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Wien führt Europas Kampf gegen Atomkraft an - Fukushima-Mahnung nach 15 Jahren

8. März 2026 um 08:48
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Fünfzehn Jahre nach der verheerenden Nuklearkatastrophe von Fukushima schlägt Wien Alarm: Während Japan zur Atomkraft zurückkehrt und andere Länder neue Reaktoren planen, warnt Klimastadtrat Jürgen...

Fünfzehn Jahre nach der verheerenden Nuklearkatastrophe von Fukushima schlägt Wien Alarm: Während Japan zur Atomkraft zurückkehrt und andere Länder neue Reaktoren planen, warnt Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky vor einem "energiepolitischen Irrweg". Am 11. März 2026 lädt die österreichische Hauptstadt zu einem internationalen Webinar, das die ungelernten Lektionen der Atomkatastrophe beleuchten soll.

Die Fukushima-Katastrophe: Ein Wendepunkt der Atomgeschichte

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 die japanische Küste und löste einen verheerenden Tsunami aus. Die Naturkatastrophe führte zur schwersten Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl: Im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kam es zur Kernschmelze in drei Reaktorblöcken. Radioaktive Substanzen gelangten in die Umwelt, über 150.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Die Aufräumarbeiten in Fukushima sind bis heute nicht abgeschlossen. Allein die Dekontaminierung kostete bisher über 200 Milliarden Euro. Rund eine Million Tonnen kontaminiertes Kühlwasser werden schrittweise ins Meer geleitet – eine Maßnahme, die international umstritten bleibt. Die Bergung des geschmolzenen Brennstoffs wird noch Jahrzehnte dauern und weitere hunderte Milliarden verschlingen.

Cities for a Nuclear Free Europe: Wiens Führungsrolle im Anti-Atom-Kampf

Als direkte Reaktion auf die Fukushima-Katastrophe entstand 2011 das Städtenetzwerk Cities for a Nuclear Free Europe (CNFE). Was als Initiative einiger weniger europäischer Städte begann, entwickelte sich zu einer mächtigen Allianz: Heute gehören 32 Großstädte mit insgesamt 14 Millionen Einwohnern dem Netzwerk an.

Wien übernahm den Vorsitz dieser Organisation und positioniert sich damit als führende Anti-Atom-Kraft in Europa. Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky nutzt diese Plattform, um auf höchster politischer Ebene gegen die Renaissance der Kernenergie zu argumentieren. "Das Netzwerk gibt uns die Möglichkeit, mit vereinter Stimme zu sprechen und energiepolitische Entscheidungen zu beeinflussen", erklärt Czernohorszky.

Zu den prominentesten CNFE-Mitgliedern zählen neben Wien auch Barcelona, Stockholm, Antwerpen und Genf. Gemeinsam repräsentieren sie eine beträchtliche Wirtschaftskraft und politischen Einfluss, der weit über die kommunale Ebene hinausreicht.

Österreichs Sonderstellung in der Atompolitik

Österreich nimmt in der europäischen Atomdebatte eine besondere Position ein. Als einziges EU-Land hat die Alpenrepublik bereits 1978 per Volksabstimmung entschieden, niemals Atomstrom zu produzieren. Das fertig gebaute Kernkraftwerk Zwentendorf ging daher nie in Betrieb und wurde zum Symbol des österreichischen Anti-Atom-Konsenses.

Diese Position führt regelmäßig zu Spannungen mit Nachbarländern. Tschechien plant den Ausbau des Atomkraftwerks Dukovany, Ungarn erweitert Paks, und die Slowakei setzt auf neue Reaktoren in Mochovce. Wien kritisiert diese Projekte scharf und klagt teilweise vor europäischen Gerichten gegen Subventionen für Atomkraftwerke.

Japans umstrittene Rückkehr zur Kernenergie

Besonders kritisch bewertet Czernohorszky die jüngsten Entwicklungen in Japan. Nach Fukushima hatte das Land alle 54 Reaktoren abgeschaltet und auf erneuerbare Energien gesetzt. Doch seit 2015 kehrt Japan schrittweise zur Atomkraft zurück – mittlerweile sind wieder zehn Reaktoren am Netz, weitere sollen folgen.

"Die japanische Regierung blendet die Realität aus", kritisiert der Wiener Klimastadtrat. "Fukushima hat bewiesen, dass auch in einem hochtechnisierten Land wie Japan Unfälle passieren können, deren Folgen nicht beherrschbar sind." Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der japanischen Bevölkerung weiterhin skeptisch gegenüber der Atomkraft eingestellt ist.

Die Gründe für Japans Atomkurs sind vielfältig: Energiesicherheit, Klimaziele und wirtschaftliche Interessen der Stromkonzerne spielen eine Rolle. Kritiker argumentieren jedoch, dass Japan seine Führungsposition bei erneuerbaren Energien aufgibt und auf eine Technologie setzt, die international an Bedeutung verliert.

Globaler Trend: Atomkraft zwischen Comeback und Ausstieg

International ist die Atomenergie umkämpft wie nie zuvor. Während Deutschland 2023 seine letzten drei Reaktoren abschaltete und Belgien den Ausstieg bis 2035 plant, setzen andere Länder auf einen Ausbau der Kernenergie. Frankreich will neue EPR-Reaktoren bauen, Großbritannien plant mehrere Projekte, und in Osteuropa entstehen neue Anlagen.

Diese Entwicklung spaltet auch die EU: Die Europäische Kommission stufte Atomenergie 2022 als "grüne" Technologie ein und ermöglicht damit Förderungen über den Green Deal. Österreich und andere Länder klagten dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof – bisher ohne Erfolg.

