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Österreichische Glücksspielforschung: Deutscher Preis zeigt neue Wege

14. April 2026 um 13:50
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Ein bahnbrechender Forschungsansatz zur Risikobereitschaft von Glücksspielern könnte auch für Österreich wegweisend werden. Dr. Sebastian O. Schneider vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik...

Ein bahnbrechender Forschungsansatz zur Risikobereitschaft von Glücksspielern könnte auch für Österreich wegweisend werden. Dr. Sebastian O. Schneider vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn erhielt am 13. April 2026 den mit 30.000 Euro dotierten Deutschen Nachwuchsforschungspreis Glücksspielforschung. Seine im renommierten American Economic Review publizierte Studie über Risikopräferenzen liefert neue Erkenntnisse, die direkte Relevanz für die österreichische Glücksspielpolitik und den Spielerschutz haben.

Revolutionäre Erkenntnisse zur Risikowahrnehmung von Spielern

Schneiders prämierte Arbeit "Risk Preferences and Field Behavior: The Relevance of Higher-Order Risk Preferences" bricht mit herkömmlichen Annahmen der Verhaltensforschung. Während die Wissenschaft bisher hauptsächlich die klassische Risikoaversion - also die natürliche Abneigung gegen unsichere Entscheidungen - untersuchte, zeigt die Studie, dass sogenannte "höherwertige Risikopräferenzen" eine entscheidende Rolle spielen.

Diese komplexeren Präferenzstrukturen umfassen Prudence - die Bereitschaft, sich gegen schlechte Zeiten abzusichern - und Temperance - die Neigung, Risiken zeitlich zu diversifizieren. Gemeinsam mit seinem Co-Autor Matthias Sutter konnte Schneider nachweisen, dass diese bisher vernachlässigten Faktoren signifikant mit dem tatsächlichen Verhalten von Menschen außerhalb kontrollierter Laborumgebungen korrelieren.

Bedeutung für die Glücksspielpraxis

"Diese Erkenntnisse verändern unser Verständnis davon, warum Menschen Glücksspiele spielen", erklärt die Forschungsgruppe. Die Studie zeigt auf, dass das Entscheidungsverhalten von Glücksspielern weitaus komplexer ist als bisher angenommen. Statt nur zwischen risikofreudigen und risikoaversen Spielern zu unterscheiden, müssen Wissenschaftler und Regulierungsbehörden nun eine vielschichtige Palette von Risikopräferenzen berücksichtigen.

Für österreichische Glücksspielanbieter bedeutet dies eine grundlegende Überarbeitung ihrer Präventionsstrategien. Die bisherigen Schutzmaßnahmen, die hauptsächlich auf der Annahme einfacher Risikobereitschaft basieren, greifen möglicherweise zu kurz. Moderne Spielerschutzkonzepte müssen künftig die individuellen Risikoprofile der Spieler berücksichtigen.

Österreichs Glücksspiellandschaft im Wandel

Die österreichische Glücksspielindustrie steht vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland. Mit einem jährlichen Bruttospielertrag von rund 3,2 Milliarden Euro und über 2,5 Millionen aktiven Spielern ist der Markt von erheblicher volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die Österreichischen Lotterien, die Casinos Austria und zahlreiche private Anbieter konkurrieren um Marktanteile, während gleichzeitig der Druck für besseren Spielerschutz steigt.

Das österreichische Glücksspielgesetz (GSpG) wurde zuletzt 2019 novelliert, um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu begegnen. Dennoch zeigen Studien der Gesundheit Österreich GmbH, dass etwa 64.000 Menschen in Österreich ein problematisches Spielverhalten aufweisen. Weitere 36.000 gelten als pathologische Spieler - Zahlen, die die Dringlichkeit effektiver Präventionsmaßnahmen unterstreichen.

Vergleich mit Deutschland und der Schweiz

Während Deutschland mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 einen bundesweit einheitlichen Regulierungsrahmen geschaffen hat, setzt Österreich weiterhin auf sein bewährtes Konzessionsmodell. Die Schweiz wiederum hat 2019 das neue Geldspielgesetz eingeführt, das Online-Glücksspiele erstmals umfassend reguliert.

Schneiders Forschungsergebnisse könnten nun alle drei Länder dazu bewegen, ihre Regulierungsansätze zu überdenken. "Die Erkenntnisse über höherwertige Risikopräferenzen sind nicht auf Deutschland beschränkt", betont ein Experte für Glücksspielregulierung. "Sie haben universelle Gültigkeit und sollten in allen europäischen Jurisdiktionen berücksichtigt werden."

Internationale Anerkennung für deutsche Forschung

Die Auszeichnung von Schneider erfolgte durch den internationalen Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Stiftung Glücksspielforschung (DSGF), einer 2024 gegründeten gemeinnützigen Organisation. Die unabhängige Jury besteht aus renommierten Wissenschaftlern von Harvard Medical School, Brown University, University of Nevada Las Vegas, Universität Kopenhagen und Washington State University.

Die Publikation im American Economic Review - einem der fünf einflussreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Fachmagazine weltweit - unterstreicht die internationale Bedeutung der Forschungsarbeit. Das Journal hat einen Impact-Faktor von 4,6 und veröffentlicht nur etwa 8% der eingereichten Manuskripte.

Innovative Finanzierungsstruktur der Stiftung

Die Deutsche Stiftung Glücksspielforschung verfolgt einen bemerkenswerten Ansatz zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Statt Forschung über projektbezogene Aufträge zu vergeben, zeichnet sie bereits abgeschlossene, unabhängig entstandene wissenschaftliche Arbeiten aus. Diese Struktur als Public-Private-Partnership vereint staatliche, kommunale und private Gesellschafter.

