Ein dreiminütiger Werbefilm über Vampir-Köche sorgt international für Aufsehen: Der von Wien Tourismus produzierte Kurzfilm "Vienna Bites!" hat seit seiner Veröffentlichung Anfang Februar bereits ü...
Ein dreiminütiger Werbefilm über Vampir-Köche sorgt international für Aufsehen: Der von Wien Tourismus produzierte Kurzfilm "Vienna Bites!" hat seit seiner Veröffentlichung Anfang Februar bereits über 40 Millionen Aufrufe auf YouTube verzeichnet. Die ungewöhnliche Marketingkampagne verbindet den historischen Vampir-Mythos Wiens mit der lokalen Gastronomie und zeigt, wie kreativ österreichische Tourismusvermarkter um internationale Gäste werben.
Die Timing-Strategie des Wien Tourismus erweist sich als besonders geschickt: Parallel zum Oscar-nominierten Vampir-Horrorfilm "Blood & Sinners" mit rekordverdächtigen 16 Nominierungen und der Berlinale-Premiere des in Wien gedrehten Films "Die Blutgräfin" surft die österreichische Hauptstadt auf der aktuellen Vampir-Welle mit. Doch statt auf Grusel setzt Wien auf Genuss – eine Strategie, die sich bereits in den Klickzahlen niederschlägt.
Der Kurzfilm erzählt die fiktive Geschichte eines Vampir-Clans, der durch das nächtliche Wien wandelt. Das besondere an diesem Konzept: Die Blutsauger sind nicht auf der Jagd nach gewöhnlichen Opfern, sondern nach Menschen, deren Blut durch die vielfältige Wiener Küche besonders delikat geworden ist. Diese kreative Wendung verbindet Entertainment mit Destination Marketing auf eine Weise, die in der österreichischen Tourismusbranche bisher einzigartig ist.
Was viele nicht wissen: Wien spielte tatsächlich eine zentrale Rolle in der europäischen Vampir-Geschichte. Am 21. Juli 1725 erschien in der Wiener Zeitung erstmals der Begriff "Vampyri" – ein historischer Meilenstein in der Dokumentation des Vampir-Glaubens. Zu dieser Zeit grassierte in der Habsburger-Monarchie unter Maria Theresia ein regelrechtes "Vampir-Fieber", das die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte.
Gerard van Swieten, der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, wurde schließlich beauftragt, diesem Aberglauben wissenschaftlich entgegenzutreten. Seine rationalen Erklärungen für die vermeintlichen Vampir-Erscheinungen trugen dazu bei, das Vampir-Fieber des 18. Jahrhunderts zu beenden. Heute dreht Wien Tourismus diesen historischen Hintergrund humorvoll um und behauptet das Gegenteil: Vampir gebe es sehr wohl – und sie seien von der Wiener Küche besonders angetan.
Besonders bemerkenswert ist die Einbindung echter Wiener Spitzenköche in das Filmprojekt. Anton Pozeg als Culinary Director des legendären Hotels Sacher, Lukas Mraz vom renommierten Restaurant "Mraz & Sohn", Stefanie Herkner von "Zur Herknerin" und Parvin Razavi vom innovativen Restaurant "&flora" übernahmen Schauspielrollen und unterstützen angeblich die Vampir bei ihrer kulinarischen Mission.
Diese Kooperation zwischen etablierten Gastronomen und Tourismusmarketing zeigt einen neuen Trend im Destination Marketing: Statt auf anonyme Werbebotschaften setzen Tourismusorganisationen zunehmend auf authentische Gesichter aus der lokalen Gastronomie-Szene. Die Köche fungieren dabei als Markenbotschafter für die Wiener Küche und verleihen der Kampagne Glaubwürdigkeit in Fachkreisen.
Für die Umsetzung des ambitionierten Projekts holte Wien Tourismus internationale Expertise nach Österreich. Die US-amerikanische Regisseurin Bianca Poletti, eine vielfach ausgezeichnete Werbe- und Filmregisseurin aus Los Angeles, übernahm die Regie. Ihre Erfahrung mit internationalen Kampagnen war entscheidend für die globale Ausrichtung des Projekts.