Das Endlagerproblem: Ungelöst nach 70 Jahren Atomkraft

Ein zentraler Kritikpunkt der Atomkraftgegner bleibt das ungelöste Endlagerproblem. Weltweit existiert noch kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle. Selbst in Ländern mit jahrzehntelanger Atomtradition wie Deutschland oder den USA scheiterten Endlagerprojekte an technischen Problemen, Bürgerwiderstand oder politischen Schwierigkeiten.

Finnland gilt als Vorreiter: Das Endlager Onkalo soll 2025 in Betrieb gehen und radioaktive Abfälle für 100.000 Jahre sicher verwahren. Kritiker bezweifeln jedoch, ob eine solche Langzeitsicherheit garantiert werden kann. "Wir können nicht kommenden Generationen ein Problem hinterlassen, für das wir selbst keine Lösung haben", argumentiert Umweltanwältin Iris Tichelmann.

In Österreich lagern trotz des Atomverbots rund 7.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die aus Medizin, Forschung und Industrie stammen. Auch hier ist die Endlagerung noch nicht endgültig gelöst – ein Hinweis darauf, wie komplex die Problematik selbst bei geringen Mengen ist.

Wirtschaftliche Realitäten: Atomkraft wird immer teurer

Die Kosten neuer Atomkraftwerke explodieren seit Jahren. Das britische Projekt Hinkley Point C kostete ursprünglich 18 Milliarden Pfund, mittlerweile werden über 30 Milliarden veranschlagt. Der französische EPR in Flamanville sollte 3,3 Milliarden Euro kosten und wird voraussichtlich 19 Milliarden verschlingen.

Diese Kostensteigerungen machen Atomstrom zunehmend unwirtschaftlich. Während die Preise für Solarstrom in den letzten zehn Jahren um 90 Prozent fielen und Windenergie ebenfalls drastisch billiger wurde, bleiben die Kosten für Atomstrom hoch oder steigen sogar. "Atomkraft ist nicht nur gefährlich, sondern auch ökonomisch ein Auslaufmodell", betont Czernohorszky.

Trotzdem investieren Länder wie China, Russland und Indien massiv in neue Reaktoren. Hier spielen oft geopolitische Überlegungen eine größere Rolle als reine Wirtschaftlichkeit. Russland nutzt Atomexporte als außenpolitisches Instrument, China sieht Kernenergie als Teil seiner Energiesicherheitsstrategie.

Österreichs Energiewende als Alternativmodell

Wien positioniert sich als Gegenmodell zur atomaren Renaissance. Österreich deckt bereits über 75 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen – hauptsächlich Wasserkraft, aber zunehmend auch Wind und Solar. Bis 2030 soll der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen.

"Wir beweisen, dass Energieversorgung ohne Atomkraft funktioniert", erklärt Czernohorszky. "Investitionen in Effizienz, Speichertechnologien und erneuerbare Energien sind der richtige Weg – nicht der Griff zu Hochrisikotechnologien des vergangenen Jahrhunderts."

Das Webinar am 11. März: Wissenschaft trifft Politik

Das für den 11. März 2026 geplante Webinar der Wiener Umweltanwaltschaft und des CNFE-Netzwerks soll die aktuellen Entwicklungen in der Atomdebatte beleuchten. Neben politischen Statements werden auch neue wissenschaftliche Studien vorgestellt, die von Wien in Auftrag gegeben wurden.

"Wissenschaftliche Evidenz muss die Grundlage energiepolitischer Entscheidungen sein", betont Umweltanwältin Iris Tichelmann. Die Studien untersuchen unter anderem die Langzeitfolgen von Atomkatastrophen, die Wirtschaftlichkeit verschiedener Energieformen und Risikobewertungen für europäische Reaktoren.

Ergänzend wird ein neues Video präsentiert, das in Kooperation mit der Umweltorganisation Global 2000 entstanden ist. Es soll die Konsequenzen eines Nuklearunfalls veranschaulichen und für ein breiteres Publikum verständlich machen, warum Atomkraft aus Sicht der Kritiker keine Option für die Zukunft darstellt.

Internationale Experten im Dialog

Das Webinar bringt internationale Experten aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen. Geplant sind Vorträge zu den Themen Reaktorsicherheit, Endlagerung, Kosten der Atomenergie und Alternativen durch erneuerbare Energien. Auch Vertreter aus Japan sollen über die aktuellen Entwicklungen nach Fukushima berichten.

Die Veranstaltung ist öffentlich zugänglich und wird über Zoom übertragen. Interessierte können sich über die Website der Wiener Umweltanwaltschaft anmelden und Fragen einreichen, die während der Diskussionsrunden behandelt werden.

Ausblick: Wiens Strategie für eine atomfreie Zukunft

Wien plant, seine Führungsrolle im Anti-Atom-Kampf weiter auszubauen. Das CNFE-Netzwerk soll auf 50 Städte erweitert werden, um noch mehr politisches Gewicht zu entwickeln. Parallel dazu arbeitet die Stadt an konkreten Projekten zur Energiewende: Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, Fernwärmenetze und innovative Speicherlösungen.

"Wir wollen nicht nur kritisieren, sondern auch Lösungen vorleben", erklärt Czernohorszky. "Wien soll zeigen, dass eine moderne, sichere und saubere Energieversorgung ohne Atomkraft möglich ist." Bis 2040 will die Stadt klimaneutral werden – ein ambitioniertes Ziel, das international Beachtung findet.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich Wiens Vision einer atomfreien Energiezukunft durchsetzt oder ob die Renaissance der Kernenergie an Fahrt gewinnt. Das Webinar am 15. Jahrestag von Fukushima wird jedenfalls ein wichtiges Signal senden: Die Mahnung an die Risiken der Atomkraft ist auch nach anderthalb Jahrzehnten hochaktuell.

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