Österreichische Presseverlage vereinen sich gegen Tech-Giganten
Die neue Verwertungsgesellschaft VG Newsmedia will faire Vergütung für Online-Inhalte von Google und anderen Plattformen durchsetzen.
Die österreichische Medienlandschaft hat einen neuen Akteur: Die VG Newsmedia wurde am 19. Februar 2026 bei einem Kick-off-Event im Wiener Presseclub Concordia offiziell vorgestellt. Die zehnte Verwertungsgesellschaft Österreichs hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Sie will durchsetzen, dass Presseverlage endlich angemessen für die Nutzung ihrer Online-Inhalte durch Tech-Plattformen wie Google, Facebook und Co. entschädigt werden.
Maximilian Dasch, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Geschäftsführer der "Salzburger Nachrichten", begrüßte die zahlreichen Gäste aus der Medienbranche. Gemeinsam mit Clemens Bernsteiner, dem Leiter der Aufsichtsbehörde für Verwertungsgesellschaften, unterstrich er die Bedeutung dieser Initiative für die heimische Presselandschaft.
Die Geschäftsführung der VG Newsmedia besteht aus Julia Wippersberg und Gerald Grünberger, die beide langjährige Erfahrung im Medien- und Rechtsbereich mitbringen. Wippersberg machte gleich zu Beginn deutlich, worum es geht: "Dabei sind wir als Verwertungsgesellschaft nur so stark wie die Rechte, die wir von den Verlagen übertragen bekommen. Sind sie zahlreich, dann haben wir eine gewisse Macht, die wir gegenüber den Tech-Plattformen vortragen können."
Die Geschäftsführerin warnte jedoch vor zu großem Optimismus: "Bedauerlicherweise sind dazu aufgrund des Rechtsrahmens noch zahlreiche juristische Detailfragen offen, die wohl vor Gericht geklärt werden müssen. Dafür werden wir einen langen Atem und Zusammenhalt der Branche benötigen."
Diese Einschätzung unterstreicht die Komplexität der Materie. Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger wurde zwar bereits 2019 auf EU-Ebene und 2021 in österreichisches Recht übernommen, doch die praktische Umsetzung erweist sich als schwierig. Tech-Konzerne wie Google haben verschiedene Strategien entwickelt, um die Zahlung von Vergütungen zu vermeiden oder zu minimieren.
Gerald Grünberger betonte die Offenheit der neuen Verwertungsgesellschaft: "Wir laden alle Verlage ein, einen Wahrnehmungsvertrag abzuschließen und der Gesellschaft als Mitglied beizutreten." Die Mitgliedschaft steht sämtlichen Verlagshäusern in Österreich offen und ist nicht an eine Mitgliedschaft in einem anderen Verband geknüpft.
Diese Strategie ist bewusst gewählt: Je mehr Verlage ihre Rechte an die VG Newsmedia übertragen, desto stärker wird deren Verhandlungsposition gegenüber den Tech-Plattformen. Es geht um das Prinzip "Einigkeit macht stark" - eine Erkenntnis, die auch der Keynote-Speaker des Events unterstrich.
Thomas Höppner, Rechtsanwalt bei Geradin Partners in Berlin und ausgewiesener Experte für Leistungsschutzrecht, hielt die Hauptrede des Abends. Seine Analyse war ernüchternd: Google und andere Tech-Riesen setzen systematisch darauf, die Presseverlage gegeneinander auszuspielen.
Höppner spannte den Bogen von den rechtlichen Grundlagen auf EU- und nationaler Ebene über die aktuellen Praktiken von Google bis hin zu den neuesten Herausforderungen durch KI-Unternehmen. Seine zentrale Botschaft war eindeutig: "Die Presseverlage müssen an einer gemeinsamen Strategie arbeiten und dürfen sich durch Google nicht 'auseinanderdividieren' lassen."
Der Berliner Anwalt machte deutlich, dass es nicht ausreicht, die Nutzung von Online-Inhalten nur verbieten zu können. Vielmehr brauche es gesetzliche Regelungen, die eine angemessene Monetarisierung ermöglichen.
