Österreichische Hochschülerschaft fordert höhere Studienbeihilfe und freien Bildungszugang
Zum Semesterstart kritisiert die ÖH prekäre Lebensbedingungen von Studierenden und plant Kampagne für bessere finanzielle Absicherung.
Mit dem Start des Sommersemesters im März rückt ein Problem in den Fokus, das längst zur bitteren Realität für viele österreichische Studierende geworden ist: die prekäre finanzielle Situation an den Hochschulen. Die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH) schlägt Alarm und macht deutlich, dass Studierendenarmut keine Ausnahme mehr darstellt, sondern zur bedrückenden Normalität geworden ist.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund zwei Drittel der österreichischen Studierenden leben unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.661 Euro monatlich. Selina Wienerroither aus dem ÖH-Bundesvorsitz bringt das Problem auf den Punkt: "Dass die Studienbeihilfe weiterhin unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt, ist ein sozialpolitisches Versagen."
Für viele Studierende stellt die Studienbeihilfe die einzige Möglichkeit dar, ihr Studium überhaupt finanzieren zu können. Doch die aktuelle Höhe der Unterstützung reicht bei weitem nicht aus, um ein würdiges Leben während der Studienzeit zu gewährleisten. Die ÖH fordert daher nicht nur eine deutliche Erhöhung der Studienbeihilfe, sondern auch eine Erweiterung des Kreises der Bezugsberechtigten.
Um auf diese unhaltbare Situation aufmerksam zu machen, plant die ÖH eine umfassende Kampagne zur Studienbeihilfe. Den Auftakt bildet eine Aktion am 17. März um 9:00 Uhr vor der Universität Wien. Mit dieser und weiteren Aktionen will die Studierendenvertretung den politischen Druck erhöhen und konkrete Verbesserungen für die Betroffenen erreichen.
Die Dringlichkeit des Handelns wird durch die steigenden Lebenshaltungskosten noch verstärkt. Während Mieten, Lebensmittelpreise und andere notwendige Ausgaben kontinuierlich ansteigen, stagniert die finanzielle Unterstützung für Studierende. Diese Schere zwischen Bedarf und verfügbaren Mitteln wird immer größer.
Parallel zur finanziellen Problematik kritisiert die ÖH scharf die zunehmenden Zugangsbeschränkungen an österreichischen Hochschulen. Mit dem Sommersemesterbeginn starten auch die Anmeldephasen für Studien mit Eignungsverfahren – ein Umstand, der bei der Studierendenvertretung auf heftige Kritik stößt.
Viktoria Kudrna aus dem ÖH-Vorsitz macht die Position der Organisation deutlich: "Die Entwicklung hin zu mehr Hürden im Studium lehnen wir klar ab. Wir stehen gegen jegliche Form der Zugangsbeschränkungen." Allein an der Universität Wien gibt es bereits 22 Studien mit Aufnahmetest – eine Zahl, die aus Sicht der ÖH in die falsche Richtung weist.
"Unser Verständnis von Bildung ist untrennbar mit einem freien Hochschulzugang für alle Studierenden verbunden", betont Kudrna weiter. Die ÖH sieht in Zugangsbeschränkungen eine Form der sozialen Selektion, die dem Grundgedanken einer offenen und zugänglichen Hochschulbildung widerspricht.
Die finanziellen Schwierigkeiten zeigen sich nicht nur bei der Studienbeihilfe, sondern durchziehen alle Lebensbereiche der Studierenden. Umut Ovat, ebenfalls aus dem ÖH-Vorsitz, verweist auf die Studierenden-Sozialerhebung 2023, die ein alarmierendes Bild zeichnet: "Knapp ein Drittel der Student_innen gibt an, (sehr) starke finanzielle Schwierigkeiten zu haben."
Besonders dramatisch wird die Situation durch eine weitere Zahl aus der Erhebung: Nach Abzug der regelmäßigen Kosten bleiben Studierenden im Schnitt nur 310 Euro im Monat. Bei steigenden Miet- und Lebenshaltungskosten ist dieser Betrag völlig unzureichend für ein normales Leben.
Die angespannte finanzielle Lage wird durch politische Sparmaßnahmen zusätzlich verschärft. Ein aktuelles Beispiel ist die erhebliche Verteuerung der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien. "Sparmaßnahmen wie die erhebliche Verteuerung der Öffi-Tickets bedeuten für Studierende einen zusätzlichen Einschnitt", erklärt Ovat die problematische Entwicklung.
Gerade Studierende, die ohnehin mit einem knappen Budget haushalten müssen, sind von solchen Preiserhöhungen überproportional betroffen. Jeder zusätzliche Euro, der für den täglichen Weg zur Universität ausgegeben werden muss, fehlt bei anderen notwendigen Ausgaben.
Neben der Studienbeihilfe und den Zugangsbeschränkungen beschäftigt sich die ÖH intensiv mit weiteren Kostenfaktoren im Studienalltag. Leistbare Mensen und günstige öffentliche Verkehrsmittel für Studierende stehen dabei im Mittelpunkt der Forderungen.
Diese Bereiche mögen auf den ersten Blick weniger spektakulär erscheinen als die großen bildungspolitischen Fragen, haben aber enormen Einfluss auf den Studienalltag. Wer täglich auf eine warme Mahlzeit in der Mensa oder auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, spürt Preiserhöhungen unmittelbar im Geldbeutel.
Das Vorsitzteam der ÖH macht deutlich, dass es bei den zentralen Forderungen keinen Spielraum für Kompromisse gibt: "Die Anhebung der Studienbeihilfe und der freie Hochschulzugang sind für uns unverhandelbar." Diese klare Positionierung zeigt, dass die Studierendenvertretung gewillt ist, auch unbequeme Diskussionen zu führen und politischen Widerstand zu leisten.
"Auch im Sommersemester bleiben wir laut für alle Studierenden in Österreich", kündigt das Vorsitzteam weitere Aktivitäten an. Die ÖH sieht sich in der Verantwortung, die Interessen der Studierenden nicht nur zu vertreten, sondern aktiv für Verbesserungen zu kämpfen.
Die von der ÖH aufgezeigten Probleme sind nicht neu, haben sich aber in den letzten Jahren deutlich verschärft. Inflation, steigende Wohnkosten und stagnierende Unterstützungsleistungen haben eine Situation geschaffen, in der ein Studium für viele junge Menschen zu einem finanziellen Risiko wird.
Gleichzeitig werden durch Zugangsbeschränkungen zusätzliche Hürden aufgebaut, die den Zugang zur Hochschulbildung erschweren. Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den bildungspolitischen Zielen einer offenen und sozial durchlässigen Gesellschaft.
Die ÖH macht mit ihren Forderungen deutlich, dass die Probleme der Studierenden nicht durch individuelle Anstrengungen oder Sparsamkeit gelöst werden können. Vielmehr sind strukturelle Reformen und politische Entscheidungen notwendig, um die Situation zu verbessern.
Die geplante Kampagne zur Studienbeihilfe ist dabei nur der erste Schritt. Mit konkreten Aktionen und öffentlichem Druck will die Studierendenvertretung erreichen, dass die prekäre Situation der Studierenden endlich die politische Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient.
"In der ÖH stehen wir an der Seite der Studierenden", betont Viktoria Kudrna die Motivation für das Engagement. Diese Solidarität soll sich in den kommenden Monaten durch konkrete Verbesserungen für die Betroffenen zeigen.