushalte, die normalerweise einen Teil ihres Strombedarfs durch eigene Solaranlagen decken. Da diese kaum Strom produzierten, mussten die Haushalte deutlich mehr Strom aus dem öffentlichen Netz beziehen, was den Gesamtverbrauch zusätzlich anheizte.

Auswirkungen auf Wirtschaft und Verbraucher

Die Dunkelflaute hatte direkte Auswirkungen auf österreichische Unternehmen und Verbraucher. Energieintensive Industriebetriebe mussten teilweise ihre Produktion drosseln oder auf teure Spitzenstromtarife ausweichen. Kleinere Gewerbebetriebe spürten die gestiegenen Stromkosten besonders deutlich, da sie meist keine langfristigen Lieferverträge zu stabilen Preisen haben.

Private Haushalte erlebten den Effekt vor allem über ihre Stromrechnungen: Da weniger Eigenstrom aus Photovoltaik-Anlagen zur Verfügung stand, mussten sie mehr teuren Netzstrom beziehen. Experten schätzen, dass sich die Stromkosten für einen durchschnittlichen Haushalt im Februar um 15 bis 25 Euro erhöhten.

Besonders betroffen waren Regionen mit hoher Industriedichte wie Oberösterreich und die Steiermark. Hier führten die Versorgungsengpässe zu Produktionsausfällen im zweistelligen Millionenbereich. Die Voestalpine und andere Großverbraucher mussten ihre Produktionspläne anpassen und teilweise auf kostspielige Notstromaggregate zurückgreifen.

Netzausbau als Schlüssel zur Lösung

Austrian Power Grid identifiziert den raschen Ausbau der Netzinfrastruktur als entscheidenden Lösungsansatz. Derzeit reichen die bestehenden Netzkapazitäten nicht aus, um die benötigten Strommengen aus dem Ausland zu importieren. "Der rasche Ausbau der Netzinfrastruktur ist der Schlüsselfaktor, um nachhaltig preisgünstigen Strom für Österreichs Wirtschaft und Industrie verfügbar zu machen", betont Christiner.

Die geplanten Investitionen sind beeindruckend: APG wird bis 2034 rund 9 Milliarden Euro in den Netzaus- und Umbau investieren. Allein 2026 sind Investitionen in Höhe von 680 Millionen Euro geplant – eine deutliche Steigerung gegenüber den 595 Millionen Euro im Jahr 2025.

Digitalisierung und Speichertechnologie

Neben dem physischen Netzausbau setzt APG auf Digitalisierung und moderne Speichertechnologien. Intelligente Stromnetze (Smart Grids) sollen künftig in der Lage sein, Angebot und Nachfrage in Echtzeit auszugleichen und Verbraucher automatisch zu steuern. Großspeicher sollen überschüssigen Strom aus windreichen oder sonnenreichen Zeiten für Dunkelflaute-Perioden vorhalten.

Die Digitalisierung aller Akteure des Energiesystems wird als Voraussetzung für das effiziente Management der volatilen erneuerbaren Energien gesehen. Moderne Prognosesysteme sollen künftig Dunkelflauten mehrere Tage im Voraus erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten.

Politische Konsequenzen und Strategieentwicklung

Die Februar-Krise hat in der österreichischen Politik eine intensive Debatte über die Energiestrategie ausgelöst. Christiner fordert "eine gesamtsystemische energiewirtschaftliche Planung und Umsetzung inklusive einer Kraftwerksstrategie". Dies bedeutet, dass Österreich seine Energiepolitik grundlegend überdenken muss.

Die Diskussion dreht sich vor allem um die Frage, welche Rolle Gaskraftwerke als Backup-Systeme spielen sollen. Während Umweltschützer auf schnelleren Ausbau von Speichern und Wasserstoff setzen, warnen Industrievertreter vor einer zu raschen Abkehr von fossilen Backup-Kraftwerken.

Internationale Abhängigkeiten und Risiken

Die massive Abhängigkeit von Stromimporten birgt auch geopolitische Risiken. Österreich ist zunehmend auf die Solidarität seiner Nachbarländer angewiesen, die ihre eigenen Versorgungsprobleme haben können. Experten warnen vor einer "Strom-Konkurrenz" in Europa, wenn mehrere Länder gleichzeitig von Dunkelflauten betroffen sind.

Die Importpreise stiegen im Februar deutlich an, da mehrere europäische Länder gleichzeitig als Käufer auf dem Markt auftraten. Diese Entwicklung zeigt die Verwundbarkeit eines stark vernetzten, aber wetterabhängigen Stromsystems auf.

Zukunftsaussichten und Prognosen

Klimaforscher warnen, dass Dunkelflauten durch den Klimawandel häufiger und intensiver werden könnten. Wettermodelle deuten darauf hin, dass sich die Wetterlagen stabilisieren und länger andauern – was zu längeren Perioden ohne Wind und Sonne führen kann.

Für den kommenden Winter 2026/27 bereitet sich APG bereits intensiv vor. Zusätzliche Reservekapazitäten werden bereitgestellt, und die Kooperation mit europäischen Partnern wird verstärkt. Dennoch rechnen Experten damit, dass ähnliche Situationen in den kommenden Jahren wiederholt auftreten können.

Langfristig soll der Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken und anderen Speichertechnologien die Abhängigkeit von Importen reduzieren. Bis diese Technologien im großen Maßstab verfügbar sind, bleiben Gaskraftwerke und Stromimporte unverzichtbare Säulen der Versorgungssicherheit.

Die Ereignisse im Februar 2026 haben gezeigt, dass Österreich bei der Energiewende vor komplexen Herausforderungen steht. Die Balance zwischen Klimazielen, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit erfordert innovative Lösungen und massive Investitionen. Nur durch eine durchdachte Strategie kann verhindert werden, dass aus der Energiewende eine Energiekrise wird.

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