Gewerkschaft sieht Qualifizierung als Schlüssel gegen Fachkräftemangel
ÖGB-Schuberth verlangt stärkeres Arbeitsmarktbudget für Qualifizierung. Fokus auf ältere Beschäftigte soll Potentiale heben.
Der österreichische Arbeitsmarkt zeigt ein paradoxes Bild: Während Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen, bleiben gleichzeitig viele Menschen arbeitslos. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sieht in gezielten Qualifizierungsmaßnahmen und einem ausreichend finanzierten Arbeitsmarktbudget die Lösung für diese Diskrepanz.
"Der Arbeitsmarkt steht vor großen Herausforderungen. Viele Betriebe melden Fachkräftebedarf, gleichzeitig finden nicht alle Arbeitssuchenden rasch einen passenden Job", erklärt Helene Schuberth, Bundesgeschäftsführerin des ÖGB. Diese Situation verdeutliche die Notwendigkeit verstärkter Investitionen in Aus- und Weiterbildung.
Die aktuellen Arbeitsmarktdaten spiegeln einen strukturellen Wandel wider, der neue Herangehensweisen erfordert. Während in manchen Branchen ein akuter Mangel an qualifizierten Arbeitskräften herrscht, stehen in anderen Bereichen Menschen vor der Herausforderung, ihre Qualifikationen an die veränderten Anforderungen anzupassen.
Ein spezieller Fokus sollte laut Schuberth auf ältere Beschäftigte gelegt werden: "Dort liegen viele Chancen und Potentiale." Diese Bevölkerungsgruppe verfügt oft über wertvolle Berufserfahrung, benötigt jedoch gezielte Unterstützung bei der Anpassung an neue Technologien und veränderte Arbeitsabläufe.
Die demographische Entwicklung in Österreich macht es umso wichtiger, das Potential älterer Arbeitnehmer:innen nicht zu verschenken. Ihre Integration in den sich wandelnden Arbeitsmarkt könnte einen wesentlichen Beitrag zur Linderung des Fachkräftemangels leisten.
"Qualifizierung ist der Schlüssel. Wer neue Fähigkeiten erwirbt oder sich weiterbildet, hat bessere Chancen auf stabile und gut bezahlte Arbeit", betont die ÖGB-Bundesgeschäftsführerin. Von solchen Maßnahmen profitierten sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen, da sie zu einer besseren Passung zwischen Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt beitragen.
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit sei es entscheidend, Menschen beim Einstieg oder Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Die Gewerkschaft sieht hier eine gesellschaftliche Aufgabe, die nur durch koordinierte Anstrengungen bewältigt werden kann.
Der ÖGB fordert ein starkes und ausreichend finanziertes Arbeitsmarktbudget, damit das Arbeitsmarktservice (AMS) genügend Mittel für Qualifizierungsprogramme, Beratung und Unterstützung bereitstellen kann. Besonders wichtig seien Angebote für Menschen, deren Qualifikationen nicht mehr zu den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes passen.
Die Finanzierung solcher Programme wird als Investition in die Zukunft betrachtet. Durch die Vermittlung relevanter Fähigkeiten können Arbeitslosigkeitszeiten verkürzt und die Produktivität der Wirtschaft gesteigert werden.
"Es reicht nicht, über Fachkräftemangel zu reden. Wir müssen aktiv dafür sorgen, dass Menschen die Qualifikationen bekommen, die heute und morgen gebraucht werden", so Schuberth. Die Arbeitswelt verändere sich schnell, weshalb Weiterbildung und Qualifizierung selbstverständlicher Teil des Berufslebens werden müssten.
Diese Forderung unterstreicht die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels: Lebenslanges Lernen sollte nicht nur ein Schlagwort bleiben, sondern zur gelebten Realität im Berufsleben werden. Unternehmen, Bildungseinrichtungen und das AMS müssten dabei an einem Strang ziehen.
Die Digitalisierung und der technologische Wandel verändern die Anforderungen an Arbeitnehmer:innen kontinuierlich. Berufe, die heute gefragt sind, können morgen obsolet werden, während neue Tätigkeitsfelder entstehen. Diese Dynamik erfordert flexible Bildungssysteme und anpassungsfähige Qualifizierungsangebote.
Gleichzeitig führt der demografische Wandel dazu, dass die Belegschaften älter werden. Umso wichtiger wird es, auch erfahrenen Arbeitnehmer:innen Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung zu bieten und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten.
Die Gewerkschaften sehen sich in einer wichtigen Rolle bei der Gestaltung dieser Transformation. Sie können als Vermittler zwischen den Interessen der Arbeitnehmer:innen und den Anforderungen des Marktes fungieren. Durch ihre Nähe zu den Beschäftigten kennen sie deren Bedürfnisse und können gezielten Input für die Entwicklung von Qualifizierungsprogrammen liefern.
Die Forderungen des ÖGB spiegeln die Erkenntnis wider, dass die Lösung des Fachkräftemangels nicht allein durch höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen erreicht werden kann. Vielmehr bedarf es einer koordinierten Strategie, die Bildung, Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftspolitik miteinander verknüpft.
Die vom ÖGB vorgebrachten Forderungen kommen zu einem kritischen Zeitpunkt. Die österreichische Wirtschaft steht vor der Herausforderung, ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem sich schnell verändernden globalen Umfeld zu behaupten. Gleichzeitig müssen soziale Standards gewährleistet und Arbeitsplätze gesichert werden.
Eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik, die auf Qualifizierung und Weiterbildung setzt, könnte beiden Zielen dienen. Sie würde nicht nur die Beschäftigungschancen der Menschen verbessern, sondern auch die Innovationskraft der österreichischen Wirtschaft stärken.
Die Umsetzung solcher Maßnahmen erfordert jedoch politischen Willen und die Bereitschaft aller Beteiligten, in langfristige Lösungen zu investieren. Die Zeit für Symbolpolitik sei vorbei, argumentiert der ÖGB – jetzt seien konkrete Taten gefragt.