Entscheidende Phase für Verbot der Ewigkeitschemikalien beginnt
Die EU will erstmals PFAS-Chemikalien umfassend regulieren. Greenpeace befürchtet jedoch Ausnahmen für die Industrie im laufenden Konsultationsprozess.
Die Europäische Union macht einen wichtigen Schritt im Kampf gegen gefährliche Chemikalien: Mit der Veröffentlichung der Stellungnahmen der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) ist die EU-weite Konsultation zum geplanten Verbot von PFAS-Chemikalien gestartet. Diese sogenannten "Ewigkeitschemikalien" stehen seit Jahren in der Kritik, da sie sich nicht abbauen und sowohl in der Umwelt als auch im menschlichen Körper anreichern.
Erstmals will die Europäische Union die Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) umfassend beschränken. Das Besondere daran: Es sollen tausende PFAS-Stoffe gleichzeitig reguliert werden, die in verschiedensten Produkten zu finden sind - von Verpackungen und Kosmetika bis hin zu Textilien und Elektronikgeräten. Diese breite Herangehensweise ist ein Novum in der europäischen Chemikalienpolitik.
Die nächsten 60 Tage sind entscheidend: In diesem Zeitraum können Bürgerinnen und Bürger, Fachleute, Organisationen und Unternehmen ihre Stellungnahmen zu dem geplanten Verbot einreichen. Diese Konsultationsphase wird maßgeblich darüber entscheiden, wie streng die finalen Regelungen ausfallen werden.
"PFAS verschwinden nicht einfach, sie bleiben über Generationen in unserer Umwelt und in unseren Körpern", erklärt Madeleine Drescher, Konsumexpertin bei Greenpeace Österreich. "Dass die EU sie jetzt endlich umfassend regulieren will, ist längst überfällig." Die Umweltschutzorganisation begrüßt grundsätzlich die Initiative der EU, warnt jedoch vor möglichen Schwachstellen in der Umsetzung.
Drescher betont weiter: "Die aktuellen Einschätzungen der Wissenschaft zeigen: Eine breite Beschränkung ist möglich und nötig. Aber genau jetzt wird entschieden, ob daraus ein echtes Verbot wird oder ein Flickenteppich voller Ausnahmen."
Die Gutachten der beiden wissenschaftlichen Gremien der ECHA sind eindeutig: Ein umfassendes Verbot von PFAS ist notwendig. Diese Bewertung stützt sich auf umfangreiche Forschungen zu den Auswirkungen der Chemikalien auf Mensch und Umwelt. PFAS gelten als besonders problematisch, da sie extrem langlebig sind und sich in Organismen anreichern können.
Die Chemikalien werden seit Jahrzehnten in der Industrie eingesetzt, hauptsächlich wegen ihrer wasser- und fettabweisenden Eigenschaften. Sie finden sich in Beschichtungen von Pfannen, in wetterfester Kleidung, Feuerlöschschaum und vielen weiteren Produkten des täglichen Gebrauchs.
Während die Notwendigkeit eines PFAS-Verbots wissenschaftlich belegt ist, entbrennt nun eine intensive Debatte über die Details der Umsetzung. Im Zentrum stehen drei zentrale Fragen: Welche Ausnahmen soll es geben? Wie lange sollen die Übergangsfristen dauern? Und wann tritt das Verbot tatsächlich in Kraft?
Greenpeace argumentiert, dass in fast allen Anwendungsbereichen bereits sichere Alternativen zu PFAS existieren. Die Organisation warnt daher vor unnötigen Verzögerungen, die primär durch Industrieinteressen motiviert seien. "Der Teufel steckt im Detail", so die Einschätzung der Umweltschützer.
Tatsächlich haben verschiedene Studien gezeigt, dass für viele PFAS-Anwendungen bereits Ersatzstoffe entwickelt wurden. In der Textilindustrie beispielsweise gibt es alternative Imprägnierungen, die ohne die problematischen Chemikalien auskommen. Auch in der Lebensmittelverpackung und bei Küchengeräten sind PFAS-freie Lösungen verfügbar.
