WKÖ-Fachverband UBIT sieht Handlungsbedarf bei Nachwuchsförderung
Stagnierende Stellenzahlen und fehlende Talent-Pipeline: Die IKT-Branche will bereits in Schulen um Nachwuchs werben und Zugangshürden abbauen.
Die österreichische Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche (IKT) steht vor einem Wendepunkt. Nach 15 Jahren kontinuierlichen Wachstums zeigen sich erstmals Stagnationstendenzen. Laut dem aktuellen IKT-Statusreport ist die Zahl der offenen Stellen im Sektor um 15 Prozent zurückgegangen – ein Trend, der sich parallel zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vollzieht.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Österreichweit sank die Anzahl offener Stellen 2025 auf etwa 139.900, was einen Rückgang von 19,5 Prozent gegenüber 2024 bedeutet. Laut Statistik Austria ist dies bereits der dritte Rückgang in Folge. Der IKT-Sektor folgt diesem Trend mit einem Stellenrückgang von 15 Prozent im Vergleich der dritten Quartale 2024 und 2025.
Trotz dieser Entwicklung bleibt die IKT-Branche ein wichtiger Innovationstreiber für die österreichische Wirtschaft. Die Nachfrage am Arbeitsmarkt konzentriert sich jedoch zunehmend auf hochspezialisierte Fachkräfte, was neue Herausforderungen für die Branche mit sich bringt.
"Der neue IKT-Statusreport belegt die Relevanz der Branche, aber ebenso die Schwachstelle: Uns fehlt die durchgängige Talent-Pipeline. Wir brauchen einen echten Kompetenzpfad von der Schule über die Hochschulen bis in die Betriebe", erklärt Wilfried Drexler, Obmann des Fachverbandes Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT) in der Wirtschaftskammer Österreich.
Diese Einschätzung wird durch aktuelle Ausbildungszahlen gestützt. An österreichischen wissenschaftlichen Universitäten studieren derzeit 20.575 ordentliche Studierende im Bereich Informatik und Kommunikationstechnologie, wobei der Frauenanteil bei 22,2 Prozent liegt. An Fachhochschulen sind es 8.166 IKT-Studierende, aufgeteilt auf 5.509 Bachelor- und 2.657 Master-Studierende.
Obwohl in den vergangenen fünf Jahren rund 19.000 IKT-Absolventinnen und Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen ihren Abschluss machten, sehen Branchenvertreter noch erhebliches Steigerungspotenzial. "Wir müssen hier früher ansetzen und unsere Nachwuchstalente bereits in der Schule abholen. Echter Informatikunterricht in der AHS-Oberstufe, wie von der Politik angekündigt, ist ein erster wichtiger Schritt", betont Martin Zandonella, Obmann-Stellvertreter im WKÖ-Fachverband UBIT und IT-Bildungsbeauftragter.
Ein weiteres Problem stellen die nach wie vor hohen Studienabbruchquoten dar. Bei IKT-Bachelorstudien im universitären Bereich lag die Dropout-Quote im Studienjahr 2023/24 bei 37,7 Prozent. Obwohl diese Quote leicht rückläufig ist – sie betrug zuvor 40 Prozent –, ist sie immer noch besorgniserregend hoch.
Verschärft wird die Situation durch Zugangsbeschränkungen an den Hochschulen. Ein drastisches Beispiel liefert die TU Wien: 2024 standen 1.037 Personen, die zur Aufnahme antraten, nur 671 Zulassungen gegenüber. Der IKT-Statusreport warnt eindringlich davor, dass solche Zugangsbeschränkungen den Fachkräfteengpass verschärfen und die Ausbildung hochqualifizierter IKT-Fachkräfte langfristig gefährden können.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hat der WKÖ-Fachverband UBIT unter Obmann Wilfried Drexler einen Drei-Punkte-Plan entwickelt:
Der Fachverband begrüßt die politischen Bestrebungen zur zeitgemäßen Anpassung des Lehrplans. Entscheidend sei jedoch ein ausreichendes Stundenmaß, damit Jugendliche früh und systematisch digitale Grundkompetenzen, Computational Thinking und KI-Verständnis erwerben können. Diese Fähigkeiten seien essentiell für die Bewältigung der Herausforderungen im täglichen Leben und in der modernen Arbeitswelt.
Die Branchenvertreter warnen vor einer Verwässerung durch Sammelfächer. Informatik benötige eigene, klar definierte Lernziele. Während Medienkompetenz wichtig sei, solle sie als Querschnittsmaterie behandelt werden. Informatik und KI hingegen bräuchten einen eigenständigen Lehrplan, um den Kompetenzaufbau messbar und vergleichbar zu gestalten.
Der Statusreport zeigt eine hohe Nachfrage bei gleichzeitig zu wenigen verfügbaren Studienplätzen auf. Daher fordert der Fachverband mehr Studienplätze beziehungsweise den Ausbau des Studienangebotes sowie eine bessere Studieneingangsphase, um Studienabbrüche zu reduzieren.
"Wenn wir Wachstum, Innovation und digitale Souveränität ernst nehmen, müssen wir bei der Bildung beginnen und gleichzeitig die Studienbedingungen so verbessern, dass aus Interesse auch Abschlüsse werden", fasst Obmann Drexler die Strategie zusammen.
Diese Forderung gewinnt angesichts der aktuellen Marktentwicklung zusätzliche Brisanz. Obwohl die IKT-Branche derzeit mit stagnierenden Stellenzahlen konfrontiert ist, bleibt sie ein zentraler Baustein der österreichischen Innovationslandschaft. Die Nachfrage nach hochspezialisierten Fachkräften wird auch in Zukunft hoch bleiben.
Die aktuelle Stagnation sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Digitalisierung weiterhin alle Wirtschaftsbereiche durchdringt. Künstliche Intelligenz, Cloud-Computing, Cybersecurity und andere Zukunftstechnologien erfordern gut ausgebildete Fachkräfte. Die Herausforderung besteht darin, das Bildungssystem rechtzeitig anzupassen, um dem künftigen Bedarf gerecht zu werden.
Der Frauenanteil von nur 22,2 Prozent in der IKT-Ausbildung zeigt zudem, dass noch erhebliches Potenzial ungenutzt bleibt. Maßnahmen zur verstärkten Förderung von Frauen in technischen Berufen könnten einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten.
Der IKT-Statusreport wird seit 2017 vom Kärntner Institut für Höhere Studien (KIHS) im Auftrag des Fachverbandes UBIT erstellt. Unter der Studienleitung von Prof. Norbert Wohlgemuth gibt der Bericht einen detaillierten Überblick über die Anzahl der Studierenden und Absolventinnen und Absolventen an öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen im Bereich Informatik.
Der Fachverband UBIT vertritt die Interessen der Unternehmen aus Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie in Österreich und setzt sich für moderne Rahmenbedingungen, ausreichend Fachkräfte, Innovation sowie die Sichtbarkeit der Branchenleistungen ein.