SPÖ fordert Qualitätskoppelung bei Lehrstellenförderung
Der 6. Österreichische Lehrlingsmonitor offenbart positive Entwicklungen, aber auch Probleme bei der Ausbildungsqualität in heimischen Betrieben.
Die duale Lehrausbildung in Österreich steht vor einem Wendepunkt: Während so viele Lehrlinge wie nie zuvor ihrer Ausbildung Bestnoten geben würden, kämpft ein erheblicher Teil mit mangelnder Qualität in den Betrieben. Der kürzlich veröffentlichte 6. Österreichische Lehrlingsmonitor bringt diese Diskrepanz deutlich zum Vorschein und rückt die Verantwortung der Unternehmen in den Mittelpunkt der Debatte.
Die Ergebnisse des aktuellen Ausbildungsmonitors zeichnen ein ambivalentes Bild der österreichischen Lehrausbildung. Einerseits erreicht die Zufriedenheit der Lehrlinge mit ihrer Ausbildung einen historischen Höchststand – noch nie gaben so viele junge Menschen ihrer Lehre die Note "Sehr gut". Andererseits offenbart die Studie auch strukturelle Probleme, die nicht von der Hand zu weisen sind.
SPÖ-Lehrlingssprecher Roland Baumann sieht in diesen Zahlen sowohl Grund zur Freude als auch zum Handeln: "Die Lehrausbildung in Österreich ist ein Erfolgsmodell, um das wir international beneidet werden. Wir wollen die Lehre weiter stärken, denn die Lehrlinge von heute sind die Fachkräfte von morgen." Gleichzeitig macht er deutlich, dass die positiven Entwicklungen nicht über bestehende Defizite hinwegtäuschen dürfen.
Die Unzufriedenheit jener Lehrlinge, die ihre Ausbildung kritisch bewerten, hat konkrete Ursachen. Als Hauptprobleme identifiziert der Monitor ausbildungsfremde Tätigkeiten, die Lehrlinge während ihrer Arbeitszeit verrichten müssen. Diese reichen von einfachen Hilfstätigkeiten bis hin zu Aufgaben, die nichts mit dem erlernten Beruf zu tun haben.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die mangelnde Digitalisierung in vielen Lehrbetrieben. Während die Arbeitswelt zunehmend digitaler wird, hinken manche Ausbildungsstätten dieser Entwicklung hinterher. Junge Menschen, die bereits als "Digital Natives" aufgewachsen sind, treffen auf veraltete Ausbildungsstrukturen, die sie nicht optimal auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten.
Besonders problematisch erscheint auch die unzureichende Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung. Diese stellt den wichtigsten Meilenstein in der Lehrausbildung dar – wenn Betriebe ihre Lehrlinge nicht angemessen darauf vorbereiten, gefährden sie deren berufliche Zukunft und untergraben gleichzeitig das Vertrauen in das duale Ausbildungssystem.
Angesichts dieser Erkenntnisse bringt Roland Baumann einen konkreten Vorschlag ins Spiel: Die Lehrstellenförderung sollte künftig an Qualitätskriterien gekoppelt werden. "Die Lehre ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wer als Unternehmen langfristig Erfolg haben will, muss selbst qualitätsvoll ausbilden", fordert der SPÖ-Politiker.
Diese Forderung ist durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass Unternehmen für die Ausbildung von Lehrlingen staatliche Unterstützung erhalten. Eine Koppelung der Förderungen an messbare Qualitätsstandards könnte dazu beitragen, dass sich mehr Betriebe ihrer Verantwortung als Ausbildungsstätten bewusst werden.
Der Lehrlingsmonitor belegt zudem einen direkten Zusammenhang zwischen Ausbildungsqualität und Mitarbeiterbindung: Je besser die Ausbildung, desto eher bleiben die ehemaligen Lehrlinge nach ihrem Abschluss im Beruf und im Betrieb. Für Unternehmen, die über Fachkräftemangel klagen, bedeutet dies: Sie sollten zunächst ihre eigene Ausbildungsqualität hinterfragen.
Trotz der aufgezeigten Probleme bleibt die österreichische Lehrausbildung international hoch angesehen. Das duale System, bei dem theoretisches Lernen in der Berufsschule mit praktischer Arbeit im Betrieb kombiniert wird, gilt als Erfolgsmodell. Viele Länder versuchen, ähnliche Strukturen zu implementieren, um ihre Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und den Fachkräftenachwuchs zu sichern.
