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Käthe-Sasso-Symposium Wien: Kampf gegen Rechtsextremismus und für Demokratie

19. März 2026 um 07:54
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Am 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin Käthe Sasso versammelten sich gestern Abend in der Volkshochschule Favoriten prominente Politiker, Bildungsexperten und Historiker zu einem besonderen An...

Am 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin Käthe Sasso versammelten sich gestern Abend in der Volkshochschule Favoriten prominente Politiker, Bildungsexperten und Historiker zu einem besonderen Anlass: Das zweite Käthe-Sasso-Symposium widmete sich den drängendsten Fragen unserer Zeit – dem Kampf gegen wachsenden Rechtsextremismus, der Bewahrung demokratischer Werte und der Bedeutung von Zivilcourage im 21. Jahrhundert. Was als Gedenken an eine außergewöhnliche Frau begann, entwickelte sich zu einer eindringlichen Mahnung vor aktuellen Gefahren für Österreichs Demokratie.

Käthe Sasso: Von der Widerstandskämpferin zur Mahnerin der Republik

Käthe Sasso, geboren am 18. Dezember 1924 in Wien, gehört zu jenen österreichischen Persönlichkeiten, deren Lebensweg exemplarisch für Mut und Widerstand steht. Als Jugendliche schloss sie sich bereits 1940 einer kommunistischen Widerstandsgruppe an – ein Schritt, der ihr Leben für immer prägen sollte. 1942 wurde die damals 17-Jährige von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie die Häftlingsnummer 10.787 erhielt.

Die Begriffe Konzentrationslager und Widerstandsgruppen bedürfen für das Verständnis ihrer Bedeutung einer genaueren Erklärung: Konzentrationslager waren systematisch errichtete Haft- und Vernichtungsanstalten des NS-Regimes, in denen Menschen aufgrund ihrer politischen Überzeugung, Religion, Herkunft oder sexuellen Orientierung interniert, misshandelt und ermordet wurden. Ravensbrück, das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Reichsgebiet, beherbergte zwischen 1939 und 1945 etwa 132.000 Frauen und Kinder aus über 20 Nationen. Widerstandsgruppen hingegen waren konspirative Vereinigungen von Menschen, die sich dem NS-System entgegenstellten – oft unter Einsatz ihres Lebens. In Österreich entstanden nach dem "Anschluss" 1938 verschiedene Widerstandszellen, von kommunistischen Gruppen über katholische Kreise bis hin zu monarchistischen Organisationen.

Nach ihrer Befreiung 1945 machte sich Sasso zur Aufgabe, als Zeitzeugin über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären. Jahrzehntelang besuchte sie Schulen, hielt Vorträge und kämpfte gegen das Vergessen. Ihr unermüdlicher Einsatz für die Erinnerungskultur machte sie zu einer der wichtigsten Stimmen der österreichischen Aufarbeitung der NS-Zeit. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2024 im Alter von 99 Jahren blieb sie aktiv – eine Mahnerin, die niemals müde wurde zu erzählen.

Historischer Kontext: Österreichs schwieriger Umgang mit der NS-Vergangenheit

Um die Bedeutung von Käthe Sassos Wirken zu verstehen, muss man den historischen Kontext der österreichischen Nachkriegszeit betrachten. Nach 1945 etablierte sich in Österreich der sogenannte "Opfermythos" – eine Geschichtsinterpretation, die das Land primär als erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggression darstellte und die Mitverantwortung vieler Österreicher an den Verbrechen des Regimes ausblendete.

