Ein bemerkenswerter Trend prägt das österreichische Spendenwesen: Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihr Vermögen nach dem Tod für gemeinnützige Zwecke zu vermachen. Mit 122 Millionen Euro...
Ein bemerkenswerter Trend prägt das österreichische Spendenwesen: Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihr Vermögen nach dem Tod für gemeinnützige Zwecke zu vermachen. Mit 122 Millionen Euro erreichten die Testamentsspenden 2023 einen neuen Rekordwert – das entspricht fast jedem neunten Spendeneuro in Österreich. Diese Entwicklung spiegelt einen gesellschaftlichen Wandel wider, der weit über das reine Spendenwesen hinausgeht.
Eine Testamentsspende bezeichnet die Zuwendung von Vermögenswerten an gemeinnützige Organisationen durch letztwillige Verfügung. Im österreichischen Erbrecht, das im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) geregelt ist, können Erblasser frei über ihr Vermögen verfügen, solange sie die Pflichtteilsbestimmungen beachten. Pflichtteilsberechtigte Angehörige – wie Ehepartner, Kinder oder in bestimmten Fällen Eltern – haben Anspruch auf einen gesetzlich festgelegten Mindestanteil am Nachlass. Der frei verfügbare Teil kann jedoch vollständig gemeinnützigen Organisationen vermacht werden.
Der Fundraising Verband Austria, eine Dachorganisation von über 90 spendensammelnden Organisationen, erhebt seit Jahren systematisch Daten zum österreichischen Spendenwesen. Die aktuelle Hochrechnung basiert auf Meldungen der Mitgliedsorganisationen und stellt eine der umfassendsten Erhebungen zu diesem Thema dar.
Die Entwicklung der Testamentsspenden zeigt eine beeindruckende Dynamik. Während vor zehn Jahren noch deutlich weniger als 60 Millionen Euro testamentarisch gespendet wurden, hat sich das Volumen mehr als verdoppelt. Ruth Williams, Geschäftsführerin des Fundraising Verband Austria, führt diese Entwicklung auf mehrere gesellschaftliche Faktoren zurück: "Der demografische Wandel spielt eine entscheidende Rolle. Wir haben mehr Menschen im Pensionsalter, gleichzeitig steigt der Anteil kinderloser Personen. Diese Menschen suchen nach Wegen, mit ihrem Vermögen positive Spuren zu hinterlassen."
Die Zahlen belegen diesen Trend eindrucksvoll: Über 90 Prozent der Testamentsspenden stammen von alleinstehenden und kinderlosen Personen. Der durchschnittliche Spendenbetrag bewegt sich zwischen 50.000 und 100.000 Euro – Summen, die für viele gemeinnützige Organisationen existenziell wichtig sind.
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt Österreich eine dynamische Entwicklung bei Testamentsspenden. In Deutschland, wo das Spendenvolumen insgesamt höher ist, machen Testamentsspenden etwa 8-10 Prozent aller Spenden aus. Die Schweiz verzeichnet mit rund 15 Prozent einen noch höheren Anteil, was teilweise auf die andere Altersstruktur und höhere Vermögen zurückzuführen ist. Großbritannien gilt als Vorreiter: Dort stammt bereits jeder sechste Spendeneuro aus einem Testament.
"International liegt das Testamentsspenden im Trend", bestätigt Williams. "Österreich hat in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt und nähert sich dem europäischen Durchschnitt an. Das zeigt, dass auch in unserer Gesellschaft das Bewusstsein für diese Form des Spendens gewachsen ist."
Hinter dem Erfolg der Testamentsspenden steht die Initiative "Vergissmeinnicht", die seit 2012 kostenlose und neutrale Aufklärungsarbeit leistet. 100 gemeinnützige Organisationen aus ganz Österreich haben sich zusammengeschlossen, um über die Möglichkeiten des testamentarischen Spendens zu informieren. Markus Aichelburg, Leiter der Initiative, erklärt die Philosophie: "Wir wollen Menschen dabei helfen, informierte Entscheidungen zu treffen. Es geht nicht darum, sie zum Spenden zu überreden, sondern ihnen alle Optionen aufzuzeigen."
Die Initiative arbeitet eng mit der österreichischen Notariatskammer zusammen und bietet regelmäßig kostenlose Informationsveranstaltungen in allen Bundesländern an. Darüber hinaus führt sie Umfragestudien durch, um die Beweggründe und Wünsche potenzieller Testamentsspender zu erforschen.
