Die Wohnsituation für Österreichs Studierende spitzt sich dramatisch zu. Eine neue Sozialerhebung zeigt, dass die monatlichen Wohnkosten durchschnittlich 586 Euro betragen und damit einen erheblich...
Die Wohnsituation für Österreichs Studierende spitzt sich dramatisch zu. Eine neue Sozialerhebung zeigt, dass die monatlichen Wohnkosten durchschnittlich 586 Euro betragen und damit einen erheblichen Teil des studentischen Budgets verschlingen. Besonders alarmierend: In Studierendenheimen sind die Kosten seit 2015 um satte 61 Prozent gestiegen. Diese Zahlen der Studierenden-Sozialerhebung (SOLA 2025) werfen ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die das Studieren in Österreich zunehmend zu einem Luxus werden lässt.
Die aktuellen Zahlen der SOLA 2025 zeichnen ein deutliches Bild der finanziellen Realität österreichischer Studierender. Mit durchschnittlich 586 Euro monatlich für Wohnkosten liegt der größte Ausgabenposten weit über dem, was viele junge Menschen stemmen können. Zum Vergleich: Die maximale Studienbeihilfe beträgt derzeit 923 Euro monatlich – womit allein die Wohnkosten bereits zwei Drittel der staatlichen Unterstützung verschlingen würden.
Die Studierenden-Sozialerhebung (SOLA) ist eine umfassende Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Situation von Studierenden in Österreich, die alle drei bis vier Jahre vom Institut für Höhere Studien (IHS) im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung durchgeführt wird. Sie gilt als wichtigste Datengrundlage für bildungspolitische Entscheidungen und erfasst detailliert die Lebensumstände von rund 47.000 befragten Studierenden an österreichischen Hochschulen.
Besonders drastisch zeigt sich die Entwicklung bei den Studierendenheimen. Hier sind die Kosten seit 2015 um 61 Prozent gestiegen – eine Steigerung, die weit über der allgemeinen Inflation liegt. Was einst als günstige Alternative zum privaten Wohnungsmarkt galt, wird zunehmend unbezahlbar. Ein Heimplatz, der 2015 noch etwa 250 Euro kostete, schlägt heute mit rund 403 Euro zu Buche.
Diese Entwicklung ist besonders problematisch, da Studierendenheime traditionell als soziale Einrichtungen konzipiert waren, um auch einkommensschwächeren Studierenden ein Studium zu ermöglichen. Die massive Kostensteigerung konterkariert diesen ursprünglichen Zweck und verschärft die soziale Selektion im Bildungsbereich.
Die Wohnkostenbelastung trifft nicht alle Studienstandorte gleich. Wien, als größter Universitätsstandort Österreichs, führt die Statistik der teuersten Studienorte an. Hier müssen Studierende durchschnittlich 650 Euro monatlich für Wohnen aufbringen. Salzburg und Innsbruck folgen mit ähnlich hohen Kosten, während kleinere Universitätsstädte wie Leoben oder Krems deutlich günstigere Optionen bieten.
Im Vergleich zu Deutschland zeigt sich, dass österreichische Studierende ähnlich hohe Wohnkosten tragen müssen. In deutschen Großstädten wie München oder Hamburg liegen die durchschnittlichen Wohnkosten für Studierende bei etwa 550-600 Euro monatlich. Die Schweiz übertrifft beide Länder deutlich: Schweizer Studierende zahlen durchschnittlich 800-1000 Franken (entspricht etwa 850-1050 Euro) für ihre Unterkunft.
Die hohen Wohnkosten zwingen immer mehr Studierende zu einem Spagat zwischen Erwerbstätigkeit und Studium. Anna Dibiasi vom Institut für Höhere Studien erklärt: "Viele geraten dadurch in einen Konflikt zwischen Erwerbstätigkeit zur Sicherung des Einkommens und eingeschränkter Studienzeit." Dies führt zu verlängerten Studiendauern und erhöhten Abbruchquoten, insbesondere bei Studierenden aus einkommensschwächeren Familien.
Konkret bedeutet das: Etwa 65 Prozent der österreichischen Studierenden sind erwerbstätig, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken. Dabei arbeiten sie durchschnittlich 15-20 Stunden pro Woche neben dem Studium. Diese Doppelbelastung führt dazu, dass das Studium oft in den Hintergrund gerät und sich die Regelstudienzeit erheblich verlängert.
Trotz der alarmierenden Wohnsituation zeigt die SOLA 2025 auch positive Entwicklungen auf. Nach den extremen Belastungen während der Corona-Pandemie haben sich die finanziellen Schwierigkeiten der Studierenden wieder etwas entspannt. Dies ist maßgeblich auf gezielte Maßnahmen der Bundesregierung zurückzuführen.
Die Valorisierung der Studienbeihilfe – also die regelmäßige Anpassung an die Inflation – hat dazu beigetragen, dass staatliche Unterstützung wieder mehr Kaufkraft entwickelt. Parallel dazu haben spezielle Härtefall-Fonds, die in Kooperation mit der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft (ÖH) eingerichtet wurden, in akuten Notlagen geholfen.