Dieser Opfermythos hatte weitreichende Folgen: Die Entnazifizierung wurde bereits in den frühen 1950er Jahren weitgehend eingestellt, ehemalige Nationalsozialisten konnten rasch in ihre gesellschaftlichen Positionen zurückkehren, und die Stimmen der tatsächlichen Opfer – wie jene von Käthe Sasso – wurden marginalisiert. Erst in den 1980er Jahren, ausgelöst durch die Waldheim-Affäre, begann eine kritischere Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Im Vergleich zu Deutschland, wo die Aufarbeitung der NS-Zeit bereits in den 1960er Jahren durch die Studentenbewegung und Prozesse wie die Auschwitz-Prozesse vorangetrieben wurde, hinkte Österreich deutlich hinterher. Während in der Bundesrepublik Deutschland bereits 1979 die Serie "Holocaust" für eine breite gesellschaftliche Diskussion sorgte, blieb die österreichische Erinnerungskultur lange Zeit von Verdrängung geprägt. Auch die Schweiz tat sich mit der Aufarbeitung ihrer Rolle während des Zweiten Weltkriegs schwer, insbesondere bezüglich der Goldgeschäfte mit Nazi-Deutschland und der restriktiven Flüchtlingspolitik.

Das Symposium: Warnung vor neuen Gefahren für die Demokratie

Vor diesem historischen Hintergrund erhielten die Warnungen der Symposiums-Teilnehmer gestern Abend besondere Brisanz. Vizebürgermeisterin Kathrin Gaal (SPÖ) wählte bewusst deutliche Worte, als sie vor "wachsendem Antisemitismus und rechtsextremen Ideologien" warnte. Diese Entwicklungen sind nicht nur in Österreich, sondern europaweit zu beobachten.

Aktuelle Zahlen des österreichischen Verfassungsschutzes belegen diese Sorgen: 2023 wurden 1.198 rechtsextreme Straftaten registriert – ein Anstieg von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders alarmierend ist der Zuwachs bei antisemitischen Delikten, die um 65 Prozent auf 719 Fälle anstiegen. Diese Statistiken verdeutlichen, dass die Warnungen der Symposiums-Teilnehmer keineswegs übertrieben sind.

Der Begriff "Rechtsextremismus" umfasst dabei verschiedene Ausprägungen: Von klassischen Neonazi-Gruppen über identitäre Bewegungen bis hin zu Verschwörungsideologien, die demokratische Institutionen grundsätzlich in Frage stellen. Rechtsextreme Ideologien zeichnen sich durch die Ablehnung der Gleichwertigkeit aller Menschen, Nationalismus, Autoritarismus und oft auch Geschichtsrevisionismus aus – also dem Versuch, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren oder zu leugnen.

Digitaler Hass als neue Herausforderung

Petra Bayr, Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, sprach einen besonders aktuellen Aspekt an: den Hass im digitalen Raum. Tatsächlich haben soziale Medien die Verbreitung extremistischer Ideologien revolutioniert. Während früher rechtsextreme Gruppen auf persönliche Treffen oder gedruckte Publikationen angewiesen waren, können heute mit wenigen Klicks Millionen Menschen erreicht werden.

Studien zeigen, dass besonders junge Menschen über Online-Plattformen radikalisiert werden. Der Begriff "Cyberradikalisierung" beschreibt diesen Prozess, bei dem Menschen durch gezielte Online-Propaganda schrittweise in extremistische Weltanschauungen eingeführt werden. Algorithmen sozialer Medien verstärken diesen Effekt, da sie ähnliche Inhalte vorschlagen und so "Echokammern" entstehen lassen, in denen extreme Positionen als normal erscheinen.

Österreich reagierte auf diese Entwicklung 2021 mit dem Hass-im-Netz-Bekämpfungsgesetz, das Online-Plattformen zur Entfernung strafbarer Inhalte verpflichtet. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Umsetzung noch unzureichend ist und die Anonymität des Internets die Strafverfolgung erschwert.

Internationale Vergleiche: Europäische Strategien gegen Rechtsextremismus

Im europäischen Vergleich zeigen sich unterschiedliche Ansätze im Umgang mit rechtsextremen Tendenzen. Deutschland investierte nach den NSU-Morden verstärkt in Präventionsprogramme und die Überwachung rechtsextremer Strukturen. Frankreich reagierte auf die Anschläge von 2015 mit einem umfassenden Plan gegen Radikalisierung, der auch Online-Aktivitäten einbezieht. Die Niederlande entwickelten spezielle Ausstiegsprogramme für Rechtsextreme, während skandinavische Länder auf Bildung und Integration setzen.

