Der prägende Staatsmann und überzeugte Europäer starb im 96. Lebensjahr – Ein Rückblick auf sein politisches Vermächtnis
Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck ist am 23. Dezember 2025 verstorben. Der ÖCV würdigt ihn als prägenden Staatsmann und verlässlichen Brückenbauer.
Am 23. Dezember 2025 ist mit Dr. Josef Ratzenböck einer der bedeutendsten Landespolitiker der Zweiten Republik im 96. Lebensjahr verstorben. Der langjährige Landeshauptmann von Oberösterreich prägte sein Bundesland über Jahrzehnte hinweg und hinterlässt ein politisches Erbe, das weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fand.
Josef Ratzenböck zählte zu jener Generation österreichischer Politiker, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich mitgestalteten. Seine politische Karriere führte ihn an die Spitze Oberösterreichs, wo er als Landeshauptmann die Geschicke des Bundeslandes lenkte. Der Österreichische Cartellverband (ÖCV), dem Ratzenböck zeitlebens eng verbunden war, würdigt ihn als „eine der prägenden politischen Persönlichkeiten der Zweiten Republik".
ÖCV-Präsident Andre Stecher betont in seiner Würdigung die besonderen Qualitäten des Verstorbenen: „Mit Josef Ratzenböck verlieren wir einen überzeugten Europäer und einen verlässlichen Brückenbauer." Diese Charakterisierung fasst zusammen, wofür Ratzenböck in seiner politischen Laufbahn stand – für Ausgleich, Dialog und ein klares Bekenntnis zur europäischen Idee.
Die Amtszeit Ratzenböcks als Landeshauptmann war geprägt von drei wesentlichen Säulen, die sein politisches Handeln bestimmten: soziale Verantwortung, wirtschaftliche Weitsicht und kultureller Gestaltungswille. Diese Kombination ermöglichte es ihm, Oberösterreich zu einem der wirtschaftlich stärksten und stabilsten Bundesländer Österreichs zu entwickeln.
Unter seiner Führung erlebte das Bundesland einen bemerkenswerten Aufschwung. Die Verbindung von wirtschaftlicher Entwicklung mit sozialem Ausgleich war dabei kein Widerspruch, sondern vielmehr das Fundament seiner politischen Philosophie. Ratzenböck verstand es, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und tragfähige Kompromisse zu erzielen.
Als Landeshauptmann setzte Ratzenböck wichtige wirtschaftspolitische Akzente. Er erkannte früh die Bedeutung einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur und förderte sowohl die traditionelle Industrie als auch neue Wirtschaftszweige. Diese vorausschauende Politik trug dazu bei, dass Oberösterreich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten vergleichsweise stabil blieb.
Seine wirtschaftliche Weitsicht zeigte sich auch in seinem Engagement für die europäische Integration. Lange bevor Österreich der Europäischen Union beitrat, setzte sich Ratzenböck für eine Öffnung Richtung Europa ein. Er erkannte die Chancen, die sich für ein exportorientiertes Bundesland wie Oberösterreich aus der europäischen Einigung ergeben würden.
Neben der wirtschaftlichen Entwicklung lag Ratzenböck der soziale Zusammenhalt besonders am Herzen. Er setzte sich für den Ausbau sozialer Einrichtungen ein und bemühte sich stets um einen Ausgleich zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Diese Haltung brachte ihm auch über die Parteigrenzen hinweg Respekt und Anerkennung ein.
Die soziale Verantwortung, die er als Politiker lebte, wurzelte in einem klaren Wertefundament. Dieses Fundament, geprägt von christlich-sozialen Grundsätzen, war für Ratzenböck Kompass und Orientierung zugleich.
Eine besondere Rolle in Ratzenböcks Leben spielte seine Mitgliedschaft im Österreichischen Cartellverband. Diese Verbindung war keine bloße formale Zugehörigkeit, sondern prägte seinen Lebensweg nachhaltig. Der ÖCV-Präsident hebt hervor: „Besonders verbunden war Josef Ratzenböck dem Couleurstudententum. Seine lebenslange Treue zum ÖCV, sein Einsatz für Ausgleich und Zusammenhalt sowie sein klares Wertefundament bleiben uns Vorbild."