Besonders brisant sind die neuesten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. KI-Unternehmen trainieren ihre Systeme mit Millionen von Texten aus Online-Medien, ohne dafür zu bezahlen. Diese Praxis könnte das traditionelle Geschäftsmodell der Verlage noch stärker bedrohen als die bisherigen Praktiken der Tech-Plattformen.
Höppner zeigte jedoch auch Wege auf, wie diesen Herausforderungen begegnet werden könnte. Entscheidend sei eine koordinierte Vorgangsweise aller Beteiligten und der politische Wille, die bestehenden Gesetze auch durchzusetzen.
Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ist eine relativ neue Errungenschaft im europäischen Urheberrecht. Es soll verhindern, dass Tech-Plattformen die Inhalte von Zeitungen und Zeitschriften kostenlos nutzen und damit Werbeerlöse generieren, ohne die Urheber zu entschädigen.
Die rechtlichen Grundlagen wurden 2019 mit der EU-Urheberrechtsrichtlinie geschaffen und 2021 in österreichisches Recht übernommen. Die Überzeugung dahinter: Verlage sollen eine Refinanzierung für ihre Online-Inhalte erhalten, wenn Tech-Plattformen diese für ihre eigenen kommerziellen Zwecke nutzen.
Doch zwischen Theorie und Praxis klafft eine große Lücke. Google beispielsweise hat in verschiedenen EU-Ländern unterschiedliche Strategien angewendet: von der kompletten Verweigerung der Zahlung bis hin zu selektiven Deals mit einzelnen Verlagen. Diese Taktik des "Divide et impera" soll nun durch die kollektive Wahrnehmung der VG Newsmedia durchbrochen werden.
Die neue Verwertungsgesellschaft hat im Herbst 2025 die Wahrnehmungsgenehmigung von der Aufsichtsbehörde erhalten und nimmt nun den operativen Betrieb auf. Damit ist sie die zehnte Verwertungsgesellschaft in Österreich und die erste, die sich speziell um die Rechte der Presseverlage kümmert.
Andere europäische Länder haben bereits Erfahrungen mit ähnlichen Initiativen gesammelt. In Frankreich, Deutschland und anderen EU-Staaten gibt es bereits entsprechende Verwertungsgesellschaften, die mit unterschiedlichem Erfolg gegen die Tech-Konzerne vorgehen.
Die Erfahrungen zeigen: Nur durch gebündelte Kräfte und professionelle Verhandlungsführung lassen sich nennenswerte Ergebnisse erzielen. Einzelne Verlage haben kaum eine Chance gegen die Marktmacht der Tech-Giganten.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Leistungsschutzrechts für die österreichische Medienlandschaft ist nicht zu unterschätzen. Angesichts sinkender Auflagen und rückläufiger Werbeerlöse könnte eine erfolgreiche Durchsetzung von Vergütungsansprüchen einen wichtigen Baustein für die Refinanzierung des Qualitätsjournalismus darstellen.
Experten schätzen, dass Tech-Plattformen jährlich Milliardenbeträge mit Inhalten verdienen, die ursprünglich von Medienunternehmen erstellt wurden. Ein fairer Anteil an diesen Erlösen könnte den Verlagen helfen, ihre journalistische Arbeit zu finanzieren und die Vielfalt der Medienlandschaft zu erhalten.
Die VG Newsmedia steht nun vor der Aufgabe, möglichst viele österreichische Verlage als Mitglieder zu gewinnen und die ersten Verhandlungen mit den Tech-Plattformen aufzunehmen. Parallel dazu wird sich zeigen müssen, welche rechtlichen Auseinandersetzungen nötig sein werden, um die Ansprüche durchzusetzen.
Julia Wippersberg machte deutlich, dass dies kein Sprint, sondern ein Marathon wird. Die Branche müsse sich auf einen langen Kampf einstellen, aber sie sei zuversichtlich, dass am Ende eine faire Lösung gefunden werden könne.
Die Präsentation der VG Newsmedia markiert einen wichtigen Meilenstein im Kampf um faire Vergütung für journalistische Inhalte. Ob und wann sich dieser Kampf auszahlt, wird wesentlich davon abhängen, wie geschlossen die österreichische Verlagslandschaft vorgeht und wie erfolgreich die rechtliche Durchsetzung sein wird.