Neben den inhaltlichen Aspekten kritisiert Greenpeace auch die Gestaltung des Konsultationsprozesses selbst. Obwohl formal alle Bürgerinnen und Bürger teilnehmen dürfen, sei die praktische Hürde "extrem hoch", so die Einschätzung der Organisation.
"Diese Konsultation ist kein einfaches Mitmach-Format, sondern ein hochtechnischer Prozess", erklärt Drescher. "Das macht es für viele Menschen unmöglich, sich einzubringen – und verschiebt das Gewicht in Richtung Industrie und Verbände."
Der Konsultationsprozess läuft über komplizierte Online-Fragebögen, die tiefes technisches und wirtschaftliches Fachwissen voraussetzen. Dies bevorzuge gut organisierte Industriekonzerne und Lobbyverbände, die über die nötigen Ressourcen und Expertise verfügen, um detaillierte Stellungnahmen zu verfassen.
Die laufende Konsultation macht einen grundsätzlichen Konflikt in der Chemikalienpolitik deutlich: Während Umwelt- und Gesundheitsorganisationen ein möglichst umfassendes und schnelles Verbot fordern, argumentiert die Industrie häufig mit wirtschaftlichen Folgen und technischen Schwierigkeiten.
"Wenn es um unsere Gesundheit und Umwelt geht, dürfen nicht nur Stimmen aus der Industrie gehört werden", betont Drescher. Greenpeace fordert daher ein klares PFAS-Verbot ohne Schlupflöcher für die Industrie.
Industrieverbände argumentieren oft mit den Kosten eines PFAS-Verbots und möglichen Arbeitsplatzverlusten. Sie fordern längere Übergangsfristen und Ausnahmen für bestimmte Anwendungsbereiche, in denen sie keine gleichwertigen Alternativen sehen.
Das PFAS-Problem ist nicht auf Europa beschränkt. Auch in den USA, Kanada und anderen Ländern wird über den Umgang mit diesen Chemikalien diskutiert. Die EU-Regelung könnte daher Signalwirkung für andere Regionen haben und internationale Standards beeinflussen.
Studien haben PFAS bereits in den entlegensten Gebieten der Erde nachgewiesen – von der Arktis bis zu abgelegenen Bergseen. Dies verdeutlicht die globale Verbreitung und Persistenz dieser Chemikalien.
Nach Ablauf der 60-tägigen Konsultationsfrist wird die ECHA die eingegangenen Stellungnahmen auswerten und ihre Empfehlung an die Europäische Kommission weiterleiten. Diese muss dann einen Gesetzesvorschlag ausarbeiten, der vom Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten verabschiedet werden muss.
Greenpeace wird ebenfalls eine detaillierte Stellungnahme einreichen und dabei die Position vertreten, dass ein umfassendes Verbot ohne weitreichende Ausnahmen notwendig ist. Die Organisation ruft auch andere Umwelt- und Gesundheitsorganisationen dazu auf, sich an der Konsultation zu beteiligen.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Österreich könnte ein EU-weites PFAS-Verbot bedeuten, dass viele Produkte des täglichen Gebrauchs reformuliert werden müssen. Dies betrifft potenziell Lebensmittelverpackungen, Kosmetika, Textilien und Haushaltsgeräte.
Gleichzeitig würde ein wirksames Verbot die Belastung mit diesen problematischen Chemikalien reduzieren und damit zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt beitragen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, wie stark sich verschiedene Interessensgruppen in die Konsultation einbringen und welche Richtung die finale EU-Regelung nehmen wird. Für Greenpeace und andere Umweltorganisationen steht fest: Es geht um nicht weniger als den Schutz künftiger Generationen vor den langfristigen Folgen der Ewigkeitschemikalien.