Greenpeace und Umwelttoxikologe fordern Sofortmaßnahmen bei steigenden Temperaturen
Mit dem warmen Frühlingswetter steigt die Asbestfaser-Belastung in der Luft. Experten kritisieren den Umgang mit der Gefahr in Ostösterreich.
Ostösterreich steht vor einem ernst zu nehmenden Umweltproblem: Mit den steigenden Temperaturen im Frühling nimmt auch die Gefahr durch Asbestfasern in der Luft zu. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnt gemeinsam mit renommierten Experten vor den gesundheitlichen Risiken und fordert umgehende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.
Die aktuellen Luftmessungen der offiziellen Taskforce zeigen bereits bei kaltem und nassem Winterwetter bedenkliche Werte: Beim Krankenhaus Oberwart wurden durchschnittlich 830 Asbestfasern pro Kubikmeter in der Außenluft gemessen. Diese Zahlen sind umso beunruhigender, als dass sie unter meteorologischen Bedingungen entstanden, die normalerweise eine geringere Staubentwicklung begünstigen.
Dr. Norbert Weis, Leiter des Bremer Umweltinstituts und einer der führenden Umwelttoxikologen Deutschlands, ordnet diese Messungen ein: "Die Luftmessungen unter diesen winterlichen Bedingungen sind nicht allgemein aussagekräftig für das gesamte Jahr. Bei trockenem, warmem Wetter ist mit deutlich höheren Werten zu rechnen."
Dr. Norbert Weis bringt jahrzehntelange Erfahrung im Bereich der Schadstoffuntersuchungen mit. Sein Bremer Umweltinstitut ist ein unabhängiges und akkreditiertes Analyse- und Forschungsinstitut mit eigenem Asbestlabor. Seine Einschätzung der Situation in Ostösterreich ist eindeutig alarmierend: "In meiner gesamten jahrzehntelangen Karriere ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Hier liegen offen nahezu reine Asbestbrocken an hoch frequentierten Standorten."
Die Gefahr beschränkt sich dabei nicht nur auf die unmittelbare Umgebung der Asbestfunde. "Diese Steine bergen ganz offensichtlich ein enormes Risiko für alle, die damit arbeiten, spielen oder daneben wohnen", erklärt der Experte weiter. "Neben der Belastung der Außenluft können freigesetzte Asbestfasern durch Lüften auch in die Innenraumluft gelangen."
Besonders kritisch sieht Dr. Weis den von der Taskforce kommunizierten Richtwert von 1.000 Fasern pro Kubikmeter. "Dieser Wert ist viel zu hoch angesetzt", warnt der Experte. "Ich empfehle einen Richtwert von maximal 500 Asbestfasern pro Kubikmeter in der Außenluft. Das entspricht dem Sanierungszielwert von Asbestbaustellen in Innenräumen."
Diese deutliche Absenkung des Richtwerts würde bedeuten, dass bereits die aktuell gemessenen Winterwerte als bedenklich einzustufen wären. Die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Empfehlung und offizieller Bewertung wirft Fragen zur Risikoeinschätzung der zuständigen Behörden auf.
Die meteorologischen Aussichten für Ostösterreich verstärken die Besorgnis der Experten zusätzlich. Eine Trockenperiode mit Temperaturen von bis zu 15 Grad steht bevor – Bedingungen, die die Staubentwicklung und damit die Freisetzung von Asbestfasern erheblich begünstigen.
Stefan Stadler, wissenschaftlicher Experte bei Greenpeace Österreich, warnt: "In der wärmeren Jahreszeit ist mit signifikant höheren Asbestwerten in der Luft zu rechnen. Dadurch besteht nicht nur große Gefahr, dass Asbestfasern in der Außenluft eingeatmet werden, die krebserregenden Fasern können auch in die Innenräume verschleppt werden."
Die Verbreitung von Asbestfasern erfolgt über mehrere Wege: Bei trockenen und warmen Bedingungen werden die mikroskopisch kleinen Fasern leichter aufgewirbelt und können über weite Strecken transportiert werden. Besonders problematisch ist dabei, dass diese Fasern aufgrund ihrer geringen Größe und ihres geringen Gewichts lange in der Luft schweben können.
Zusätzlich zur direkten Inhalation im Freien besteht die Gefahr der Verschleppung in Innenräume. Dies kann sowohl über die natürliche Luftzirkulation als auch über Kleidung und Schuhe erfolgen, die mit kontaminiertem Staub in Berührung gekommen sind.
Bei einem erneuten Lokalaugenschein von Greenpeace zeigte sich, dass die Gefahr keineswegs gebannt ist. Weiterhin liegen faustgroße, poröse Asbestbrocken neben und auf dem Gehsteig vor der Kinderkrippe Oberwart – ein besonders sensibler Bereich, da Kinder als besonders vulnerable Gruppe gelten.