Diese internationale Anerkennung verpflichtet Österreich jedoch auch dazu, das System kontinuierlich weiterzuentwickeln und an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Die Arbeitswelt wandelt sich rasant – Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Klimaschutz stellen neue Anforderungen an die Ausbildung.
Die Bundesregierung hat diese Herausforderungen erkannt und in ihrer Fachkräftestrategie entsprechende Maßnahmen angekündigt. Ein zentraler Punkt ist die Weiterentwicklung der überbetrieblichen Lehrausbildung, die für jene Jugendlichen wichtig ist, die keinen Lehrplatz in einem Betrieb finden.
Darüber hinaus sollen die Lehrberufe "zukunftsfit" gemacht werden. Das bedeutet konkret, dass die Ausbildungsinhalte an die veränderten Anforderungen durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Klimaschutz angepasst werden müssen. Neue Technologien und Arbeitsmethoden müssen Eingang in die Lehrpläne finden, damit die Absolventen am Arbeitsmarkt bestehen können.
Ein praktischer Aspekt, der oft übersehen wird, betrifft die Mobilität der Lehrlinge. Die Regierung plant, dass auch AusbildungsFit-Teilnehmer einen Anspruch auf das Top-Jugendticket erhalten. AusbildungsFit ist ein Programm für Jugendliche, die zusätzliche Unterstützung benötigen, um eine Lehre beginnen zu können.
Außerdem soll das "Stückeln" von Top-Jugendtickets aneinandergrenzender Verkehrsverbünde für Lehrlinge ermöglicht werden, die über Bundesländergrenzen hinweg pendeln müssen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist bereits in Vorbereitung. Diese scheinbar kleine Änderung kann für betroffene Lehrlinge eine erhebliche finanzielle Entlastung bedeuten.
Roland Baumann appelliert eindringlich an die Verantwortung der Unternehmen: "Die Untersuchung zeigt: Je besser die Ausbildung, desto lieber bleiben Lehrlinge nach der Lehre im Beruf und im Betrieb. Wer über zu wenig Fachkräfte jammert, sollte zuallererst seine eigene Rolle hinterfragen."
Diese Aussage trifft einen wichtigen Punkt. Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel, investieren aber nicht ausreichend in die Qualität ihrer Lehrlingsausbildung. Dabei liegt hier ein Schlüssel zur Lösung des Problems: Wer heute gut ausbildet, hat morgen qualifizierte Fachkräfte.
Betriebe, die ihre Lehrlinge hauptsächlich als günstige Arbeitskräfte sehen und sie mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beschäftigen, schaden nicht nur den jungen Menschen, sondern auch sich selbst. Sie versäumen die Chance, motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte für die Zukunft zu gewinnen.
"Die Lehre ist seit Anbeginn ein voller Erfolg. Damit das auch so bleibt, dürfen wir nicht stehenbleiben. Wir übernehmen Verantwortung, damit unseren Lehrlingen auch in Zukunft die Welt offensteht", so Baumanns abschließende Worte.
Diese Aussage unterstreicht die Notwendigkeit, das österreichische Lehrwesen kontinuierlich zu verbessern. Der Erfolg der Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft – nur durch ständige Anpassung und Qualitätsverbesserung kann das System seinen guten Ruf behalten.
Der 6. Österreichische Lehrlingsmonitor liefert dabei wertvolle Erkenntnisse für diese Weiterentwicklung. Er zeigt nicht nur auf, wo Verbesserungen notwendig sind, sondern dokumentiert auch die Fortschritte der letzten Jahre. Die Herausforderung liegt nun darin, die positiven Entwicklungen weiter zu fördern und gleichzeitig die identifizierten Probleme anzugehen.
Für die jungen Menschen in Österreich steht viel auf dem Spiel: Eine qualitätsvolle Lehrausbildung ist oft der Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Die Verantwortung dafür tragen alle Beteiligten – von den ausbildenden Unternehmen über die Politik bis hin zu den Berufsschulen. Nur gemeinsam können sie sicherstellen, dass die österreichische Lehre auch in Zukunft ein international beachtetes Erfolgsmodell bleibt.