Trotz medizinischer Fortschritte erleben Betroffene anhaltende Stigmatisierung
60% aller HIV-Diskriminierungen passieren im Gesundheitswesen. Die Aids Hilfe Wien ortet große Wissenslücken zwischen Medizin und Praxis.
Obwohl HIV heute medizinisch gut behandelbar ist und als chronische Infektion gilt, erleben Menschen mit HIV in Österreich weiterhin massive Diskriminierung. Besonders betroffen ist das Gesundheitswesen, wie aktuelle Auswertungen der Aids Hilfe Wien anlässlich des Zero Discrimination Day am 1. März zeigen. Die Zahlen offenbaren eine problematische Kluft zwischen dem medizinischen Wissensstand und der gelebten Praxis.
Die Statistiken der Aids Hilfe Wien zeichnen ein beunruhigendes Bild: Rund 60 Prozent aller gemeldeten Diskriminierungsfälle ereignen sich im Gesundheitswesen. Zwar ist dieser Anteil im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, eine grundlegende Verbesserung der Situation ist jedoch nicht erkennbar.
Die dokumentierten Vorfälle reichen von überzogenen Hygienemaßnahmen bis hin zur kompletten Verweigerung medizinischer Behandlungen. Typische Beispiele sind das Anziehen von medizinisch nicht notwendigen Handschuhen nach Bekanntwerden einer HIV-Diagnose oder die Isolierung von HIV-positiven Patienten ohne medizinische Notwendigkeit.
"Es ist erschütternd, dass Menschen mit HIV auch 2024 noch Diskriminierung im Gesundheitssystem erleben – oft aufgrund von falschen Annahmen, fehlendem Wissen oder veralteten Vorstellungen", kritisiert Dr. Mirijam Hall, Vorsitzende der Aids Hilfe Wien. "Der medizinische Fortschritt ist eindeutig, kommt in der Praxis aber noch lange nicht überall an."
Die medizinische Faktenlage ist eindeutig: Nach internationalen medizinischen Standards erfordert die Behandlung von Menschen mit HIV keine zusätzlichen Hygienemaßnahmen über die allgemeinen Hygieneregeln hinaus, die für alle Patienten gelten. Dennoch klafft zwischen diesem Wissen und der Praxis eine erhebliche Lücke.
Viele Vorbehalte beruhen nachweislich auf Wissensmangel. Häufig werden rechtliche Verpflichtungen angenommen, die gar nicht existieren – etwa die vermeintliche Verpflichtung, eine HIV-Diagnose bei jedem Arztbesuch offenzulegen. Auch unbegründete Unterstellungen, Betroffene würden ihre Medikamente nicht zuverlässig einnehmen und dadurch andere gefährden, sind medizinisch nicht haltbar.
Besonders problematisch ist, dass das wissenschaftlich anerkannte Prinzip "U=U" ("undetectable = untransmittable") noch immer nicht flächendeckend bekannt ist. Dieses besagt, dass Menschen mit HIV, deren Viruslast dank antiretroviraler Therapie unter der Nachweisgrenze liegt, das Virus sexuell nicht übertragen können.
Während das Gesundheitswesen mit 59,09 Prozent der gemeldeten Fälle den Spitzenplatz einnimmt, sind auch andere Lebensbereiche betroffen. Der Privat- und Freizeitbereich folgt mit 15,91 Prozent der Meldungen.
Im privaten Umfeld berichten Betroffene von Zurückweisung durch Familie, Freunde oder ehemalige Partner. Besonders belastend sind polizeiliche Anzeigen wegen angeblicher Gefährdung oder Körperverletzung im Zuge konfliktreicher Trennungen – obwohl bei kontinuierlicher Therapie-Einnahme keine Übertragungsgefahr besteht.
Auch wenn solche Verfahren meist eingestellt werden, bedeuten sie für die Betroffenen erhebliche psychische Belastungen und verstärken die gesellschaftliche Stigmatisierung. Neu sind 2024 erstmals auch Diskriminierungsmeldungen aus bislang unauffälligen Bereichen eingegangen – darunter aus dem Bildungsbereich und dem psychosozialen Bereich.
Was sich durch alle Meldungen zieht, ist die tiefe Verunsicherung der Betroffenen. Viele reagieren schockiert auf die erlebte Diskriminierung, sind emotional stark belastet und unsicher, welche Informationen sie preisgeben müssen oder dürfen.
Dennoch entscheiden sich viele bewusst dafür, Diskriminierungserfahrungen zu melden – nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern auch um andere vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren. Diese Bereitschaft zur Meldung ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die anhaltende Stigmatisierung.
Trotz der besorgniserregenden Zahlen gibt es auch Fortschritte zu verzeichnen. Der Menschenrechtsbeirat der Volksanwaltschaft hat beispielsweise festgestellt, dass Menschen mit HIV nicht mehr pauschal vom Polizeidienst ausgeschlossen werden dürfen. Auch im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit konnten sachlich nicht mehr gerechtfertigte Regelungen gestrichen werden.
Besonders ermutigend ist die stark gestiegene Nachfrage nach Aufklärungsworkshops der Aids Hilfe Wien. Ärzte und Gesundheitspersonal wenden sich zunehmend aktiv an die Organisation, um ihr Wissen für den medizinischen Alltag zu vertiefen.
Die regelmäßig evaluierten Schulungen zeigen messbare Erfolge beim Abbau von Ängsten und Vorurteilen. Diese positive Entwicklung deutet darauf hin, dass gezielte Aufklärungsarbeit tatsächlich Wirkung zeigt und zu einer Verbesserung der Situation beitragen kann.
Der Zero Discrimination Day wurde von UNAIDS ins Leben gerufen und findet jährlich am 1. März statt. Er soll auf die anhaltende Diskriminierung von Menschen mit HIV aufmerksam machen und zur Bewusstseinsbildung beitragen.
Die zentrale Forderung der Aids Hilfe Wien zu diesem Aktionstag ist klar formuliert: "Der medizinische Fortschritt zu HIV ist längst Realität. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Wissen auch in Lehrplänen und im Berufsalltag differenziert ankommt und konsequent angewendet wird."
Nur durch eine konsequente Wissensvermittlung könne sich eine Kultur des Respekts und der Gleichbehandlung im Gesundheitswesen nachhaltig etablieren und strukturelle Diskriminierung wirksam abgebaut werden.
Die aktuellen Zahlen der Aids Hilfe Wien machen deutlich, dass trotz aller medizinischen Fortschritte noch ein weiter Weg zu einer diskriminierungsfreien Behandlung von Menschen mit HIV zurückzulegen ist. Besonders im Gesundheitswesen, wo Betroffene eigentlich Unterstützung und professionelle Hilfe erwarten sollten, herrschen noch immer Unwissen und Vorurteile.
Die positive Resonanz auf Aufklärungsworkshops zeigt jedoch, dass Veränderung möglich ist. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, das vorhandene medizinische Wissen flächendeckend in die Praxis umzusetzen und eine Kultur der Gleichbehandlung zu etablieren.
Für Menschen mit HIV in Österreich bedeutet dies konkret: Sie haben das Recht auf eine diskriminierungsfreie medizinische Behandlung und sollten sich nicht scheuen, bei Problemen Unterstützung zu suchen. Die Aids Hilfe Wien steht dabei als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung und leistet wichtige Aufklärungsarbeit für eine bessere Zukunft.