Initiative "Tatort Arbeitsplatz" warnt vor alarmierender Entwicklung
Vermehrte Übergriffe auf Beschäftigte alarmieren die Gewerkschaft vida. Sie fordert höhere Strafen und verbindliche Schutzkonzepte.
Die Häufung von Gewaltakten gegen Beschäftigte in verschiedenen Branchen sorgt für Alarmstimmung bei der Gewerkschaft vida. In den vergangenen Wochen gab es beinahe täglich Berichte über Übergriffe auf Mitarbeiter bei der Eisenbahn, im Gesundheits- und Sozialbereich sowie in anderen Wirtschaftszweigen. Die Gewerkschaft macht deutlich: Gewalt darf niemals als normaler Bestandteil der Berufsausübung akzeptiert werden.
"Gewalt darf niemals 'Teil des Jobs und der Lehre' sein. Wenn die Sicherheit der Beschäftigten und der Lehrlinge nicht mehr gewährleistet ist, versagt das System. Die Politik darf vor Gewalt am Arbeitsplatz nicht kapitulieren", erklärt Olivia Janisch, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft vida. Sie kritisiert, dass reine Betroffenheitsbekundungen nicht ausreichen: "Sicherheit ist nicht verhandelbar. Es braucht endlich verbindliche Schutzkonzepte."
Die Gewerkschaft sieht in der aktuellen Entwicklung ein alarmierendes Zeichen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Physische und psychische Gewalt gegen Arbeitnehmer müsse entschieden bekämpft werden, anstatt sie als unvermeidbare Begleiterscheinung bestimmter Berufe hinzunehmen.
Ein zentraler Kritikpunkt der vida betrifft das österreichische Strafgesetzbuch. Die Gewerkschaft fordert eine Anpassung, um bei Angriffen auf Personen im Dienst höhere Strafen verhängen zu können. "Die jetzige Regelung greift zu kurz, die Bestrafung von Tätern fällt oft zu niedrig aus", kritisiert vida. Eine härtere Gangart bei der Ahndung von Gewalt am Arbeitsplatz soll präventiv wirken und potenzielle Täter abschrecken.
Die vida-Initiative "Tatort Arbeitsplatz" beschäftigt sich bereits seit 2009 systematisch mit Formen, Ursachen und Präventionsmöglichkeiten von Gewalt am Arbeitsplatz. Die über 15-jährige Forschungs- und Aufklärungsarbeit zeigt deutliche Muster auf: Gewalt entsteht häufig dort, wo strukturelle Defizite auf menschliche Belastungsgrenzen treffen.
Die Analyse verschiedener Branchen und Arbeitsplätze macht deutlich, dass Gewalt kein zufälliges Phänomen ist, sondern oft vorhersagbare Ursachen hat. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für gezielte Präventionsmaßnahmen.
Ein zentraler Befund der Initiative ist die Rolle von Personalmangel als Katalysator für Eskalationen. "Wo es zu wenig Personal gibt, steigt das Eskalationsrisiko massiv. Nur Menschen schützen Menschen", betont Janisch. Sichtbare Ansprechpersonen geben nicht nur Sicherheit, sondern senken auch die Hemmschwelle für Aggressionen erheblich.
Unterbesetzung führt hingegen zu Kontrollverlust und schafft ein Umfeld aus Stress, Überforderung, langen Wartezeiten und fehlenden Ansprechpersonen. In diesem Klima entwickelt sich Gewalt besonders leicht.
Viele Eskalationen resultieren aus Ohnmachtserfahrungen von Kunden oder Patienten. Ausreichend Personal kann Abläufe beschleunigen und nimmt Druck aus angespannten Situationen. In besonders exponierten Bereichen ist es außerdem essenziell, dass Beschäftigte nicht alleine arbeiten müssen. Wer auf unmittelbare Unterstützung durch Kollegen zählen kann, ist weniger schutzlos.
International und europäisch ist die Rechtslage eindeutig: Gewalt, Mobbing und Belästigung sind keine "allgemeinen Lebensrisiken", sondern konkrete Gefahren am Arbeitsplatz. Diese müssen im Rahmen der Fürsorgepflicht minimiert werden.
Besondere Bedeutung kommt dabei dem Übereinkommen 190 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu, das seit September 2025 in Kraft ist. Es verpflichtet Arbeitgeber, Gewalt und Belästigung systematisch in ihre Arbeitsschutz- und Präventionskonzepte zu integrieren.
"Prävention darf nicht erst nach dem ersten Schlag einsetzen. Arbeitgeber sind gesetzlich gefordert, Gefährdungsbeurteilungen zu erstellen, die auch psychosoziale Risiken und Gewaltpotenziale durch Dritte berücksichtigen", betont Yvonne Rychly, Frauenvorsitzende der vida Wien und Mitinitiatorin von "Tatort Arbeitsplatz".
Die Gewerkschaft vida hat im Rahmen ihrer langjährigen Initiative einen detaillierten Forderungskatalog entwickelt. Die aktuellen Vorfälle unterstreichen die Dringlichkeit, Gewalt im Berufsleben endlich als politische und betriebliche Priorität zu behandeln:
Arbeitgeber, die den Arbeitnehmerschutz nicht einhalten, sollen mit hohen Strafen rechnen müssen. Der Schutz der Beschäftigten darf nicht zur Verhandlungsmasse werden.
In allen besonders exponierten Branchen soll eine systematische Analyse von Gewaltpotenzialen verpflichtend werden. Diese Gefährdungsbeurteilungen müssen regelmäßig aktualisiert und an neue Entwicklungen angepasst werden.
Ausreichend Personal im Gesundheitsbereich, im öffentlichen Verkehr und im Tourismus stellt die wirksamste Form der Gewaltprävention dar. Gesetzliche Mindeststandards sollen sicherstellen, dass Personalschlüssel nicht aus Kostengründen unterschritten werden.
Psychologische Nachbetreuung und Rechtsschutz müssen zum Standard werden. Betroffene von Gewalt am Arbeitsplatz brauchen professionelle Unterstützung, um die Folgen zu bewältigen.
Die Initiative "Tatort Arbeitsplatz" greift das Thema Gewalt im Job bei einer alljährlichen Tagung auf und bietet damit eine wichtige Plattform für Information und Austausch. Die diesjährige Fachtagung findet unter dem Motto "Ned mit uns – Strategien gegen Gewalt, Hass und Mobbing" am 8. April 2026 von 9.30 bis 16.00 Uhr im ÖGB- und Gewerkschaftshaus Catamaran in Wien statt.
Die Veranstaltung bringt Betroffene, Interessierte, Gewerkschaften, Arbeiterkammer, Experten und Praktiker zusammen, um Prävention, Schutzkonzepte und wirksame Interventionen zu diskutieren. Der Austausch zwischen Theorie und Praxis soll konkrete Verbesserungen für den Arbeitsalltag ermöglichen.
Die Gewerkschaft vida macht deutlich, dass der Schutz vor Gewalt am Arbeitsplatz nicht nur eine betriebliche, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Politik, Arbeitgeber, Gewerkschaften und die Gesellschaft als Ganzes müssen zusammenarbeiten, um eine Kultur der Gewaltfreiheit zu schaffen.
Die vermehrten Übergriffe der letzten Wochen sind ein Weckruf, der nicht ignoriert werden darf. Nur durch entschiedenes Handeln auf allen Ebenen kann verhindert werden, dass Gewalt am Arbeitsplatz zur traurigen Normalität wird.