Im April 2026 verwandelt sich Graz für drei Tage in das Herzstück der österreichischen Palliativversorgung. Vom 23. bis 25. April 2026 versammeln sich mehrere hundert Expertinnen und Experten aus g...
Im April 2026 verwandelt sich Graz für drei Tage in das Herzstück der österreichischen Palliativversorgung. Vom 23. bis 25. April 2026 versammeln sich mehrere hundert Expertinnen und Experten aus ganz Europa im Congress Graz zum 9. Österreichischen Interprofessionellen Palliativkongress. Die Österreichische Palliativgesellschaft (OPG) hat unter dem Leitthema "Vielfalt verankern" ein Programm zusammengestellt, das die Zukunft der Palliativversorgung maßgeblich prägen könnte.
Palliative Care, oft fälschlicherweise nur mit Sterbebegleitung assoziiert, umfasst weit mehr als die letzte Lebensphase. Der Begriff leitet sich vom lateinischen "pallium" ab, was Mantel oder Umhang bedeutet, und beschreibt eine ganzheitliche Betreuung schwerkranker Menschen und ihrer Angehörigen. Diese medizinische Disziplin konzentriert sich auf die Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen und Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen durch Vorbeugung und Linderung von Leiden. Dabei werden körperliche, psychische, soziale und spirituelle Probleme frühzeitig erkannt und behandelt. Anders als die kurative Medizin, die primär auf Heilung abzielt, steht in der Palliativmedizin der Mensch als Ganzes im Mittelpunkt. Die Behandlung kann bereits bei der Diagnose einer schweren Erkrankung beginnen und parallel zu lebensverlängernden Therapien erfolgen. Schmerzlinderung, Symptomkontrolle, psychosoziale Unterstützung und die Wahrung der Würde stehen dabei im Vordergrund.
Österreich hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine beachtliche Entwicklung in der Palliativversorgung durchlaufen. Während 2004 nur 15 Palliativstationen im gesamten Bundesgebiet existierten, sind es heute über 60 spezialisierte Einrichtungen. Diese Expansion spiegelt nicht nur den steigenden Bedarf wider, sondern auch ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung einer würdevollen Begleitung am Lebensende. Die österreichische Palliativlandschaft zeichnet sich durch ihre interprofessionelle Ausrichtung aus, bei der Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Psychologinnen, Sozialarbeiter, Seelsorgerinnen und weitere Berufsgruppen Hand in Hand arbeiten. Diese ganzheitliche Herangehensweise hat internationale Anerkennung gefunden und macht Österreich zu einem Vorbild für andere europäische Länder. Besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit zwischen professionellen Diensten und ehrenamtlichen Hospizorganisationen, die in dieser Form europaweit einzigartig ist.
Trotz der positiven Gesamtentwicklung bestehen erhebliche regionale Unterschiede in der Versorgungsqualität. Während Ballungszentren wie Wien, Graz und Salzburg über ein dichtes Netz an Palliativdiensten verfügen, kämpfen ländliche Gebiete nach wie vor mit Versorgungslücken. Die Steiermark, Gastgeber des kommenden Kongresses, nimmt hier eine Sonderstellung ein: Mit dem LKH Graz als einem der führenden Palliativzentren des Landes und einer überdurchschnittlichen Dichte an mobilen Palliativteams gilt die Region als Modellbeispiel für eine funktionierende Versorgungsstruktur. Diese Expertise war ausschlaggebend für die Wahl von Graz als Kongressstandort.
Das Kongressprogramm 2026 zeigt deutlich, wie sich die Palliativmedizin den veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen anpasst. Ein zentraler Programmpunkt sind marginalisierte Patientengruppen, deren spezielle Bedürfnisse lange Zeit übersehen wurden. Dazu gehören Menschen mit Migrationshintergrund, LGBTQ+-Personen, obdachlose Menschen oder Personen mit Behinderungen. Jede dieser Gruppen bringt spezifische kulturelle, soziale oder kommunikative Herausforderungen mit sich, die eine angepasste palliative Betreuung erfordern. Die Berücksichtigung von Vielfalt in der Palliativversorgung bedeutet auch, verschiedene Glaubensrichtungen, Lebensweisen und Wertvorstellungen zu respektieren und in die Behandlungsplanung einzubeziehen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Neuro-Palliativen Care, einem Teilbereich, der sich mit der palliativen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen beschäftigt. Krankheiten wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium oder schwere Demenzerkrankungen bringen besondere Herausforderungen mit sich. Die Betroffenen leiden oft unter komplexen Symptomen, die eine hochspezialisierte Behandlung erfordern. Gleichzeitig sind die Krankheitsverläufe oft lang und unvorhersagbar, was sowohl für Patienten als auch für Angehörige eine enorme psychische Belastung darstellt. Die Neuro-Palliative Care entwickelt spezifische Ansätze für diese Patientengruppe und wird in Österreich zunehmend als eigenständige Spezialdisziplin etabliert.
Eines der brisantesten Themen des Kongresses ist der assistierte Suizid, der seit 2022 in Österreich unter strengen Auflagen legal ist. Das Sterbeverfügungsgesetz hat grundlegende Veränderungen in der Palliativlandschaft bewirkt und neue ethische Fragestellungen aufgeworfen. Palliativmedizinerinnen und -mediziner sehen sich zunehmend mit Patienten konfrontiert, die nach Möglichkeiten des selbstbestimmten Sterbens fragen. Diese Entwicklung erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen dem Respekt vor der Patientenautonomie und dem ärztlichen Auftrag zur Lebenerhaltung. Der Kongress wird diese komplexe Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und praxisnahe Leitlinien für den Umgang mit entsprechenden Anfragen entwickeln. Besonders relevant ist dabei die Abgrenzung zwischen palliativer Symptomlinderung und der Beihilfe zum Suizid.