Eine aktuelle Umfrage unter 2.000 Personen über 40 Jahre offenbart die Beweggründe für Testamentsspenden. 56 Prozent der Befragten möchten auch nach ihrem Ableben Gutes bewirken – ein Wunsch, der den grundlegenden menschlichen Bedarf nach Sinnstiftung und Vermächtnis widerspiegelt. 38 Prozent nennen den persönlichen Bezug zu einer bestimmten Organisation als entscheidenden Faktor. Dies unterstreicht die Bedeutung langfristiger Beziehungspflege zwischen Spendern und Hilfsorganisationen.
Bemerkenswert ist auch, dass 36 Prozent der Befragten ihr Vermögen nicht an den Staat fallen lassen möchten. Nach österreichischem Erbrecht fällt Vermögen ohne testament und ohne erbberechtigte Angehörige als "herrenloses Gut" an die Republik Österreich. Viele Menschen empfinden es als sinnvoller, ihr Lebenswerk gezielt gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen.
Die Analyse der Spendenzwecke zeigt interessante Präferenzen: Tierschutzorganisationen erhalten den größten Anteil der Testamentsspenden, gefolgt von Einrichtungen im Bereich Gesundheit, Pflege und Soziales sowie der Kinder- und Jugendhilfe. Diese Rangfolge unterscheidet sich deutlich von den Prioritäten bei Lebendspenden, wo traditionell Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe dominieren.
"Menschen, die per Testament spenden, denken oft sehr langfristig", erklärt Aichelburg. "Sie unterstützen gerne Bereiche, die kontinuierliche Arbeit erfordern und wo sie eine dauerhafte Wirkung sehen können. Tierschutz, Umweltschutz oder Bildungsprojekte erfüllen diese Kriterien besonders gut."
Die 122 Millionen Euro Testamentsspenden haben konkrete Auswirkungen auf das Leben vieler Österreicherinnen und Österreicher. In der Blindenhilfe ermöglichen sie beispielsweise die Finanzierung von Hilfsmitteln wie Vorlesesoftware oder Orientierungshilfen, die von den Krankenkassen nicht übernommen werden. Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs berichtet, dass Testamentsspenden seit über 60 Jahren eine tragende Säule ihrer Finanzierung darstellen.
Im Umweltschutz tragen Erbschaften zur Unabhängigkeit von Organisationen wie Greenpeace bei. "Testamentsspenden ermöglichen es uns, langfristige Projekte zu planen, ohne auf politische oder wirtschaftliche Konjunkturen angewiesen zu sein", erklärt Jasmin Zuba von Greenpeace Österreich. "Das ist besonders wichtig für Kampagnen, die über Jahre oder Jahrzehnte angelegt sind."
Auch in der Wissenschaft und Forschung spielen Testamentsspenden eine wichtige Rolle. Sie finanzieren Stipendien, ermöglichen Grundlagenforschung und unterstützen innovative Projekte, für die keine staatlichen Mittel zur Verfügung stehen. Kultureinrichtungen können dank testamentarischer Zuwendungen Archive digitalisieren, Restaurierungen durchführen oder neue Vermittlungsprogramme entwickeln.
Das österreichische Erbrecht bietet verschiedene Möglichkeiten für testamentarische Spenden. Die einfachste Form ist das Vermächtnis (Legat), bei dem eine bestimmte Geldsumme oder ein konkreter Gegenstand einer Organisation zugewendet wird. Bei der Erbeinsetzung wird die gemeinnützige Organisation als Erbe oder Miterbe eingesetzt und übernimmt damit auch eventuelle Schulden des Nachlasses.
Besonders relevant ist die Ersatzerbschaft: 23 Prozent der Befragten würden Vereine als Ersatzerben einsetzen, falls die eigentlichen Erben frühzeitig versterben. Diese Konstruktion bietet Sicherheit, dass das Vermögen in jedem Fall sinnvoll verwendet wird, ohne die Familie zu benachteiligen.
Ein wichtiger Aspekt ist die steuerliche Behandlung. Gemeinnützige Organisationen sind von der Erbschafts- und Schenkungssteuer befreit, wenn sie über einen entsprechenden Bescheid verfügen. Für Spender bedeutet das, dass der volle Betrag dem guten Zweck zugutekommt.
