Pochtler sieht "goldrichtige" Entscheidung für Österreichs Exportwirtschaft
Die Industriellenvereinigung Wien zeigt sich erfreut über die vorläufige Anwendung des Mercosur-Handelsabkommens durch die EU-Kommission.
Die Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur vorläufigen Anwendung des Mercosur-Handelsabkommens stößt bei der österreichischen Industrie auf positive Resonanz. Christian C. Pochtler, Präsident der Industriellenvereinigung Wien (IV-Wien), bezeichnete die Entscheidung als "goldrichtig" und sieht darin einen wichtigen Schritt für Europas Wirtschaft in herausfordernden Zeiten.
Das Mercosur-Abkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay hatte bereits einen langen Weg hinter sich. Nachdem sowohl Uruguay als auch Argentinien das Abkommen am Donnerstag ratifizierten, entschied die EU-Kommission, das Handelsabkommen vorläufig anzuwenden - noch vor der finalen Ratifizierung durch das EU-Parlament.
"Gerade in diesen wirtschaftlich so herausfordernden Zeiten muss sich Europa nach Kräften um neue Handelspartner in der ganzen Welt bemühen", betonte Pochtler in seiner Stellungnahme. Die Verzögerung der finalen Ratifizierung durch das EU-Parlament hatte er zuvor bereits als "unverständlich" kritisiert.
Aus Sicht der Industriellenvereinigung handelt Europa mit dieser Entscheidung endlich im eigenen, gesamtwirtschaftlichen und industriestrategischen Interesse. Das Mercosur-Abkommen schafft einen Handelsraum mit über 780 Millionen Menschen und einem Bruttoinlandsprodukt von mehr als 22 Billionen Euro, was ihn zu einer der größten Freihandelszonen der Welt macht.
"Der Beschluss der Kommission, das Abkommen nun zumindest vorläufig anzuwenden, wird in der gesamten exportorientierten Industrie unseres Kontinents zu einem kollektiven Aufatmen führen", so Pochtler. Europa gewinne dadurch wichtige neue Partner in einer Zeit, die von geopolitischen Spannungen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt ist.
Für Österreich hat das Mercosur-Abkommen eine besondere Bedeutung, da das Land traditionell stark exportorientiert ist. "Österreich verdient nach wie vor den größten Teil seines Wohlstandes im Export, daher sind Freihandelsabkommen im zentralen Interesse Österreichs", erklärte der IV-Wien-Präsident.
Die österreichische Wirtschaft ist in hohem Maße auf internationale Märkte angewiesen. Rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden durch Exporte erwirtschaftet. Das Mercosur-Abkommen eröffnet nun neue Absatzmöglichkeiten in den dynamisch wachsenden südamerikanischen Märkten, insbesondere für österreichische Industrieprodukte, Maschinen und Technologien.
Besonders profitieren könnten österreichische Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Umwelttechnologie, Pharma und Chemie sowie der Automobilzulieferindustrie. Das Abkommen sieht eine schrittweise Reduzierung von Zöllen vor, was österreichische Produkte auf den südamerikanischen Märkten wettbewerbsfähiger macht.
Gleichzeitig erhalten österreichische Unternehmen besseren Zugang zu Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten aus Südamerika, was insbesondere für die verarbeitende Industrie von Vorteil sein kann.
Pochtler übte deutliche Kritik an jenen Kräften, die das Mercosur-Abkommen bisher blockiert hatten. Er habe wiederholt kritisiert, dass "eine solche Chance für unsere exportierende heimische Industrie nicht auf dem Altar von populistisch aufgeblasenen Scheininteressen einzelner Gruppen geopfert werden darf".
Verschiedene Interessensgruppen, insbesondere aus der Landwirtschaft und dem Umweltbereich, hatten Bedenken gegen das Abkommen geäußert. Sie befürchteten unfairen Wettbewerb durch südamerikanische Agrarprodukte sowie negative Auswirkungen auf den Umwelt- und Klimaschutz.
Das Mercosur-Abkommen wird voraussichtlich erhebliche wirtschaftliche Impulse für beide Seiten bringen. Studien prognostizieren, dass der Handel zwischen der EU und den Mercosur-Staaten um bis zu 15 Prozent steigen könnte. Für die EU bedeutet dies zusätzliche Exporterlöse von mehreren Milliarden Euro jährlich.
Die südamerikanischen Märkte bieten besonders für europäische Industrieprodukte große Potentiale. Gleichzeitig können europäische Verbraucher von günstigeren Importen aus Südamerika profitieren, was sich positiv auf die Kaufkraft auswirken könnte.
Trotz der positiven Erwartungen bleiben auch Herausforderungen bestehen. Die politische Stabilität in einigen Mercosur-Staaten sowie Währungsschwankungen können das Handelsvolumen beeinflussen. Zudem müssen europäische Unternehmen sich auf neue rechtliche Rahmenbedingungen und kulturelle Unterschiede einstellen.
Während die vorläufige Anwendung des Abkommens bereits wichtige Handelsbarrieren abbaut, steht die finale Ratifizierung durch das Europäische Parlament noch aus. Diese wird voraussichtlich in den kommenden Monaten erfolgen, nachdem die notwendigen parlamentarischen Verfahren abgeschlossen sind.
Die Industriellenvereinigung Wien wird die weiteren Entwicklungen genau verfolgen und ihre Mitgliedsunternehmen über die sich ergebenden Chancen und Möglichkeiten informieren. Gleichzeitig plant die Organisation, Unternehmen bei der Erschließung der neuen Märkte zu unterstützen.
Mit der vorläufigen Anwendung des Mercosur-Abkommens setzt die EU ein wichtiges Signal für den freien Welthandel in einer Zeit zunehmender protektionistischer Tendenzen. Für österreichische Exporteure eröffnen sich dadurch neue Perspektiven in einer der dynamischsten Wirtschaftsregionen der Welt.