Greenpeace, Ökonomin Stagl und Erneuerbare-Branche verlangen Beschleunigung beim Ausbau
Steigende Öl- und Gaspreise durch Nahost-Krieg alarmieren Österreich. Experten fordern raschen Ausbau erneuerbarer Energien für mehr Unabhängigkeit.
Die Eskalation im Nahen Osten lässt nicht nur die Sorge um Menschenleben steigen, sondern auch die Energiepreise. Für Österreich bedeutet dies erneut eine Belastungsprobe für Haushalte und Wirtschaft. Ein Bündnis aus Umweltschutzorganisation Greenpeace, der renommierten Ökonomin Sigrid Stagl und dem Dachverband Erneuerbare Energien Österreich (EEÖ) schlägt nun Alarm und fordert einen "Erneuerbaren-Turbo" als Antwort auf die volatile Lage.
"Jeder neue Krieg zeigt, wie brandgefährlich unsere Abhängigkeit von Öl und Gas ist", warnt Jasmin Duregger, Klima- und Energieexpertin bei Greenpeace Österreich. Die derzeitige Situation verdeutliche ein fundamentales Problem: Solange Österreich fossile Energie importiere, finanziere es "autoritäre Systeme und deren Kriegswirtschaft mit und setze sich gleichzeitig extremen Preisschwankungen aus".
Diese Einschätzung wird durch die jüngsten Marktentwicklungen untermauert. Die globalen Öl- und Gaspreise reagieren traditionell sensibel auf geopolitische Spannungen im Nahen Osten, einer der wichtigsten Energieregionen der Welt. Für österreichische Verbraucher bedeutet dies konkret: höhere Heizkosten, teurere Mobilität und in der Folge steigende Lebenshaltungskosten.
Das Expertendreigestirn macht deutlich, dass es nicht bei Appellen bleiben darf. Greenpeace fordert eine Aufstockung der Fördertöpfe für Sanierungen und den Heizungskesseltausch. Zudem brauche es "einen klaren Fahrplan zur Umrüstung von fossilen auf erneuerbaren Heizsysteme". Nur so könne Österreich "möglichst schnell unabhängig und resilient werden".
Martina Prechtl-Grundnig, Geschäftsführerin des EEÖ, konkretisiert die Forderungen: "Österreich hat ausreichend Potenzial bei Sonne, Wind, Wasser, Biogene und Erdwärme, um sich unabhängig zu machen – sowohl bei Strom als auch bei der Wärmeversorgung." Was fehle, seien jedoch "verbindliche Ausbaupfade, ausreichend ausgewiesene Beschleunigungsgebiete und klare Konsequenzen bei Zielverfehlung".
Universitätsprofessorin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien betont die ökonomischen Aspekte der fossilen Abhängigkeit. "Die wiederkehrenden Energiepreisschocks belasten Haushalte, Unternehmen und den Staatshaushalt massiv", erklärt die Expertin für Umweltökonomie.
Stagl argumentiert mit handfesten wirtschaftlichen Vorteilen: "Investitionen in erneuerbare Energien stärken die heimische Wertschöpfung, schaffen Arbeitsplätze und erhöhen die Resilienz unserer Wirtschaft." Es sei "ökonomisch kurzsichtig, weiter auf fossile Importe zu setzen".
Die Experten sehen in beschleunigten Genehmigungsverfahren einen zentralen Hebel für die Energiewende. Bund und Länder müssten "umgehend die fehlenden gesetzlichen Grundlagen" schaffen. Dazu gehören:
"Bundesregierung und Länder müssen jetzt die Bremsen lösen", fordert Prechtl-Grundnig vom EEÖ. Ein "wirksames Beschleunigungspaket" sei überfällig.
Die Dringlichkeit der Forderungen wird durch Österreichs aktuelle Energiestruktur unterstrichen. Das Land importiert nach wie vor erhebliche Mengen fossiler Energieträger, was die Abhängigkeit von internationalen Märkten und deren Volatilität verstärkt. Gleichzeitig verfügt Österreich über beträchtliche Potenziale bei erneuerbaren Energien, die bislang nicht vollständig ausgeschöpft werden.
Die geografischen und klimatischen Bedingungen bieten günstige Voraussetzungen für Wasserkraft, Windenergie, Photovoltaik und Biomasse. Dennoch hinkt der Ausbau den politischen Zielsetzungen hinterher, was die Experten auf regulatorische Hindernisse und langwierige Genehmigungsverfahren zurückführen.
Andere europäische Länder zeigen, wie beschleunigter Erneuerbaren-Ausbau funktionieren kann. Dänemark etwa hat durch konsequente Windkraft-Politik bereits einen sehr hohen Grad an Energieunabhängigkeit erreicht. Deutschland hat trotz wirtschaftlicher Herausforderungen massive Investitionen in Solar- und Windenergie getätigt.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass die von den österreichischen Experten geforderten Maßnahmen durchaus realistisch sind – vorausgesetzt, der politische Wille ist vorhanden.
Stagl betont dabei einen wichtigen Aspekt: Der Umstieg auf erneuerbare Energien müsse "sozial gerecht" erfolgen. Dies bedeutet, dass einkommensschwächere Haushalte nicht überproportional von den Transformationskosten belastet werden dürfen. Gleichzeitig müssen sie aber auch von den langfristigen Vorteilen stabiler, günstiger Energiepreise profitieren können.
"Die Menschen in Österreich dürfen nicht länger den Preis für das Politikversagen im Energiebereich zahlen", mahnt das Experten-Bündnis eindringlich.
Die aktuelle Krise im Nahen Osten sei laut den Experten "ein weiterer Weckruf". Die Abhängigkeit von fossilen Importen mache Österreich nicht nur wirtschaftlich verletzlich, sondern auch außenpolitisch erpressbar. Zudem fließe mit jedem Import fossiler Energieträger Geld ab, das in der heimischen Wirtschaft fehle.
Das Bündnis aus Greenpeace, Stagl und EEÖ fordert daher einen "nationalen Schulterschluss von Bundesregierung und Bundesländern". Nur durch gemeinsame Anstrengungen könne die fossile Abhängigkeit "rasch beendet" und Österreichs Energieversorgung "auf eine sichere, leistbare und erneuerbare Basis gestellt" werden.
Die durch den Nahost-Konflikt ausgelösten Preisturbulenzen könnten sich als Wendepunkt erweisen – vorausgesetzt, die Politik zieht die richtigen Schlüsse. Die Expertise und die konkreten Vorschläge liegen auf dem Tisch. Nun gilt es, diese umzusetzen und Österreich auf einen nachhaltigen, unabhängigen Energiekurs zu bringen.
Die Zeit des Zögerns, so die einhellige Meinung der Experten, sei vorbei. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob Österreich die Herausforderung annimmt und sich zu einem Vorreiter der Energiewende entwickelt – oder ob es weiterhin den Launen volatiler Energiemärkte und geopolitischer Spannungen unterworfen bleibt.