Belvedere präsentiert erstmals Waldmüllers Landschaften im europäischen Kontext
Das Untere Belvedere widmet Ferdinand Georg Waldmüller eine große Schau seiner Naturdarstellungen - erstmals im Vergleich mit europäischen Zeitgenossen.
Das Belvedere in Wien rückt einen oft übersehenen Aspekt von Ferdinand Georg Waldmüllers Schaffen in den Fokus: seine meisterhafte Naturdarstellung. Von 27. Februar bis 14. Juni 2026 zeigt das Untere Belvedere die Ausstellung "Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt" und präsentiert erstmals Waldmüllers Landschaftsmalerei im Kontext seiner europäischen Zeitgenossen.
"Kann man zu Waldmüller noch neue Aspekte in den Fokus rücken? Man kann!", betont Generaldirektorin Stella Rollig. Der österreichische Maler (1793-1865) ist zwar für seine lebensnahen Porträts und Genreszenen berühmt, doch seine Bedeutung als Landschaftsmaler wurde bisher weniger gewürdigt. Die Ausstellung schließt diese Lücke und zeigt Waldmüller als wichtigen Vertreter der europäischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts.
Waldmüller war einer der wenigen Künstler seiner Zeit, der sich gleichermaßen erfolgreich der Porträt-, Genre- und Landschaftsmalerei widmete. Seine realistischen Naturdarstellungen spiegeln ein europaweit wachsendes gesellschaftliches Interesse an der Natur wider, das durch politische Umbrüche, gesellschaftlichen Wandel und die voranschreitende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts bedingt war.
Der Schlachtruf "Wirklichkeitstreue" verband in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts progressive Künstler über Landesgrenzen hinweg. Dabei spielte die Konzentration auf die heimische Landschaft eine zentrale Rolle. Die Menschen entwickelten ein gesteigertes Interesse daran, mehr Zeit in der Natur zu verbringen, über sie zu lernen und sie sich in Form von Bildern in ihre Wohnungen zu holen.
Ferdinand Georg Waldmüller, der zentrale österreichische Maler der Biedermeierzeit, machte es sich zur Aufgabe, die "uns umgebende Natur, unsere Zeit, unsere Sitte" zu malen. Mit seinen naturgetreuen Darstellungen polarisierte er die zeitgenössische Kritik, etablierte aber einen neuen Standard für realistische Malerei in Österreich.
Zunächst diente die reale Landschaft in Waldmüllers Werken lediglich als Hintergrund für seine Porträts und Genreszenen. In den 1830er-Jahren jedoch rückte er die Natur auch in den Vordergrund seiner Kompositionen. Es entstanden zahlreiche Ansichten, die durch ihre Wirklichkeitsnähe bestachen und neue Maßstäbe setzten.
Von diesem Zeitpunkt an spielte die Landschaft eine entscheidende Rolle in Waldmüllers Schaffen und begleitete ihn bis an sein Lebensende. Seine intimen Baumstudien, weiten Wienerwaldlandschaften und stilprägenden Ansichten des Salzkammerguts vermittelten die Sehnsucht des Menschen nach der Natur auf eindrucksvolle Weise.
Die Ausstellung ermöglicht es, Waldmüllers Beschäftigung mit der Landschaft an verschiedenen Orten nachzuspüren: im Wiener Prater, in der Umgebung von Salzburg, in Italien und im Wienerwald. Kuratorin Arnika Groenewald-Schmidt erklärt: "Die Einbettung seiner Landschaftsmalerei in den Kontext des Schaffens europäischer Zeitgenossen eröffnet neue Perspektiven auf sein Werk und verortet dieses als eine eigenständige Ausprägung realistischer Tendenzen in Europa."
Ausgewählte Werke europäischer Größen wie John Constable, Johan Christian Dahl und Jean-Baptiste Camille Corot liefern wichtige Impulse, um Waldmüller im Kontext seiner Zeit zu verstehen. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie sich von derselben ideologischen Basis ausgehend in verschiedenen Ländern unterschiedliche Spielarten realistischer Kunst entwickelten.
Stil und Herangehensweise an die Darstellung der Natur konnten aufgrund unterschiedlicher Ausbildungsmethoden, kultureller Hintergründe und topografischer Eigenheiten des jeweils eigenen Landes stark variieren. Während sich manche Entwicklungen in Abhängigkeit voneinander vollzogen, entstanden andere parallel und unabhängig.
Die Landschaftsmalerei gelangte im 19. Jahrhundert europaweit zur Blüte, und Waldmüller war ein wichtiger Teil dieser Entwicklung. Seine Werke zeigen eine spezifisch österreichische Sichtweise auf die Natur, die gleichzeitig universelle Themen der Romantik und des Realismus aufgreift.
Die Bedeutung von Waldmüllers Landschaftsmalerei wird auch international gewürdigt. Im Sommer 2026 präsentiert die National Gallery in London die erste Ausstellung von Gemälden des österreichischen Künstlers in Großbritannien. "Waldmüller: Landscapes" (2. Juli bis 20. September 2026) ist zudem die erste Ausstellung, die Waldmüller ausschließlich als Landschaftsmaler gewidmet ist.
Diese Zusammenarbeit zwischen der National Gallery und dem Belvedere, das den Großteil der ausgestellten Werke zur Verfügung stellt, unterstreicht die internationale Bedeutung von Waldmüllers Werk und seine Relevanz für die europäische Kunstgeschichte.
Waldmüller ist angesichts seiner Beliebtheit und des umfangreichen Bestands ein zentraler Künstler in der Sammlung des Belvedere. Die neue Ausstellung ermöglicht es, selbst eingefleischten Fans und Fachleuten neue Perspektiven auf sein Werk zu eröffnen. Durch die Konzentration auf die Naturdarstellung und den europäischen Vergleich wird Waldmüllers Position in der Kunstgeschichte neu bewertet und erweitert.
Die Schau zeigt, dass Waldmüller nicht nur ein bedeutender Vertreter der österreichischen Biedermeiermalerei war, sondern auch als innovativer Landschaftsmaler europäischen Formats gewürdigt werden muss. Seine Werke dokumentieren nicht nur die österreichische Landschaft des 19. Jahrhunderts, sondern auch eine spezifische künstlerische Haltung zur Natur, die weit über nationale Grenzen hinaus Bedeutung erlangte.
Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, der die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Schau dokumentiert und vertieft. Die Publikation wird wichtige Beiträge zur Neubewertung von Waldmüllers Landschaftsmalerei leisten und als Referenzwerk für zukünftige Forschungen dienen.
Die Ausstellung "Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt" verspricht somit nicht nur für Kunstliebhaber, sondern auch für Fachleute neue Einsichten in das Werk eines der bedeutendsten österreichischen Maler des 19. Jahrhunderts zu bieten. Sie zeigt Waldmüller als Künstler, der die Sehnsucht seiner Zeit nach der Natur in außergewöhnlicher Weise zu visualisieren wusste."