Der Soundtrack entstand in Zusammenarbeit mit Morgan Kibby, die bereits für Weltstars wie Harry Styles und Lady Gaga gearbeitet hat. Diese hochkarätige musikalische Untermalung trägt wesentlich zur professionellen Anmutung bei und unterscheidet den Werbefilm deutlich von herkömmlichen Tourismuswerbungen. Die lokale Wiener Filmproduktion Muellers Bureau übernahm die Produktion und sorgte für die technische Umsetzung vor Ort.
Die aufwändige Kampagne spiegelt die wachsende Bedeutung der Gastronomie für den Wiener Tourismus wider. Norbert Kettner, Geschäftsführer des Wien Tourismus, betont: "Rund ein Drittel aller Gastronomiebeschäftigten und der gesamten gastronomischen Wertschöpfung Österreichs entfällt auf unsere Stadt." Diese Zahlen verdeutlichen die enormous wirtschaftliche Dimension der Wiener Gastronomie-Szene.
Aktuelle Studien des Österreichischen Tourismusverbands zeigen, dass kulinarische Erlebnisse für 67 Prozent der internationalen Wien-Besucher ein wichtiges oder sehr wichtiges Reisemotiv darstellen. Damit steht die Gastronomie gleichberechtigt neben den klassischen Wiener Attraktionen wie Kunst und Kultur. Diese Entwicklung spiegelt einen globalen Trend wider: Food-Tourism wächst weltweit um durchschnittlich 15 Prozent jährlich.
Wien kann in Sachen Kulinarik mit einem weltweit einzigartigen Alleinstellungsmerkmal aufwarten: Die österreichische Hauptstadt ist die einzige Stadt der Welt, die Namensgeberin eines eigenständigen Speisenstils ist. Die "Wiener Küche" vereint Einflüsse aus der gesamten ehemaligen Donaumonarchie und schafft damit eine kulinarische Vielfalt, die in dieser Form nirgendwo anders zu finden ist.
Besonders stolz ist Wien auf drei UNESCO-Weltkulturerbe-Traditionen im gastronomischen Bereich: die Wiener Heurigenkultur, die legendäre Kaffeehauskultur und die traditionellen Wiener Würstelstände. Diese Auszeichnungen durch die UNESCO unterstreichen die kulturhistorische Bedeutung der Wiener Gastronomie weit über kulinarische Aspekte hinaus. Sie repräsentieren jahrhundertealte Gesellschaftstraditionen und soziale Rituale, die das Wiener Lebensgefühl prägen.
Strategisch geschickt wurden für den Vampir-Film ausschließlich Top-Touristenattraktionen als Drehorte gewählt. Das Kunsthistorische Museum und das Naturhistorische Museum, beide Wahrzeichen der Wiener Ringstraße, bilden die atmosphärischen Hauptschauplätze. Diese weltberühmten Institutionen ziehen jährlich mehrere Millionen Besucher an und fungieren nun als Kulisse für die ungewöhnliche Vampir-Geschichte.
Weitere Drehorte umfassen die "Rote Bar" und "Grüne Bar" im legendären Hotel Sacher, wo schon Kaiser und Politiker verkehrten, sowie das traditionsreiche Café Schwarzenberg am Schwarzenbergplatz. Der Würstelstand "Alles Wurscht" repräsentiert die bodenständige Seite der Wiener Kulinarik, während der Volksgarten Pavillon und die Fleischerei Kröppel das breite Spektrum der lokalen Gastronomie-Szene abbilden.
Die internationale Vermarktung des Vampir-Films erfolgt gezielt in acht Schlüsselmärkten: USA, Kanada, Großbritannien, Südkorea, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Diese Auswahl spiegelt die wichtigsten Herkunftsländer internationaler Wien-Touristen wider und zeigt die strategische Herangehensweise des Wien Tourismus bei der Marktbearbeitung.
Begleitend zum Film wurde eine umfassende digitale Infrastruktur aufgebaut. Die Website vampire.wien.info bietet vertiefende Informationen zum historischen Vampir-Mythos in Wien, zu den Drehorten und zur Wiener Küche. Parallel dazu wurde das bestehende kulinarische Online-Angebot unter viennabites.wien.info in fünf Sprachen ausgebaut.
Die Kampagne ist Teil einer umfassenden digitalen Strategie des Wien Tourismus. Die Destinations-App "ivie" wurde um einen speziellen Wirtshaus & Beisl-Guide erweitert, der die Klassiker der Wiener Küche präsentiert. Rund 500 Gastro-Locations sind mittlerweile in der App verzeichnet und bieten Touristen einen umfassenden Überblick über Wiens kulinarische Szene.
