Wiener Ärztekammer präsentiert Studienergebnisse zu strukturellen Benachteiligungen von Frauen im Gesundheitswesen
Eine aktuelle Umfrage der Wiener Ärztekammer beleuchtet die anhaltenden Karrierehindernisse für Ärztinnen – von der gläsernen Decke bis zu strukturellen Benachteiligungen.
Die Medizin gilt als einer der Berufszweige, in denen Frauen längst die Mehrheit der Studierenden stellen. Doch wie sieht es tatsächlich mit den Karrierechancen von Ärztinnen aus? Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien wird am 23. Februar 2026 die Ergebnisse einer brandaktuellen Umfrage präsentieren, die ein ernüchterndes Bild zeichnet: Die sogenannte "gläserne Decke" erschwert Frauen in der Medizin noch immer den beruflichen Aufstieg.
Der Frauenanteil unter Medizinstudierenden in Österreich liegt seit Jahren konstant bei über 50 Prozent. An den medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck beginnen mehr Frauen als Männer ihr Studium. Doch diese Mehrheit spiegelt sich keineswegs in den Führungspositionen der österreichischen Krankenhäuser und Ordinationen wider.
Während die Basis der medizinischen Versorgung zunehmend weiblich geprägt ist, finden sich in Primariaten, Abteilungsleitungen und anderen Schlüsselpositionen nach wie vor überwiegend männliche Kollegen. Diese Diskrepanz zwischen dem hohen Frauenanteil in der Ausbildung und der geringen Repräsentation in Führungspositionen ist seit Langem bekannt – doch welche konkreten Mechanismen dahinterstehen, blieb oft im Vagen.
Die Wiener Ärztekammer hat nun gemeinsam mit dem renommierten Meinungsforscher Peter Hajek von Public Opinion Strategies eine umfassende Erhebung durchgeführt. Die Studie widmet sich zentral der Frage, welchen spezifischen Herausforderungen sich Ärztinnen in ihrer Karriere stellen müssen.
Dabei werden mehrere Schlüsselfragen untersucht: Wie zufrieden sind Frauen in der Medizin tatsächlich mit ihrer beruflichen Situation? Existieren nachweisbare strukturelle Benachteiligungen, und wenn ja, in welchen Bereichen treten sie besonders häufig auf? Welche Rahmenbedingungen benötigen Ärztinnen, um einen erfolgreichen Berufsweg einschlagen zu können?
Die Ergebnisse der Umfrage werden von einer hochkarätigen Expertenrunde vorgestellt. Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, wird die Pressekonferenz leiten. An seiner Seite werden Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte, sowie Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, die Perspektiven aus beiden Bereichen des ärztlichen Berufsstandes einbringen.
Peter Hajek selbst wird die methodischen Grundlagen und statistischen Ergebnisse der Erhebung präsentieren. Der Meinungsforscher verfügt über langjährige Erfahrung in der Durchführung gesellschaftspolitisch relevanter Studien und gilt als einer der profiliertesten Experten seines Fachs in Österreich.
Der Begriff der "gläsernen Decke" beschreibt unsichtbare, aber wirksame Barrieren, die den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen behindern. In der Medizin manifestiert sich dieses Phänomen auf vielfältige Weise.
Ein wesentlicher Faktor ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der ärztliche Beruf, insbesondere im Krankenhaus, ist traditionell durch lange Arbeitszeiten, Nachtdienste und hohe zeitliche Flexibilitätsanforderungen gekennzeichnet. Diese Strukturen entstanden in einer Zeit, als der Arztberuf fast ausschließlich von Männern ausgeübt wurde, deren Partnerinnen die Familienarbeit übernahmen.
Hinzu kommen informelle Netzwerke und Seilschaften, die bei der Besetzung von Führungspositionen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Frauen haben traditionell weniger Zugang zu diesen Netzwerken, was ihre Aufstiegschancen zusätzlich mindert.
Auch im niedergelassenen Bereich stehen Ärztinnen vor besonderen Herausforderungen. Die Gründung einer eigenen Ordination erfordert erhebliche finanzielle Investitionen und unternehmerisches Risiko. Studien zeigen, dass Frauen bei der Kreditvergabe oft schlechter gestellt werden als ihre männlichen Kollegen.