Zu den Stiftungspartnern gehören die Thüringer Staatslotterie AöR, die François-Blanc-Spielbank Bad Homburg, sowie private Unternehmen wie Tipico Technology Holding und Merkur.com AG. Der jährlich vergebene Deutsche Innovationspreis Glücksspielforschung ist mit bis zu 200.000 Euro dotiert und gilt als weltweit höchstdotierte Auszeichnung ihrer Art.

Auswirkungen auf österreichische Spieler und Anbieter

Die Forschungsergebnisse haben direkte Konsequenzen für österreichische Glücksspieler. Bisherige Selbsteinschätzungen der eigenen Risikobereitschaft könnten unvollständig sein, da sie die komplexeren Präferenzstrukturen nicht berücksichtigen. Dies betrifft besonders Online-Casino-Spieler, die oft intuitive Entscheidungen treffen, ohne sich ihrer vielschichtigen Risikoneigung bewusst zu sein.

Für österreichische Glücksspielanbieter ergeben sich neue Möglichkeiten der Kundensegmentierung und personalisierten Ansprache. Statt pauschaler Risikoprofile könnten sie künftig differenzierte Schutzmaßnahmen entwickeln, die den individuellen Risikopräferenzen ihrer Kunden entsprechen.

Technologische Implementierung

Die praktische Umsetzung von Schneiders Erkenntnissen erfordert sophisticated Analysesysteme. Künstliche Intelligenz und Machine Learning könnten dabei helfen, die komplexen Risikoprofile von Spielern in Echtzeit zu erfassen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu aktivieren.

Österreichische Anbieter wie win2day oder die Casinos Austria experimentieren bereits mit datengetriebenen Ansätzen zur Früherkennung problematischen Spielverhaltens. Die neuen Forschungsergebnisse könnten diese Bemühungen erheblich verfeinern.

Interdisziplinäres Fachsymposium zeigt Forschungsbreite

Die Preisverleihung fand im Rahmen des Symposiums "Aspekte menschlichen Risikoverhaltens" im Literaturhaus München statt - einer Veranstaltung, die in Bayern bisher einmalig ist. Das interdisziplinäre Format vereinte rechtswissenschaftliche, historische, ökonomische und verhaltenswissenschaftliche Perspektiven.

Zu den prominent besetzten Referenten gehörten Prof. Dr. Peter M. Huber, ehemaliger Bundesverfassungsrichter, der über die Bedeutung empirischer Evidenz für Rechtsprechung und Gesetzgebung sprach, sowie Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht von Stanford University über Risikodenken als Grundlage intellektuellen Fortschritts.

Internationale Perspektiven

Prof. Dr. Marc Potenza von der Yale University, einer der weltweit führenden Suchtforscher, beleuchtete Forschungslücken und zukünftige Entwicklungen. Seine Erkenntnisse sind besonders relevant für Österreich, da sie zeigen, welche Forschungsbereiche noch unzureichend erforscht sind.

Prof. Dr. Jack Mintz von der University of Calgary thematisierte das spannungsreiche Verhältnis zwischen Besteuerung, Glücksspiel und staatlichen Zielsetzungen - ein Thema, das auch für die österreichische Finanzpolitik hochaktuell ist.

Zukunftsperspektiven für die österreichische Glücksspielforschung

Österreich könnte von den deutschen Forschungsinitiativen erheblich profitieren. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft und das Austrian Institute of Technology (AIT) verfügen über die notwendige Expertise, um ähnliche Forschungsprogramme zu entwickeln.

Die Österreichische Nationalbank und das Sozialministerium haben bereits Interesse an vertiefter Glücksspielforschung signalisiert. Ein nationaler Forschungspreis nach deutschem Vorbild könnte österreichische Wissenschaftler motivieren, sich verstärkt diesem gesellschaftlich relevanten Thema zu widmen.

Regulatorische Anpassungen

Das österreichische Finanzministerium prüft bereits, inwiefern die neuen Forschungsergebnisse in die kommende Novellierung des Glücksspielgesetzes einfließen sollten. Besonders die Bestimmungen zum Spielerschutz und zur Prävention könnten von den Erkenntnissen über komplexere Risikopräferenzen profitieren.

Die Europäische Union plant zudem eine Harmonisierung der Glücksspielregulierung, bei der Österreich eine Vorreiterrolle übernehmen könnte, wenn es die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse frühzeitig implementiert.

Gesellschaftliche Relevanz und Ausblick

Die Forschungsergebnisse von Dr. Schneider markieren einen Wendepunkt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Glücksspielverhalten. Für Österreich ergeben sich daraus sowohl Chancen als auch Verpflichtungen: Die Chance, durch evidenzbasierte Regulierung zum Vorbild für Europa zu werden, und die Verpflichtung, die gewonnenen Erkenntnisse zum Schutz der eigenen Bürger zu nutzen.

Die nächste Generation österreichischer Forscher könnte von den etablierten Kooperationen mit deutschen Instituten profitieren. Der regelmäßige wissenschaftliche Austausch zwischen den beiden Ländern hat bereits zu fruchtbaren Partnerschaften geführt, die nun auf den Bereich der Glücksspielforschung ausgeweitet werden könnten.

Bis 2030 werden Experten mit weitreichenden Veränderungen in der europäischen Glücksspiellandschaft rechnen. Österreich hat die Möglichkeit, durch proaktive Forschungsförderung und innovative Regulierungsansätze eine Führungsrolle zu übernehmen und gleichzeitig den bestmöglichen Schutz für seine Bürger zu gewährleisten.

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