Auch am zugehörigen Parkplatz befinden sich reine Asbesteinschlüsse im Asphalt. Diese Situation ist umso bedenklicher, als dass hier täglich Fahrzeuge fahren und parken, wodurch zusätzliche mechanische Belastung auf das asbesthaltige Material ausgeübt wird.
Zwar wurde der asbestbelastete Schotter der Krankenhausbaustelle bei der Klinik Oberwart abgedeckt, doch diese Maßnahme erscheint unvollständig. Weiterhin liegt deutlich sichtbar asbestbelasteter Feinschotter im Straßenbankett – direkt dort, wo die Autos der Patienten und Besucher parken.
Diese Teilmaßnahmen erwecken den Eindruck einer unkoordinierten Herangehensweise, die das Problem eher verlagert als löst. Experten kritisieren, dass solche halbherzigen Sanierungsversuche die Gefahr sogar erhöhen können, da sie ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.
Angesichts der aktuellen Erkenntnisse fordert Greenpeace die burgenländische Landesregierung erneut auf, umgehend im Sinne des Minimierungsgebotes von Umweltgiften zu handeln. Die geforderten Sofortmaßnahmen umfassen die vollständige Entfernung von Asbestmaterial an allen betroffenen Standorten.
"In Deutschland müsste ein dermaßen asbestbelasteter Schotter längst abgetragen werden", erklärt Dr. Weis mit Verweis auf die unterschiedlichen Standards. "Es ist für mich unverständlich, wie von offizieller Seite in Österreich versucht wird, die Gefahr kleinzureden."
Zusätzlich zu den Sanierungsmaßnahmen kritisiert Greenpeace die mangelnde Transparenz der offiziellen Taskforce. Die Umweltschutzorganisation fordert die vollständige Veröffentlichung aller Messdaten, um eine unabhängige wissenschaftliche Bewertung der Situation zu ermöglichen.
Diese Forderung nach Transparenz ist vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Bewertungen zwischen offiziellen Stellen und unabhängigen Experten besonders relevant. Nur durch offene Datenlage kann eine sachliche und wissenschaftlich fundierte Diskussion über angemessene Schutzmaßnahmen geführt werden.
Asbest gilt als einer der gefährlichsten krebserregenden Stoffe überhaupt. Die mikroskopisch kleinen Fasern können bei Einatmung in der Lunge verbleiben und dort über Jahre und Jahrzehnte schwere Erkrankungen verursachen. Zu den bekannten Asbesterkrankungen gehören Asbestose, Lungenkrebs und Mesotheliom – eine besonders aggressive Form von Krebs, die das Rippenfell befällt.
Besonders tückisch ist dabei, dass zwischen der Exposition und dem Auftreten von Erkrankungen oft 20 bis 40 Jahre vergehen können. Diese lange Latenzzeit macht es schwierig, Ursache und Wirkung eindeutig zuzuordnen, führt aber auch dazu, dass heute getroffene Schutzmaßnahmen erst in der Zukunft ihre volle Wirkung entfalten.
Wissenschaftlich ist erwiesen, dass es für Asbest keine sichere Untergrenze gibt – bereits geringe Mengen können gesundheitliche Schäden verursachen. Dies unterstreicht die Bedeutung des Minimierungsgebotes, wie es Greenpeace fordert.
Besonders gefährdet sind Kinder, da ihr Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt ist und sie eine längere Lebenserwartung haben, in der sich asbestbedingte Erkrankungen entwickeln können.
Der Verweis von Dr. Weis auf die Situation in Deutschland macht deutlich, dass Österreich im internationalen Vergleich möglicherweise zu zurückhaltend agiert. In vielen europäischen Ländern würden die in Ostösterreich vorgefundenen Bedingungen zu sofortigen und umfassenden Sanierungsmaßnahmen führen.
Diese unterschiedlichen Standards werfen die Frage auf, ob der Schutz der österreichischen Bevölkerung vor Umweltgiften den internationalen Best-Practice-Standards entspricht oder ob hier Nachholbedarf besteht.
Die kommenden Wochen werden entscheidend sein für die Entwicklung der Asbestbelastung in Ostösterreich. Mit steigenden Temperaturen und möglichen trockenen Perioden ist eine Verschärfung der Situation zu erwarten, falls nicht umgehend gehandelt wird.
Die Forderungen der Experten sind klar: Vollständige Entfernung des asbestbelasteten Materials, Absenkung der Richtwerte auf international übliche Standards und vollständige Transparenz bei allen Messungen und Bewertungen.
Für die betroffene Bevölkerung bedeutet dies zunächst erhöhte Aufmerksamkeit für die Entwicklungen vor Ort und gegebenenfalls eigene Schutzmaßnahmen, bis offizielle Lösungen umgesetzt werden. Die Diskussion um die Asbestproblematik in Ostösterreich dürfte in den kommenden Monaten an Intensität gewinnen – nicht zuletzt aufgrund der zu erwartenden steigenden Messwerte bei wärmerem Wetter.