Trotz der wachsenden Bedeutung von Testamentsspenden ist die Testamentsvorsorge in Österreich noch ausbaufähig. Nur 31 Prozent der über 40-Jährigen haben bereits ein Testament erstellt. 50 Prozent bezeichnen sich als wenig bis gar nicht über das Erbrecht informiert. Diese Wissenslücke will die Initiative Vergissmeinnicht mit ihren "Wochen des guten Testaments" schließen.
Die kostenlosen Informationsveranstaltungen finden in allen Bundesländern statt – von Mattersburg bis Hohenems. Lokale Notare informieren dabei über rechtliche Aspekte, während Vertreter gemeinnütziger Organisationen über ihre Arbeit berichten. "Wir wollen zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind und dass jeder Beitrag wertvoll ist", betont Williams.
Die Dankbarkeit der Hilfsorganisationen kam am 8. April in einer besonderen Aktion zum Ausdruck. Im Schlosspark Schönbrunn pflanzten Vertreter der 100 Vergissmeinnicht-Mitglieder symbolisch Vergissmeinnicht-Blumen. Diese traditionelle Geste wurde in diesem Jahr um eine besondere Komponente erweitert: 1.000 Blumentöpfe mit Vergissmeinnicht-Samen wurden an die Bevölkerung verteilt.
"Jede Testamentsspende sät den Samen für neue, wertvolle Projekte", erklärt Williams die Symbolik. "Der Vergissmeinnicht-Samentopf soll an alle erinnern, die über ihr Leben hinaus Gutes getan haben – sie bleiben unvergessen." Die Aktion unterstreicht den emotionalen Aspekt des Testamentsspendens und würdigt die Spender, die ihre Entscheidung meist nicht mehr miterleben können.
Experten prognostizieren für die kommenden Jahre ein weiteres Wachstum der Testamentsspenden. Der demografische Wandel wird sich verstärken: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre erreichen das Pensionsalter und verfügen oft über beträchtliche Vermögen. Gleichzeitig steigt der Anteil kinderloser Personen kontinuierlich an.
"Wir erwarten, dass sich das Volumen der Testamentsspenden in den nächsten zehn Jahren nochmals deutlich erhöhen wird", prognostiziert Williams. "Dabei geht es nicht nur um die absoluten Summen, sondern auch um die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Spendenform. Sie wird zunehmend als normale Option der Nachlassplanung betrachtet."
Auch die Digitalisierung wird das Testamentsspenden verändern. Online-Tools zur Testamentserstellung und digitale Beratungsangebote machen es einfacher, testamentarische Spenden zu planen. Gleichzeitig ermöglichen moderne Kommunikationsmittel eine bessere Bindung zwischen Spendern und Organisationen.
Die Initiative Vergissmeinnicht will ihre Aufklärungsarbeit weiter ausbauen und dabei besonders jüngere Zielgruppen ansprechen. "Nachlassplanung ist kein Thema nur für Hochbetagte", betont Aichelburg. "Je früher man sich damit beschäftigt, desto durchdachter können die Entscheidungen sein."
Eine zentrale Herausforderung bleibt die Aufklärung über rechtliche Aspekte. Viele potenzielle Spender scheuen sich vor der Komplexität des Erbrechts oder befürchten, ihre Angehörigen zu benachteiligen. Hier ist weitere Bildungsarbeit nötig, um zu zeigen, dass Testamentsspenden und Familienerbe sich nicht ausschließen müssen.
Gleichzeitig eröffnet die wachsende Bedeutung der Testamentsspenden neue Chancen für gemeinnützige Organisationen. Sie können langfristiger planen und sind weniger abhängig von wirtschaftlichen Schwankungen oder politischen Entscheidungen. Allerdings erfordert die Pflege von Testamentsspendern spezielle Kompetenzen und eine langfristige Kommunikationsstrategie.
Mit 122 Millionen Euro haben Testamentsspenden in Österreich eine Dimension erreicht, die sie zu einem wichtigen Faktor im gemeinnützigen Sektor macht. Sie ermöglichen nicht nur die Finanzierung bestehender Programme, sondern auch die Entwicklung innovativer Projekte und langfristiger Strategien. Für viele Menschen bieten sie die Möglichkeit, über den Tod hinaus Verantwortung zu übernehmen und positive Veränderungen zu bewirken – ein Vermächtnis, das tatsächlich unvergessen bleibt.