Zudem ist die Übernahme einer Kassenpraxis in vielen Fachrichtungen mit langen Wartezeiten verbunden. Diese fallen oft genau in jene Lebensphase, in der auch Familiengründung ein Thema ist. Ärztinnen stehen damit vor der schwierigen Entscheidung, entweder ihre Karrierepläne oder ihren Kinderwunsch zurückzustellen.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Problematik keineswegs auf Österreich beschränkt ist. In nahezu allen westlichen Ländern sind Frauen in medizinischen Führungspositionen unterrepräsentiert. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede in der Ausprägung.
Skandinavische Länder, die traditionell über gut ausgebaute Kinderbetreuungsangebote und flexible Arbeitszeitmodelle verfügen, weisen tendenziell höhere Frauenanteile in Leitungspositionen auf. Dies deutet darauf hin, dass politische und strukturelle Maßnahmen durchaus wirksam sein können.
In Schweden etwa sind Teilzeitmodelle auch in Führungspositionen weitgehend akzeptiert. In den Niederlanden existieren verbindliche Quoten für die Besetzung von Abteilungsleitungen. In Großbritannien haben gezielte Mentoring-Programme für Ärztinnen zu messbaren Verbesserungen geführt.
Ob ähnliche Maßnahmen auch für Österreich empfohlen werden und welche konkreten Forderungen die Wiener Ärztekammer aus den Umfrageergebnissen ableitet, wird bei der Pressekonferenz zu erfahren sein.
Die Frage der Gleichstellung von Ärztinnen ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern hat auch handfeste Auswirkungen auf die medizinische Versorgung in Österreich. Angesichts des prognostizierten Ärztemangels kann es sich das Gesundheitssystem schlicht nicht leisten, auf das Potenzial gut ausgebildeter Ärztinnen zu verzichten.
Wenn strukturelle Barrieren dazu führen, dass Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren, den Beruf ganz aufgeben oder in weniger verantwortungsvolle Positionen ausweichen, gehen dem System wertvolle Ressourcen verloren. Die Investitionen in die Ausbildung dieser Ärztinnen amortisieren sich nicht im erhofften Ausmaß.
Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass eine diverse Ärzteschaft auch die Qualität der Patientenversorgung verbessern kann. Studien zeigen, dass Patientinnen sich von Ärztinnen oft besser verstanden fühlen und offener über ihre Beschwerden sprechen. Eine ausgewogene Geschlechterverteilung auf allen Hierarchieebenen könnte somit auch die medizinische Versorgung insgesamt verbessern.
Es ist davon auszugehen, dass die Ergebnisse der Umfrage auch politische Reaktionen nach sich ziehen werden. Die Gleichstellung im Gesundheitswesen ist ein Thema, das in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen hat.
Das Gesundheitsministerium hat bereits in der Vergangenheit Initiativen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen angekündigt. Ob diese auch spezifische Maßnahmen zur Förderung von Ärztinnen umfassen werden, bleibt abzuwarten.
Die Präsentation der Umfrageergebnisse findet am Montag, dem 23. Februar 2026, um 9.30 Uhr im Veranstaltungszentrum der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien statt. Der Veranstaltungsort befindet sich in der Weihburggasse 10-12 im 1. Bezirk, im 1. Stock des Gebäudes.
Medienvertreter werden um Voranmeldung unter [email protected] gebeten. Für angemeldete Teilnehmer stehen Parkplätze in der Garage der Ärztekammer zur Verfügung.
Die Pressekonferenz dürfte den Auftakt für eine breitere gesellschaftliche Debatte bilden. Die Wiener Ärztekammer hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass sie bereit ist, auch unbequeme Themen anzusprechen und konkrete Forderungen an die Politik zu stellen.
Es ist zu erwarten, dass auf Basis der Umfrageergebnisse ein Maßnahmenkatalog vorgestellt wird, der sowohl kurzfristig umsetzbare Verbesserungen als auch längerfristige strukturelle Veränderungen umfasst. Die Reaktionen der Gesundheitspolitik auf diese Forderungen werden zeigen, wie ernst es der Politik mit der Gleichstellung im Gesundheitswesen tatsächlich ist.
Für Ärztinnen in ganz Österreich könnte diese Umfrage ein wichtiger Schritt sein – hin zu einer Arbeitswelt, in der nicht das Geschlecht, sondern allein die fachliche Qualifikation über Karrierechancen entscheidet.