Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, beginnt ein neues Kapitel der medizinischen Betreuung. Im Wiener Gesundheitsverbund wurden allein im Jahr 2025 bereits 770 Menschen palliativ betreut – eine Zah...
Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, beginnt ein neues Kapitel der medizinischen Betreuung. Im Wiener Gesundheitsverbund wurden allein im Jahr 2025 bereits 770 Menschen palliativ betreut – eine Zahl, die die wachsende Bedeutung dieser speziellen Versorgungsform unterstreicht. Die 40 palliativmedizinischen Betten in Wien verteilen sich auf drei Standorte: 14 Betten in der Klinik Hietzing, 14 in der Klinik Ottakring und 12 im renommierten AKH Wien. Diese Einrichtungen bieten weit mehr als nur medizinische Versorgung – sie schenken Lebensqualität in den schwierigsten Momenten des Lebens.
Der Begriff "Palliativ" stammt aus dem Lateinischen "pallium", was übersetzt "Mantel" bedeutet – ein schützender Mantel, der um schwerkranke Menschen gelegt wird. Palliativmedizin bedeutet wörtlich "lindernd" und hat sich historisch aus der Hospizbewegung der 1960er Jahre entwickelt. Die moderne Palliativmedizin wurde maßgeblich von der britischen Ärztin Dame Cicely Saunders geprägt, die 1967 das erste moderne Hospiz in London gründete. Sie erkannte, dass sterbende Menschen nicht nur medizinische, sondern auch psychosoziale und spirituelle Betreuung benötigen.
"Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Palliativ sofort mit Sterben gleichgesetzt wird", erklärt Karin Brenner, Leiterin der Palliativstation der Klinik Ottakring. "Unser Team setzt sich sehr für den frühzeitigen Einsatz von Palliativmedizin bei unheilbar erkrankten Menschen ein. In der Palliativversorgung ist noch vieles möglich." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Palliativmedizin als einen Ansatz, der die Lebensqualität von Patienten und ihren Familien verbessert, die mit Problemen konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung einhergehen.
Während Hospize primär als Sterbebegleitung konzipiert sind und meist für die letzten Lebenswochen oder -monate gedacht sind, verfolgen Palliativstationen ein breiteres Spektrum. Sie können parallel zu kurativen Therapien arbeiten und Patienten auch wieder nach Hause entlassen. In Österreich gibt es derzeit 23 stationäre Hospize mit insgesamt 183 Betten, während es 51 Palliativstationen mit 388 Betten gibt – Wien nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein.
Die Statistiken der Wiener Palliativstationen zeichnen ein klares Bild der Versorgungsrealität: 78 Prozent aller Palliativpatienten leiden an einer unheilbaren onkologischen Erkrankung. Das bedeutet, dass Krebserkrankungen nach wie vor den Hauptanteil der palliativ betreuten Patienten ausmachen. Die häufigsten Krebsarten, die eine palliative Betreuung erfordern, sind Lungenkrebs, Darmkrebs, Brustkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Die verbleibenden 22 Prozent der Patienten leiden an anderen schweren Erkrankungen: Neurologische Erkrankungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Multiple Sklerose in fortgeschrittenen Stadien oder schwere Demenzerkrankungen. Herzinsuffizienz im Endstadium, chronische Nierenerkrankungen und schwere Lungenerkrankungen wie COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung) runden das Spektrum ab.
Die Altersverteilung der Palliativpatienten reflektiert den demografischen Wandel in Österreich: 40 Prozent der Patienten sind zwischen 70 und 89 Jahre alt, was der steigenden Lebenserwartung entspricht. Bemerkenswert ist jedoch, dass etwa 10 Prozent der Patienten unter 60 Jahre alt sind – dies unterstreicht, dass schwere Erkrankungen alle Altersgruppen betreffen können. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Wien liegt bei 81,7 Jahren, was im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch ist.
