ÖGB fordert mehr Väterkarenz und Familienarbeitszeit-Modell
Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit - meist nicht freiwillig. ÖGB sieht strukturelle Benachteiligung und fordert politische Lösungen.
Eine aktuelle Auswertung des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) im Auftrag der Arbeiterkammer bringt alarmierende Zahlen zur Geschlechterverteilung am österreichischen Arbeitsmarkt: Während jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet, ist es bei den Männern nur jeder achte. Diese Diskrepanz ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tief verwurzelten strukturellen Benachteiligung.
Der Hauptgrund für die hohe Teilzeitquote bei Frauen liegt in den Betreuungspflichten. "Frauen arbeiten Teilzeit, weil sie insgesamt mehr leisten – in der Arbeit und zu Hause. Die Betreuungspflichten werden noch immer überwiegend von Frauen übernommen", erklärt Christa Hörmann, geschäftsführende ÖGB-Vizepräsidentin und Bundesfrauenvorsitzende.
Für die ÖGB-Frauen ist diese Situation ein klares Zeichen dafür, dass Teilzeit für viele Frauen keine echte Wahl darstellt, sondern eine Folge fehlender Gleichstellung und unzureichender Rahmenbedingungen. "Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Versagen", betont Hörmann.
Die Konsequenzen dieser ungleichen Verteilung von Erwerbsarbeit und Betreuungspflichten sind weitreichend. Frauen, die häufiger in Teilzeit arbeiten, müssen mit erheblichen Nachteilen rechnen:
Diese Benachteiligung zieht sich durch das gesamte Erwerbsleben und wirkt sich bis ins Alter aus. Solange Betreuung, Karenz und Erwerbsarbeit nicht partnerschaftlich aufgeteilt sind, bleibt diese Spirale bestehen.
Als zentralen Lösungsansatz sieht der ÖGB eine stärkere Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung. "Mehr Väterkarenz ist ein zentraler Hebel für echte Gleichstellung. Wer früh Verantwortung übernimmt, bleibt auch später stärker in die Betreuung eingebunden", argumentiert Hörmann.
Dafür brauche es jedoch bessere Bedingungen für eine partnerschaftliche Aufteilung der Karenz sowie echte Unterstützung der Betriebe. "Wir brauchen nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern konkrete Maßnahmen", fordert die ÖGB-Vertreterin.
Ein konkreter Vorschlag liegt bereits auf dem Tisch: das Familienarbeitszeit-Modell von ÖGB und Arbeiterkammer. Bei diesem Modell soll jedem Elternteil eine Geldleistung zustehen, wenn die Arbeitszeit in den ersten vier Jahren des Kindes zwischen 28 und 32 Stunden beträgt.
"Wir brauchen endlich die Umsetzung des ÖGB/AK-Familienarbeitszeit-Modells", betont Hörmann. Dieses Modell würde beiden Elternteilen ermöglichen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren und gleichzeitig die finanzielle Belastung abzufedern.
Neben der strukturellen Veränderung der Kinderbetreuung fordert der ÖGB auch verbesserte arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen für Teilzeitbeschäftigte. Ein zentraler Punkt ist die faire Entlohnung von Mehrarbeit.
Die ÖGB-Frauen unterstützen die Forderung, Mehrarbeit bereits ab der ersten Stunde wie Überstunden zu bezahlen. Derzeit werden Teilzeitbeschäftigte oft als "billige Flexibilitätsreserve" missbraucht, kritisiert Hörmann.
"Teilzeitbeschäftigte dürfen nicht länger als billige Flexibilitätsreserve missbraucht werden. Wer mehr arbeitet, muss dafür fair bezahlt werden und eine echte Perspektive auf mehr Stunden haben", so die Gewerkschafterin.
Zusätzlich fordert der ÖGB:
Ein weiterer Schlüsselfaktor für echte Wahlfreiheit bei der Arbeitszeit ist der Ausbau der Kinderbildung und -betreuung. Nur wenn ausreichend leistbare und ganztägige Betreuungsangebote vorhanden sind, haben Frauen und Männer tatsächlich die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit frei zu wählen.
Derzeit scheitern viele Familien an mangelnden oder zu teuren Betreuungsplätzen. Dies zwingt häufig einen Elternteil – meist die Mutter – in die Teilzeit oder sogar zur vollständigen Aufgabe der Erwerbstätigkeit.
Die Lösung der Teilzeit-Problematik liegt laut ÖGB nicht allein bei den Individuen oder Unternehmen, sondern erfordert politisches Handeln auf verschiedenen Ebenen:
"Gleichstellung passiert nicht von selbst. Sie braucht politische Entscheidungen, bessere Arbeitsbedingungen und eine faire Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit", fasst Hörmann die Forderungen zusammen.
Österreich steht mit der hohen Teilzeitquote bei Frauen nicht allein da, liegt aber auch im internationalen Vergleich im oberen Bereich. Länder mit besserer Kinderbetreuungsinfrastruktur und progressiveren Karenzmodellen zeigen, dass eine gerechtere Verteilung möglich ist.
Die skandinavischen Länder beispielsweise haben durch frühe Reformen bei Elternkarenz und Kinderbetreuung eine deutlich ausgewogenere Situation erreicht. Diese Erfahrungen zeigen, dass strukturelle Veränderungen durchaus möglich und wirksam sind.
Eine gerechtere Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit würde nicht nur den betroffenen Frauen und Familien zugutekommen, sondern auch volkswirtschaftliche Vorteile bringen:
Die vom ÖGB vorgeschlagenen Maßnahmen sind konkret und umsetzbar. Das Familienarbeitszeit-Modell liegt bereits ausgearbeitet vor und könnte zeitnah implementiert werden. Auch die arbeitsrechtlichen Verbesserungen für Teilzeitbeschäftigte sind technisch machbar.
Was fehlt, ist der politische Wille zur Umsetzung. Die aktuellen WIFO-Zahlen unterstreichen einmal mehr die Dringlichkeit des Handelns. Jeder Tag ohne strukturelle Reformen bedeutet für tausende Frauen weitere finanzielle Nachteile und eingeschränkte Lebensperspektiven.
Die Botschaft des ÖGB ist klar: Teilzeit darf nicht länger das unfreiwillige Schicksal von Frauen sein, sondern muss zu einer echten Wahlmöglichkeit für alle werden – unabhängig vom Geschlecht.