Konkrete Auswirkungen auf österreichische Bürger

Die vom Symposium thematisierten Entwicklungen haben konkrete Auswirkungen auf das Leben der österreichischen Bevölkerung. Für jüdische Gemeinden bedeutet der Anstieg antisemitischer Vorfälle eine real spürbare Bedrohung. Viele Synagogen benötigen heute Polizeischutz, jüdische Schulen müssen Sicherheitsmaßnahmen verstärken. Familien berichten von Sorgen, ihre Kinder könnten aufgrund ihrer Religion diskriminiert oder bedroht werden.

Auch für Menschen mit Migrationshintergrund verschlechterte sich die Situation. Studien der Europäischen Grundrechteagentur zeigen, dass 76 Prozent der muslimischen Österreicher bereits Diskriminierung erfahren haben. Diese Diskriminierung reicht von alltäglichen Vorurteilen bis hin zu körperlichen Angriffen.

Besonders problematisch ist die Situation an Schulen. Lehrer berichten von zunehmendem Antisemitismus und Geschichtsleugnung unter Schülern. Hier zeigt sich, wie wichtig die von den Symposiums-Teilnehmern geforderte Bildungsarbeit ist. Das österreichische Bildungsministerium reagierte 2023 mit dem Erlass "Antisemitismusprävention an Schulen", der verpflichtende Fortbildungen für Lehrpersonal und verstärkte Aufklärung vorsieht.

Oligarchischer Kapitalismus als neue Bedrohung

Besonders beachtenswert war die Warnung von Landtagspräsident Gerhard Schmid vor einem "oligarchischen Kapitalismus" als Bedrohung für die Demokratie. Dieser Begriff beschreibt ein System, in dem wenige superreiche Individuen oder Konzerne durch ihren wirtschaftlichen Einfluss demokratische Entscheidungsprozesse maßgeblich beeinflussen oder sogar steuern.

Konkret zeigt sich dies in verschiedenen Bereichen: Medienkonzentration führt dazu, dass wenige Eigentümer die öffentliche Meinungsbildung prägen können. Lobby-Arbeit ermöglicht es Unternehmen, Gesetze zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Wahlkampffinanzierung schafft Abhängigkeiten zwischen Politik und Wirtschaftseliten. Diese Entwicklungen sind nicht nur in den USA zu beobachten, wo Tech-Milliardäre wie Elon Musk direkten politischen Einfluss ausüben, sondern auch in Europa zunehmend relevant.

In Österreich zeigt sich dieser Trend beispielsweise in der Medienlandschaft: Wenige Verlage kontrollieren den Großteil der Tageszeitungen, was die Meinungsvielfalt einschränkt. Gleichzeitig nutzen vermögende Unternehmer ihre Ressourcen, um über Stiftungen und Think Tanks politische Debatten zu beeinflussen.

Die Rolle der Erinnerungskultur heute

Ein zentraler Punkt des Symposiums war die Frage, wie Erinnerungskultur in der heutigen Zeit gestaltet werden muss. Dieser Begriff bezeichnet die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit umgeht – welche Ereignisse erinnert, welche Deutungen akzeptiert und welche Lehren daraus gezogen werden.

In Österreich wandelte sich die Erinnerungskultur seit 1945 mehrfach grundlegend. Nach der Phase des Opfermythos folgte ab den 1980er Jahren eine kritischere Auseinandersetzung. Heute stehen Erinnerungskulturen vor neuen Herausforderungen: Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus, gleichzeitig entstehen durch Migration neue Bevölkerungsgruppen mit anderen historischen Erfahrungen.

Die Symposiums-Teilnehmer betonten, dass Erinnerungskultur kein statisches Konzept sein darf. Vielmehr muss sie sich kontinuierlich weiterentwickeln und neue Formen finden, um auch für junge Menschen relevant zu bleiben. Virtual Reality-Projekte, die Konzentrationslager digital rekonstruieren, oder Social Media-Kampagnen zu Gedenktagen sind Beispiele für moderne Ansätze.