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 14 bis 20 Tagen auf einer Palliativstation mag kurz erscheinen, ist aber medizinisch begründet. "Manchmal kommt es vor, dass wir Patienten über einen längeren Zeitraum im Zuge wiederholter Aufnahmen betreuen", erklärt Bernhard Hammerl-Ferrari, Leiter der Palliativstation der Klinik Hietzing. Diese sogenannten "Revolving Door"-Aufenthalte sind typisch für die Palliativversorgung und ermöglichen es, akute Symptome zu stabilisieren und die Patienten dann wieder in ihre gewohnte Umgebung zu entlassen.
Das Hauptziel jeder palliativmedizinischen Behandlung ist die Symptomkontrolle. Dazu gehören Schmerztherapie, Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, Atemnot, Müdigkeit und psychischen Belastungen. Moderne Schmerztherapie verwendet dabei ein breites Spektrum an Medikamenten, von einfachen Schmerzmitteln bis hin zu starken Opioiden wie Morphin, Fentanyl oder Oxycodon, die individuell dosiert und kombiniert werden.
Ein wesentlicher Erfolgsparameter der Palliativversorgung ist die Entlassungsrate. Wenn möglich, werden Patienten nach der Stabilisierung nach Hause, in Pflegeeinrichtungen oder Hospize entlassen. Dies zeigt, dass Palliativmedizin nicht automatisch "End-of-Life-Care" bedeutet, sondern aktiv zur Verbesserung der Lebensqualität beiträgt. Dennoch ist die Realität, dass etwa 50 Prozent der Patienten auf der Station versterben – dies spiegelt die Schwere der Erkrankungen wider und zeigt gleichzeitig, dass die Stationen auch als Ort eines würdevollen Sterbens fungieren.
Die Betreuung von Palliativpatienten erfordert ein hochspezialisiertes, multiprofessionelles Team. In der Klinik Ottakring arbeiten 18 speziell geschulte Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten und psychosoziale Fachkräfte Hand in Hand. Diese Zusammensetzung entspricht den nationalen Qualitätskriterien für Hospiz und Palliativ Care, die vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz festgelegt wurden.
"Jeden Tag findet neben der persönlichen Patientenvisite auch eine interdisziplinäre Visite statt, bei der wir jeden Fall ausführlich im Team besprechen", betont Brenner. Diese täglichen Besprechungen sind essentiell, da sie sicherstellen, dass alle Aspekte der Patientenbetreuung – medizinische, pflegerische, psychische und soziale – berücksichtigt werden.
Die Pflegekräfte auf Palliativstationen absolvieren zusätzlich zu ihrer Grundausbildung eine 120-stündige Weiterbildung in Palliative Care. Diese umfasst Schmerzmanagement, Kommunikation mit schwerkranken Menschen und ihren Angehörigen, Trauerbegleitung und ethische Fragestellungen am Lebensende. Viele Pflegekräfte bilden sich darüber hinaus in speziellen Bereichen wie Aromatherapie, Musiktherapie oder anderen komplementären Behandlungsformen weiter.
Ein besonders innovativer Ansatz ist die Palliativmedizinische Ambulanz, die in Wien bereits etabliert ist. "Durch dieses Angebot stellen wir die Betreuung und den Kontakt mit den Patienten auch nach einer Entlassung sicher", erklärt Hammerl-Ferrari. Diese Ambulanzen fungieren als wichtige Schnittstelle zwischen stationärer und häuslicher Versorgung und können auch präventiv wirken, indem sie eine Betreuung bereitstellen, bevor eine stationäre Aufnahme notwendig wird.
Die ambulante Palliativversorgung umfasst regelmäßige Kontrolltermine, Anpassung der Medikation, psychosoziale Beratung und Koordination mit anderen Gesundheitsdiensten. In Wien gibt es zusätzlich mobile Palliativteams, die Patienten zu Hause besuchen und gemeinsam mit Hausärzten die Betreuung sicherstellen. Diese Teams sind rund um die Uhr erreichbar und können bei Krisen schnell intervenieren.