Die Erkenntnisse und Entwicklungen des Kongresses haben direkten Einfluss auf die Versorgungsqualität in ganz Österreich. Für schwerkranke Menschen bedeutet die kontinuierliche Weiterentwicklung der Palliativmedizin konkret: bessere Schmerztherapie, individuellere Betreuungskonzepte und eine stärkere Einbindung ihrer persönlichen Wünsche und Bedürfnisse. Angehörige profitieren von verbesserten Unterstützungsangeboten und einer professionelleren Begleitung in der schweren Zeit der Krankheit und des Abschiednehmens. Die Forschungsergebnisse, die beim Kongress präsentiert werden, fließen direkt in die Behandlungspraxis ein und verbessern damit die Lebensqualität von jährlich rund 80.000 Menschen, die in Österreich palliativmedizinische Betreuung benötigen.
Innovative Versorgungsmodelle stehen ebenfalls auf der Kongressagenda. Dazu gehören telemedizinische Ansätze, die besonders in ländlichen Gebieten die Versorgung verbessern können, sowie neue Formen der ambulanten Palliativbetreuung. Diese Entwicklungen sind besonders vor dem Hintergrund des demografischen Wandels relevant: Die Zahl der über 80-Jährigen wird sich in Österreich bis 2050 verdoppeln, was eine erhebliche Zunahme des Palliativbedarfs zur Folge hat. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Menschen, ihre letzte Lebenszeit zu Hause zu verbringen, was neue ambulante Strukturen erforderlich macht.
Erstmals in der Kongressgeschichte findet 2026 ein interdisziplinäres Studierendensymposium statt. Diese Innovation trägt der Tatsache Rechnung, dass die Palliativmedizin dringend qualifizierten Nachwuchs benötigt. Der Fachkräftemangel macht auch vor der Palliativversorgung nicht halt, weshalb eine frühzeitige Sensibilisierung von Studierenden verschiedener Gesundheitsberufe entscheidend ist. Das Symposium richtet sich an angehende Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Psychologinnen, Sozialarbeiter und andere Berufsgruppen, die in der palliativen Versorgung tätig werden könnten. Durch praxisnahe Workshops und den direkten Austausch mit erfahrenen Fachkräften soll das Interesse an dieser erfüllenden, aber auch anspruchsvollen Tätigkeit geweckt werden.
Das parallel stattfindende Ehrenamtsymposium unterstreicht die besondere Bedeutung freiwilliger Helferinnen und Helfer in der österreichischen Palliativlandschaft. Rund 3.000 ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen und -begleiter sind österreichweit aktiv und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur psychosozialen Betreuung schwerkranker Menschen und ihrer Familien. Diese Zusammenarbeit zwischen professionellen Diensten und Ehrenamtlichen ist ein österreichisches Erfolgsmodell, das internationale Beachtung findet. Das Symposium dient der Weiterbildung der Freiwilligen und stärkt die Vernetzung zwischen den verschiedenen Hospizorganisationen.
Der Kongress zieht auch internationale Vergleiche und bietet Einblicke in die Palliativversorgung anderer Länder. Deutschland hat in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, seine Palliativstrukturen auszubauen, steht aber nach wie vor vor großen Herausforderungen in der flächendeckenden Versorgung. Die Schweiz gilt als Vorreiter bei der Integration palliativer Ansätze in die Regelversorgung, kämpft aber mit ähnlichen Nachwuchsproblemen wie Österreich. Besonders interessant sind auch Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern, die innovative Ansätze in der Kommunikation mit schwerkranken Kindern und Jugendlichen entwickelt haben.
Die ökonomischen Aspekte der Palliativversorgung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Studien zeigen, dass eine qualitativ hochwertige palliative Betreuung nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Durch die Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte und intensivmedizinischer Maßnahmen entstehen Einsparungen, die eine Investition in palliative Strukturen rechtfertigen. In Österreich werden jährlich etwa 150 Millionen Euro für palliativmedizinische Leistungen ausgegeben, was im europäischen Vergleich einen mittleren Wert darstellt.
Die Entwicklungen der kommenden Jahre werden maßgeblich von den Erkenntnissen des Grazer Kongresses geprägt sein. Experten gehen davon aus, dass sich die Palliativmedizin zunehmend spezialisieren wird, um den unterschiedlichen Bedürfnissen verschiedener Patientengruppen gerecht zu werden. Gleichzeitig wird die Integration palliativer Prinzipien in alle Bereiche der Medizin voranschreiten. Dies bedeutet, dass nicht nur spezialisierte Palliativdienste, sondern alle Gesundheitsberufe grundlegende palliative Kompetenzen benötigen werden. Die Digitalisierung wird neue Möglichkeiten der Vernetzung und Betreuung eröffnen, während gleichzeitig die menschliche Zuwendung als Kernkompetenz der Palliative Care erhalten bleiben muss.
Der 9. Österreichische Interprofessionelle Palliativkongress in Graz verspricht, wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Palliativversorgung zu setzen. Mit seinem Fokus auf Vielfalt und Innovation wird er dazu beitragen, dass schwerkranke Menschen in Österreich auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige, würdevolle Begleitung erhalten. Die Erkenntnisse des Kongresses werden weit über die Grenzen der Steiermark hinauswirken und die österreichische Palliativlandschaft nachhaltig prägen.