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ORF und VÖSI entwickeln Messmodell für Digitale Souveränität

7. April 2026 um 11:27
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Eine neue Allianz zwischen dem ORF und der österreichischen Software-Industrie könnte die Art und Weise revolutionieren, wie Unternehmen und Behörden ihre technologische Unabhängigkeit bewerten. Di...

Eine neue Allianz zwischen dem ORF und der österreichischen Software-Industrie könnte die Art und Weise revolutionieren, wie Unternehmen und Behörden ihre technologische Unabhängigkeit bewerten. Die heute gestartete Initiative zur "Digitalen Souveränität" verspricht erstmals messbare Kriterien für ein Thema zu schaffen, das in Zeiten von Cyberangriffen und Lieferkettenunterbrechungen immer kritischer wird.

Messbare Unabhängigkeit statt digitaler Blindheit

Unter dem Motto "Vergleichbar. Erklärbar. Souverän" haben der Österreichische Rundfunk und der Verband Österreichischer Software Innovationen (VÖSI) eine Special Interest Group ins Leben gerufen, die ein praxisnahes Referenzmodell für Digitale Souveränität entwickeln soll. Das Ziel ist ambitioniert: Erstmals sollen Organisationen ihre technologische Abhängigkeit objektiv messen und bewerten können.

"Digitale Souveränität bedeutet, zu wissen, wie abhängig man von Technologien, Plattformen und Lieferketten ist – und bewusst entscheiden zu können", erklärt Harald Kräuter, Direktor für Digitalisierung und Technik im ORF. Diese Definition zeigt bereits die Komplexität des Themas: Es geht nicht um komplette Autarkie, sondern um bewusste Entscheidungen auf Basis transparenter Informationen.

Was bedeutet Digitale Souveränität konkret?

Digitale Souveränität umfasst die Fähigkeit von Staaten, Organisationen oder Unternehmen, selbstbestimmt über ihre digitalen Infrastrukturen, Daten und Technologien zu entscheiden. Dies beinhaltet die Kontrolle über Datenströme, die Unabhängigkeit von einzelnen Technologieanbietern und die Fähigkeit, kritische digitale Dienste auch in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten. In der Praxis bedeutet dies beispielsweise zu wissen, wo sensible Daten gespeichert werden, welche ausländischen Gesetze auf diese Daten anwendbar sind und wie schnell alternative Lösungen verfügbar wären, falls ein Anbieter ausfällt.

Das Konzept gewann nach den Snowden-Enthüllungen 2013 an Bedeutung und wurde durch geopolitische Spannungen, die COVID-19-Pandemie und den Ukraine-Krieg weiter verstärkt. Besonders die Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Technologiekonzernen rückte in den Fokus europäischer Politik und Wirtschaft.

Österreichs Position im europäischen Kontext

Österreich nimmt mit dieser Initiative eine Vorreiterrolle in Europa ein. Während Deutschland bereits 2021 eine "Digitalstrategie" mit Fokus auf digitale Souveränität verabschiedete und Frankreich mit seinem "Cloud de Confiance"-Programm eigene Wege geht, fehlt es europaweit an standardisierten Bewertungskriterien. Die Schweiz arbeitet parallel an ähnlichen Ansätzen, jedoch meist im Rahmen ihrer Neutralitätspolitik.

"Digitale Souveränität entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Transparenz, Kompetenz und starke europäische Ökosysteme", betont VÖSI-Präsidentin Doris Lippert. Diese Aussage spiegelt den pragmatischen österreichischen Ansatz wider, der auf Kooperation statt Isolation setzt. Im Gegensatz zu protektionistischen Modellen zielt die österreichische Initiative auf Transparenz und informierte Entscheidungsfindung ab.

Internationale Vergleiche zeigen unterschiedliche Ansätze

Während China mit seinem "Cybersecurity Law" strenge Datenlokalisierung vorschreibt und die USA mit dem "CLOUD Act" extraterritoriale Zugriffe ermöglichen, sucht Europa einen Mittelweg. Die EU-Datenstrategie und Initiativen wie GAIA-X versuchen, europäische Standards zu etablieren, ohne globale Vernetzung zu opfern. Österreichs Ansatz könnte als Blaupause für andere EU-Mitgliedstaaten dienen, die ähnliche Herausforderungen bewältigen müssen.

Konkrete Auswirkungen für Bürger und Unternehmen

Die Entwicklung messbarer Kriterien für Digitale Souveränität wird weitreichende Folgen für verschiedene Bereiche haben. Öffentliche Verwaltungen könnten künftig bei IT-Ausschreibungen konkrete Souveränitätsanforderungen stellen. Beispielsweise könnte die Stadt Wien verlangen, dass Bürgerdaten ausschließlich in EU-Rechenzentren gespeichert werden oder dass bei Cloud-Diensten europäische Verschlüsselungsstandards verwendet werden.

Für Unternehmen bedeutet dies neue Geschäftschancen, aber auch zusätzliche Anforderungen. Österreichische Software-Unternehmen könnten sich durch hohe Souveränitätswerte Wettbewerbsvorteile verschaffen, während internationale Konzerne ihre Angebote anpassen müssen. Banken und Versicherungen, die bereits strengen Regulierungen unterliegen, würden von klaren Bewertungskriterien profitieren, da sie Compliance-Risiken besser einschätzen können.

Bürgerinnen und Bürger könnten indirekt profitieren, wenn öffentliche Dienste sicherer und weniger anfällig für Cyberangriffe werden. Gleichzeitig könnten sich Innovationszyklen verlangsamen, wenn Souveränitätsanforderungen die Einführung neuer Technologien erschweren. Ein ausgewogenes Modell muss daher Innovation und Sicherheit gleichermaßen berücksichtigen.