Österreich nimmt international eine führende Position in der Palliativversorgung ein. Mit 4,4 Palliativbetten pro 100.000 Einwohner liegt das Land deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 2,8 Betten. Deutschland verfügt über 3,2 Betten pro 100.000 Einwohner, die Schweiz über 5,1 Betten. Wien als Bundeshauptstadt übertrifft mit seinen 40 Betten für 1,9 Millionen Einwohner sogar diese Werte deutlich.
Die Qualität der österreichischen Palliativversorgung wurde mehrfach international anerkannt. Die European Association for Palliative Care (EAPC) lobt besonders die gute Vernetzung zwischen stationären und ambulanten Diensten sowie die hohe Ausbildungsqualität des Personals. Im Quality of Death Index, der die Qualität der Sterbebegleitung in verschiedenen Ländern bewertet, rangiert Österreich regelmäßig unter den Top-10-Ländern weltweit.
Die Finanzierung der Palliativversorgung in Wien erfolgt über das öffentliche Gesundheitssystem. Pro Palliativbett entstehen jährlich Kosten von etwa 150.000 bis 200.000 Euro, was deutlich unter den Kosten einer Intensivstation liegt. Diese Investition zahlt sich nicht nur medizinisch, sondern auch volkswirtschaftlich aus: Studien zeigen, dass eine gute Palliativversorgung die Gesamtkosten der letzten Lebensphase um bis zu 30 Prozent reduzieren kann, da unnötige intensivmedizinische Maßnahmen vermieden werden.
"Die Wünsche unserer Patienten stehen im Vordergrund", betont Brenner und beschreibt damit einen der Grundpfeiler der Palliativversorgung. Das Konzept der Patientenautonomie bedeutet in der Praxis, dass Patienten selbst entscheiden können, welche Behandlungen sie wünschen und welche sie ablehnen. Dies schließt auch das Recht ein, über den Ort des Sterbens zu bestimmen.
Patientenverfügungen spielen in der Palliativversorgung eine zentrale Rolle. Diese Dokumente, in denen Patienten im Voraus ihre Wünsche für den Fall einer schweren Erkrankung festhalten, werden in Österreich seit 2006 rechtlich anerkannt. Etwa 60 Prozent der Palliativpatienten haben eine Patientenverfügung erstellt, was deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung von etwa 15 Prozent liegt.
"Wenn sie es wollen, beziehen wir Angehörige aktiv in Gespräche und Entscheidungen ein", erklärt Brenner. Diese Einbeziehung der Angehörigen ist mehr als nur eine freundliche Geste – sie ist medizinisch notwendig, da Angehörige oft die wichtigsten Bezugspersonen der Patienten sind und deren Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen. Angehörige können jederzeit zu Besuch kommen, es gibt keine starren Besuchszeiten. Übernachtungen im Zimmer werden unbürokratisch ermöglicht, was besonders in der letzten Lebensphase von großer Bedeutung ist.
Für Angehörige entstehen durch eine schwere Erkrankung eines Familienmitglieds oft erhebliche psychische Belastungen. Studien zeigen, dass etwa 40 Prozent der Angehörigen von Palliativpatienten selbst psychologische Unterstützung benötigen. Die Wiener Palliativstationen bieten daher auch Angehörigenberatung und Trauerbegleitung an.
"Man muss Patienten Raum geben, ihre Gedanken und Ängste zu äußern. Das Lebensende ist bei uns präsent und darf auch angesprochen werden", erklärt Brenner einen der schwierigsten Aspekte der Palliativarbeit. Die Kommunikation mit schwerkranken Menschen erfordert besondere Fähigkeiten und Sensibilität. Es geht darum, ehrlich zu sein, ohne die Hoffnung zu nehmen, und gleichzeitig realistische Erwartungen zu schaffen.