Die Werte des Cartellverbandes – Glaube, Wissenschaft, Freundschaft und Vaterland – fanden sich in Ratzenböcks politischem Wirken wieder. Er verkörperte jene Verbindung von Bildung, Werteorientierung und gesellschaftlichem Engagement, die das Couleurstudententum idealtypisch anstrebt.
Josef Ratzenböck gehörte zu jenen österreichischen Politikern, die früh die Bedeutung der europäischen Einigung erkannten. Als überzeugter Europäer setzte er sich für die Überwindung nationaler Grenzen und die Zusammenarbeit der europäischen Völker ein. Diese Haltung war keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, als die europäische Integration noch in ihren Anfängen steckte und in Österreich durchaus kontrovers diskutiert wurde.
Sein europäisches Engagement beschränkte sich nicht auf theoretische Bekenntnisse. Ratzenböck pflegte aktiv Kontakte zu Politikern aus anderen europäischen Ländern und setzte sich für grenzüberschreitende Zusammenarbeit ein. Besonders die Beziehungen zu den Nachbarländern Bayern und der damaligen Tschechoslowakei lagen ihm am Herzen.
Die Charakterisierung als „Brückenbauer" trifft Ratzenböcks politischen Stil besonders treffend. In einer Zeit zunehmender politischer Polarisierung steht sein Vermächtnis für eine andere Art der Politik – eine Politik des Dialogs, des Zuhörens und der Kompromissfindung.
Diese Fähigkeit zum Brückenbauen zeigte sich auf verschiedenen Ebenen:
Diese Fähigkeiten machten ihn zu einem Politiker, der auch bei politischen Gegnern Respekt genoss. Sein konsensorientierter Stil prägte die politische Kultur Oberösterreichs nachhaltig.
Neben Wirtschaft und Sozialem war die Kultur ein weiterer Schwerpunkt in Ratzenböcks politischem Wirken. Er verstand Kultur nicht als bloßes Beiwerk, sondern als wesentlichen Bestandteil einer lebendigen Gesellschaft. Unter seiner Ägide wurden kulturelle Einrichtungen gefördert und ausgebaut.
Dieser kulturelle Gestaltungswille entsprang der Überzeugung, dass eine Gesellschaft mehr braucht als wirtschaftlichen Wohlstand. Kultur, Bildung und geistige Auseinandersetzung waren für Ratzenböck unverzichtbare Elemente eines erfüllten Lebens – sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft als Ganzes.
Mit dem Tod Josef Ratzenböcks geht eine Ära zu Ende. Er gehörte zu jener Generation von Politikern, die Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauten und prägten. Sein politisches Vermächtnis – die Verbindung von wirtschaftlicher Vernunft, sozialer Verantwortung und kulturellem Engagement – bleibt auch nach seinem Tod aktuell.
In einer Zeit, in der politische Polarisierung und Populismus zunehmen, erinnert Ratzenböcks Beispiel daran, dass erfolgreiche Politik auf Dialog, Kompromiss und einem klaren Wertefundament basiert. Seine Fähigkeit, Brücken zu bauen und Menschen zusammenzuführen, kann als Vorbild für heutige und künftige Politiker dienen.
Der Österreichische Cartellverband verneigt sich in Dankbarkeit vor einem großen Österreicher und spricht seiner Familie sowie allen Weggefährten tiefes Mitgefühl aus. Die Anteilnahme am Tod Ratzenböcks zeigt, welche Wertschätzung ihm auch Jahre nach seinem aktiven politischen Wirken noch entgegengebracht wird.
Josef Ratzenböck hinterlässt ein Vermächtnis, das über parteipolitische Grenzen hinaus Bedeutung hat. Er war ein Staatsmann im besten Sinne des Wortes – jemand, der das Wohl des Gemeinwesens über kurzfristige politische Interessen stellte. Dieses Beispiel bleibt auch nach seinem Tod lebendig und kann künftigen Generationen als Orientierung dienen.
Oberösterreich und Österreich haben einen ihrer bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit verloren. Die Erinnerung an Josef Ratzenböck und sein Wirken wird jedoch weiterleben – in den Institutionen, die er geprägt hat, in den politischen Grundsätzen, für die er stand, und in der Erinnerung all jener, die ihm begegnet sind.