Dreistufiges Bewertungsmodell in Entwicklung

Peter Reichstädter, CIO des Österreichischen Parlaments und Koordinator der Initiative, definiert Digitale Souveränität als "komplexe Challenge auf der Skala von Autonomy, Authority, Risk und Resilience". Das geplante Modell betrachtet drei zentrale Ebenen: Operative Souveränität, Daten und Technologie.

Die operative Souveränität umfasst die Kontrolle über Geschäftsprozesse und die Fähigkeit, diese auch bei Ausfällen aufrechtzuerhalten. Die Datenebene betrifft Speicherort, Zugriffskontrolle und Verarbeitungsstandards. Die Technologieebene analysiert Herkunft, Lizenzmodelle und Abhängigkeiten von Software und Hardware-Komponenten.

Innovative Transparenz-Instrumente geplant

Besonders innovativ ist der geplante "Digital Sovereignty Score", der komplexe technische Abhängigkeiten in eine verständliche Kennzahl übersetzt. Ergänzend sollen standardisierte "Sovereignty Factsheets" und eine "Sovereignty Bill of Materials" entwickelt werden, die detaillierte Informationen über Herkunft, Lieferketten und Abhängigkeiten digitaler Lösungen liefern.

Diese Instrumente könnten ähnlich wie Energieeffizienzlabels funktionieren: Auf einen Blick erkennbar, aber mit der Möglichkeit zur Vertiefung für Experten. Ein Cloud-Dienst könnte beispielsweise einen Souveränitätswert von 8/10 erhalten, wobei Punkte für EU-Datenspeicherung, europäische Verschlüsselung, aber Abzüge für amerikanische Muttergesellschaft vergeben werden.

Herausforderungen bei der Implementierung

Die Entwicklung objektiver Bewertungskriterien ist technisch und politisch anspruchsvoll. Wie gewichtet man beispielsweise Datensicherheit gegen Innovationsfähigkeit? Welche Rolle spielen Kosten und Praktikabilität? Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Software-Unternehmen, Infrastrukturanbietern, Beratung, Forschung und öffentlichem Sektor soll verschiedene Perspektiven einbringen.

"Digitale Souveränität ist kein abstrakter Begriff, sondern eine sehr konkrete Frage der technologischen Handlungsfähigkeit von Organisationen", erklärt Astrid Zöchling, CIO des ORF und Mit-Initiatorin der Arbeitsgruppe. Diese praxisorientierte Herangehensweise unterscheidet die österreichische Initiative von rein akademischen Ansätzen.

Neutralität als Erfolgsfaktor

Entscheidend für den Erfolg wird die Neutralität des Bewertungsmodells sein. Das geplante Referenzmodell soll explizit nicht als Zertifizierung oder Gütesiegel fungieren, sondern als Orientierungshilfe dienen. Dies könnte die Akzeptanz bei Unternehmen erhöhen, die Befürchtungen vor zusätzlicher Bürokratie haben.

Die Einbindung internationaler Expertise und die Vernetzung auf europäischer Ebene sollen sicherstellen, dass österreichische Insellösungen vermieden werden. Gleichzeitig muss das Modell spezifische österreichische Anforderungen berücksichtigen, etwa die Neutralitätspolitik oder besondere Datenschutztraditionen.

Zukunftsperspektiven und Marktauswirkungen

Experten erwarten, dass standardisierte Souveränitätsbewertungen mittelfristig zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden. Bereits heute berücksichtigen viele Ausschreibungen im öffentlichen Sektor informell Aspekte digitaler Souveränität. Ein standardisiertes Bewertungsmodell könnte diese Entscheidungen transparenter und rechtssicherer machen.

Für die österreichische IT-Industrie eröffnen sich neue Marktchancen, wenn heimische Anbieter ihre Souveränitätsvorteile besser kommunizieren können. Gleichzeitig könnten sich neue Geschäftsmodelle rund um Souveränitäts-Beratung und -Zertifizierung entwickeln. Internationale Konzerne werden ihre Strategien anpassen müssen, möglicherweise durch lokale Partnerschaften oder Investitionen in europäische Infrastrukturen.

Die Initiative könnte auch Impulse für die österreichische Forschungslandschaft setzen. Universitäten und Forschungseinrichtungen könnten sich als Kompetenzzentren für Digitale Souveränität positionieren und entsprechende Studienprogramme entwickeln.

Europäische Ausstrahlung erwartet

Sollte das österreichische Modell erfolgreich sein, könnte es Vorbild für andere EU-Mitgliedstaaten werden. Die Europäische Kommission beobachtet nationale Initiativen zur Digitalen Souveränität genau und könnte erfolgreiche Ansätze in EU-weite Standards überführen. Dies würde österreichischen Unternehmen, die bereits nach den neuen Kriterien arbeiten, weitere Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Die geplante internationale Vernetzung der Arbeitsgruppe deutet darauf hin, dass von Beginn an europäische Kompatibilität mitgedacht wird. Dies ist entscheidend, da rein nationale Lösungen in der globalisierten Digitalwirtschaft nur begrenzt wirksam sind.

Die Initiative von ORF und VÖSI kommt zur richtigen Zeit: Das Bewusstsein für Digitale Souveränität wächst, aber praktikable Bewertungsinstrumente fehlen noch. Ob das österreichische Modell international Schule machen wird, hängt von der erfolgreichen Balance zwischen Praktikabilität, Neutralität und technischer Präzision ab. Für Österreichs Ambition als digitaler Vorreiter in Europa könnte diese Initiative einen wichtigen Meilenstein darstellen.

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