Bildung als Schlüssel zur Demokratiesicherung

Alle Redner des Symposiums betonten die zentrale Rolle der Bildung für den Erhalt demokratischer Strukturen. Wolfgang Markytan, SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer, zitierte Rosa Jochmann: "Die Menschen zum Denken zu bringen, zum Sehen und Hören zu bringen, das ist unsere Aufgabe." Diese Aussage der österreichischen Widerstandskämpferin und Politikerin (1901-1994) ist heute aktueller denn je.

Tatsächlich zeigen Studien einen direkten Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und demokratischen Einstellungen. Menschen mit höherer Bildung sind weniger anfällig für populistische Parolen und Verschwörungstheorien. Gleichzeitig ist kritisches Denken, das in der Schule vermittelt werden muss, der beste Schutz gegen Manipulation und Desinformation.

Österreichs Bildungssystem steht dabei vor besonderen Herausforderungen: Die PISA-Studien zeigen, dass 16 Prozent der 15-Jährigen nur unzureichende Lesekompetenz besitzen – eine Grundvoraussetzung für demokratische Teilhabe. Gleichzeitig führt die soziale Segregation des Schulsystems dazu, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten schlechtere Chancen haben.

Zivilcourage im 21. Jahrhundert

Der Begriff "Zivilcourage" wurde im 19. Jahrhundert geprägt und beschreibt den Mut einzelner Bürger, in kritischen Situationen für Recht und Moral einzustehen – auch wenn dies persönliche Nachteile mit sich bringt. Käthe Sasso verkörperte diese Tugend beispielhaft, als sie sich als Jugendliche dem NS-Regime widersetzte.

Heute stellt sich die Frage, wie Zivilcourage in modernen Gesellschaften aussehen muss. Christa Bauer vom Mauthausen Komitee betonte, dass Zivilcourage nicht nur in extremen Situationen gefragt ist, sondern auch im Alltag: Wenn in der U-Bahn rassistische Sprüche fallen, wenn in sozialen Medien gehetzt wird oder wenn Kollegen diskriminiert werden.

Studien zeigen jedoch, dass viele Menschen zwar grundsätzlich bereit sind zu helfen, aber in konkreten Situationen passiv bleiben. Psychologen sprechen vom "Bystander-Effekt" – je mehr Menschen anwesend sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eingreift. Programme zur Förderung der Zivilcourage, wie sie etwa die österreichische Organisation "Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit" (ZARA) anbietet, sollen Menschen ermutigen und befähigen, in kritischen Momenten zu handeln.

Zukunftsperspektiven: Was kommt nach dem Symposium?

Das Käthe-Sasso-Symposium war mehr als eine Gedenkveranstaltung – es war ein Aufruf zum Handeln. Die Teilnehmer zeichneten ein klares Bild der Herausforderungen, vor denen Österreichs Demokratie steht: wachsender Rechtsextremismus, zunehmende Polarisierung, die Macht sozialer Medien und der Einfluss wirtschaftlicher Eliten.

Gleichzeitig wurden konkrete Lösungsansätze diskutiert: verstärkte Bildungsarbeit, bessere Erinnerungskultur, Förderung der Zivilcourage und ein "Schulterschluss aller weltoffenen, liberalen und humanistischen Kräfte", wie Gerhard Schmid es formulierte. Diese parteiübergreifende Zusammenarbeit wird entscheidend sein – denn demokratische Werte können nur durch gemeinsame Anstrengungen verteidigt werden.

Die nächste Generation steht dabei vor besonderen Herausforderungen. Junge Menschen wachsen in einer digitalisierten Welt auf, in der Falschinformationen und Hass schneller verbreitet werden können als je zuvor. Gleichzeitig haben sie weniger direkten Kontakt zu Zeitzeugen des Nationalsozialismus. Umso wichtiger wird es, neue Wege der Wissensvermittlung zu finden und demokratische Partizipation attraktiv zu gestalten.

Das Vermächtnis Käthe Sassos – "Zivilcourage und Hartnäckigkeit" – bleibt dabei zeitlos aktuell. Ihre Botschaft lautet: Wegschauen ist keine Option. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für das Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Das Symposium zu ihrem 100. Geburtstag hat gezeigt, dass diese Botschaft auch im 21. Jahrhundert nichts an Relevanz verloren hat – im Gegenteil.

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