Ein weiterer Lichtblick betrifft die Verpflegung der Studierenden. Mit dem sogenannten Mensabonus und einer neuen Qualitätsoffensive wird sichergestellt, dass in österreichischen Mensen täglich mindestens ein Menü unter 5 Euro angeboten wird. Diese Maßnahme mag auf den ersten Blick klein erscheinen, bedeutet aber für viele Studierende eine spürbare Entlastung im Alltag.
Bei durchschnittlich 22 Mensabesuchen pro Monat kann ein Studierender so etwa 50-70 Euro gegenüber normalen Restaurantpreisen einsparen. Hochgerechnet auf ein Studienjahr entspricht das einer Ersparnis von 600-840 Euro – einem beträchtlichen Betrag für das studentische Budget.
Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner kündigte als Reaktion auf die Studienergebnisse konkrete Maßnahmen an. Im Zentrum steht die Wiedereinführung der Förderung gemeinnütziger Studierendenheime. Diese Förderung war in der Vergangenheit eingestellt worden, soll nun aber wieder aktiviert werden, um dem Kostendruck entgegenzuwirken.
Die gemeinnützigen Studierendenheime unterscheiden sich von privat betriebenen Einrichtungen dadurch, dass sie nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, sondern primär soziale Ziele verfolgen. Sie werden oft von Vereinen, Stiftungen oder religiösen Gemeinschaften betrieben und können durch staatliche Förderung günstigere Preise anbieten.
Historisch betrachtet war Österreich in den 1970er und 1980er Jahren Vorreiter beim sozialen Wohnbau für Studierende. Damals entstanden zahlreiche geförderte Studierendenheime, die bezahlbares Wohnen ermöglichten. Mit der Liberalisierung des Marktes in den 1990er Jahren wurde diese Förderung jedoch zurückgefahren – mit den heute sichtbaren Folgen.
Ein Blick über die Grenzen zeigt alternative Ansätze: In Frankreich beispielsweise gibt es das System der "Cités Universitaires" – staatlich geförderte Studentenwohnheime, die deutlich günstiger sind als private Alternativen. Auch Deutschland hat mit dem Deutschen Studentenwerk ein funktionierendes System geschaffen, bei dem öffentliche und private Träger zusammenarbeiten.
In den Niederlanden wiederum gibt es innovative Konzepte wie "Anti-Kraak" – hier können Studierende leerstehende Gebäude günstig bewohnen, bevor diese saniert oder abgerissen werden. Solche kreativen Lösungen könnten auch für österreichische Städte interessant sein.
Die steigenden Wohnkosten haben weitreichende Konsequenzen für Österreich als Bildungsstandort. Wenn Studieren zunehmend zu einem Privileg wohlhabender Familien wird, droht eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit. Besonders betroffen sind Studierende aus ländlichen Gebieten, die für ihr Studium in teure Universitätsstädte ziehen müssen.
Langfristig könnte dies zu einem Fachkräftemangel führen, da weniger junge Menschen ein Studium aufnehmen oder dieses erfolgreich abschließen können. Für eine wissensbasierte Wirtschaft wie die österreichische wäre das ein erheblicher Nachteil im internationalen Wettbewerb.
Verschärft wird die Situation durch demografische Entwicklungen. Die geburtenstarken Jahrgänge der 2000er Jahre drängen nun an die Universitäten, während gleichzeitig der Wohnraum knapp wird. Bis 2030 wird mit einem weiteren Anstieg der Studierendenzahlen um etwa 15 Prozent gerechnet – ohne entsprechenden Ausbau der Wohnkapazitäten wird sich das Problem weiter verschärfen.
Die SOLA 2025 macht deutlich, dass das Thema leistbares Studieren höchste politische Priorität haben muss. Neben der angekündigten Wiedereinführung der Heimförderung sind weitere strukturelle Reformen nötig. Dazu könnte eine Ausweitung des geförderten Wohnbaus speziell für Studierende gehören, aber auch innovative Wohnformen wie Mehrgenerationen-Projekte oder Wohngemeinschaften mit Senioren.
Experten fordern zudem eine grundlegende Reform der Studienförderung. Die derzeitigen Beihilfen hinken der Kostenentwicklung hinterher und erreichen nur etwa 20 Prozent aller Studierenden. Ein universelleres System nach skandinavischem Vorbild könnte hier Abhilfe schaffen.
Die Bundesregierung steht vor der Herausforderung, schnell und effektiv zu handeln. Die Zahlen der SOLA 2025 sind ein Weckruf: Ohne deutliche Gegenmaßnahmen droht das österreichische Hochschulsystem seine soziale Durchlässigkeit zu verlieren. Die angekündigten Maßnahmen sind ein erster Schritt – ob sie ausreichen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Eines ist jedoch klar: Die Zeit des Abwartens ist vorbei, wenn Österreich als attraktiver und sozialer Bildungsstandort bestehen will.