Gespräche über das Lebensende gehören zum Alltag auf Palliativstationen, aber sie werden immer individuell geführt. Manche Patienten möchten alles über ihre Prognose wissen, andere bevorzugen es, nicht mit Details konfrontiert zu werden. Die Kunst liegt darin, die Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten zu erkennen und entsprechend zu reagieren.
Neben der medizinischen und psychosozialen Betreuung spielt auch die spirituelle Begleitung eine wichtige Rolle. Etwa 70 Prozent der Menschen beschäftigen sich in der letzten Lebensphase mit spirituellen oder religiösen Fragen, unabhängig von ihrer bisherigen religiösen Praxis. Die Wiener Palliativstationen arbeiten mit Seelsorgern verschiedener Konfessionen zusammen, aber auch mit spirituellen Begleitern ohne religiösen Hintergrund.
Die demografische Entwicklung stellt die Palliativversorgung vor große Herausforderungen. Bis 2030 wird die Zahl der über 65-Jährigen in Wien um etwa 25 Prozent steigen, was einen entsprechenden Anstieg des Bedarfs an Palliativversorgung zur Folge haben wird. Gleichzeitig verändern sich die Krankheitsbilder: Während früher hauptsächlich Krebspatienten palliativ betreut wurden, steigt der Anteil von Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, COPD oder Demenz.
Ein wichtiger Trend ist die zunehmende Spezialisierung der Palliativversorgung. Pädiatrische Palliativmedizin für schwerkranke Kinder, geriatrische Palliativversorgung für sehr alte Menschen und psychiatrische Palliativversorgung für Menschen mit psychischen Erkrankungen am Lebensende sind Bereiche, die in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden müssen.
Technologische Entwicklungen eröffnen neue Möglichkeiten: Telemedizin kann die ambulante Palliativversorgung im ländlichen Raum verbessern, moderne Schmerzpumpen ermöglichen eine präzisere Dosierung von Medikamenten, und künstliche Intelligenz kann bei der Vorhersage von Krankheitsverläufen helfen. Virtual Reality wird bereits in einigen internationalen Palliativstationen eingesetzt, um Patienten von Schmerzen abzulenken oder ihnen virtuelle Reisen zu ermöglichen.
Wie in vielen Bereichen des Gesundheitswesens ist auch die Palliativversorgung vom Fachkräftemangel betroffen. Die Arbeit mit schwerkranken und sterbenden Menschen ist psychisch belastend und erfordert eine hohe fachliche Kompetenz. Burnout-Raten bei Palliativpflegekräften liegen bei etwa 30 Prozent, was deutlich über dem Durchschnitt anderer Pflegebereiche liegt.
Um diesem Problem zu begegnen, werden in Wien verschiedene Maßnahmen ergriffen: Verbesserte Arbeitsbedingungen, regelmäßige Supervision und Fortbildungen sollen die Attraktivität des Berufsfeldes steigern. Auch die Entlohnung wurde in den letzten Jahren deutlich verbessert – spezialisierte Palliativpflegekräfte verdienen heute etwa 15 Prozent mehr als ihre Kollegen in anderen Bereichen.
Die Palliativversorgung ist mehr als nur ein medizinisches Fachgebiet – sie spiegelt wider, wie eine Gesellschaft mit Leiden, Sterben und Tod umgeht. In einer Zeit, in der das Thema Tod oft verdrängt wird und medizinische Machbarkeit im Vordergrund steht, erinnert die Palliativmedizin daran, dass nicht alle Probleme gelöst werden können und dass manchmal das Begleiten wichtiger ist als das Heilen.
Die 770 Patienten, die 2025 in den Wiener Palliativstationen betreut wurden, stehen stellvertretend für Tausende von Menschen und ihre Familien, die in einer der schwierigsten Phasen ihres Lebens professionelle Hilfe und menschliche Zuwendung erhalten haben. Ihre Geschichten zeigen, dass Lebensqualität auch dann möglich ist, wenn Heilung nicht mehr erreichbar ist – ein wichtiger Auftrag für die Medizin des 21. Jahrhunderts.