Die Vienna City Card wurde ebenfalls in die kulinarische Offensive integriert und bietet Rabatte in ausgewählten Restaurants, Cafés und Nachtclubs. Diese Verknüpfung von Marketing-Kampagne und konkreten Serviceleistungen zeigt, wie modernes Destination Marketing funktioniert: Entertainment wird mit praktischem Nutzen für die Zielgruppe verbunden.
Im Vergleich zu anderen europäischen Städten nimmt Wien mit dieser Kampagne eine Vorreiterrolle ein. Während Paris traditionell auf seine Haute Cuisine setzt und Rom auf die italienische Küche verweist, geht Wien einen völlig neuen Weg: Die Verbindung von historischen Mythen mit kulinarischen Traditionen in einem modernen, viral-tauglichen Format.
Deutsche Städte wie München oder Berlin setzen ebenfalls verstärkt auf Food-Tourism, jedoch meist mit konventionellen Ansätzen. Das Münchner Oktoberfest oder die Berliner Döner-Kultur werden traditionell vermarktet, ohne die kreativen Elemente der Wiener Vampir-Kampagne. In der Schweiz beschränken sich Zürich und Genf größtenteils auf die Bewerbung ihrer Sterne-Gastronomie, ohne populärkulturelle Trends zu integrieren.
Die internationale Aufmerksamkeit durch die Vampir-Kampagne hat bereits konkrete Auswirkungen auf die Wiener Gastronomie-Branche. Erste Restaurants berichten von verstärkten internationalen Reservierungsanfragen, insbesondere von Gästen aus den USA und Großbritannien. Die im Film mitwirkenden Köche verzeichnen einen deutlichen Anstieg ihrer Social-Media-Follower und Medienanfragen.
Besonders profitieren die traditionellen Wiener Institutionen wie das Hotel Sacher oder das Café Schwarzenberg, die als Drehorte fungierten. Diese Locations erleben eine Art "Sehenswürdigkeit-Effekt": Touristen kommen nicht nur wegen des Essens, sondern auch, um die Schauplätze des viral gegangenen Films zu besuchen. Dieser Effekt wird in der Tourismusbranche als "Film-induzierter Tourismus" bezeichnet und kann nachhaltige positive Auswirkungen auf die Besucherzahlen haben.
Die Vampir-Kampagne ist Teil einer langfristigen Strategie zur Positionierung Wiens als führende europäische Genussmetropole. Das gesamte Jahr 2024 steht unter dem Motto "Vienna Bites. Küche, Kultur, Charakter" und umfasst zahlreiche weitere Aktivitäten zur Bewerbung der lokalen Gastronomie.
Diese strategische Neuausrichtung erfolgt vor dem Hintergrund sich verändernder Reisemotive: Während früher primär kulturelle Sehenswürdigkeiten im Vordergrund standen, gewinnen authentische kulinarische Erlebnisse zunehmend an Bedeutung. Wien reagiert auf diesen Trend proaktiv und positioniert sich als Destination, die sowohl kulturelle als auch kulinarische Höhepunkte bietet.
Der Erfolg der Wiener Vampir-Kampagne könnte wegweisend für die gesamte österreichische Tourismusbranche werden. Andere Bundesländer beobachten die Entwicklung genau und erwägen ähnliche kreative Ansätze. Salzburg denkt bereits über eine Mozart-Food-Kampagne nach, während Tirol traditionelle Alpenküche mit modernen Storytelling-Elementen verbinden möchte.
Die 40 Millionen Views zeigen, dass österreichische Destinationen durchaus das Potenzial haben, international viral zu gehen – vorausgesetzt, sie verbinden lokale Traditionen geschickt mit globalen Trends. Expert*innen erwarten, dass sich Food-Tourism in den kommenden Jahren zum wichtigsten Wachstumssegment im österreichischen Tourismus entwickeln wird.
Die Wiener Vampir-Köche haben bewiesen: Mit Kreativität, historischem Bewusstsein und internationalem Produktionsniveau können auch kleinere Destinationen im globalen Marketing-Wettbewerb bestehen. Wien ist damit nicht nur kulinarisch, sondern auch kommunikativ zum Vorbild für innovative Tourismusvermarktung geworden.