Ein bemerkenswerter Trend zeigt sich in der österreichischen Spendenlandschaft: Testamentsspenden haben im Jahr 2024 mit 122 Millionen Euro einen neuen Höchstwert erreicht. Diese Entwicklung spiege...
Ein bemerkenswerter Trend zeigt sich in der österreichischen Spendenlandschaft: Testamentsspenden haben im Jahr 2024 mit 122 Millionen Euro einen neuen Höchstwert erreicht. Diese Entwicklung spiegelt nicht nur den demografischen Wandel wider, sondern auch eine veränderte Einstellung zum eigenen Vermächtnis. Jeden neunten Spendeneuro verdanken gemeinnützige Organisationen mittlerweile einer Testamentsspende – eine Entwicklung, die sowohl für Hilfsorganisationen als auch für die Gesellschaft weitreichende Bedeutung hat.
Eine Testamentsspende ist eine letztwillige Verfügung, bei der eine natürliche Person einen Teil oder ihr gesamtes Vermögen einer gemeinnützigen Organisation vermacht. Im österreichischen Erbrecht, das im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) geregelt ist, kann dies durch ein Testament oder einen Erbvertrag geschehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen wurden durch das Erbrechts-Änderungsgesetz 2015 modernisiert und bieten heute mehr Flexibilität bei der Nachlassgestaltung. Besonders wichtig ist dabei das Pflichtteilsrecht, das nahen Angehörigen einen gesetzlich garantierten Mindestanteil am Nachlass zusichert. Testamentsspenden können sowohl als Erbeinsetzung (der Begünstigte wird zum Erben) oder als Legat (Vermächtnis) erfolgen. Während bei einer Erbeinsetzung alle Rechte und Pflichten übergehen, beschränkt sich ein Legat auf bestimmte Vermögensgegenstände oder Geldbeträge.
Die Zahlen des Fundraising Verband Austria dokumentieren eine beeindruckende Entwicklung: Innerhalb der vergangenen Dekade haben sich die Testamentsspenden mehr als verdoppelt. Während 2014 noch rund 50 Millionen Euro durch Testamente an gemeinnützige Zwecke flossen, erreichte das Volumen 2024 den Rekordwert von 122 Millionen Euro. Diese Steigerung von über 140 Prozent übertrifft bei weitem das allgemeine Spendenaufkommen, das im gleichen Zeitraum "nur" um etwa 30 Prozent wuchs. Der Anteil der Testamentsspenden am Gesamtspendenvolumen stieg von 6,2 Prozent auf 11,1 Prozent – statistisch gesehen stammt heute jeder neunte gespendete Euro aus einem Nachlass.
Die demografische Entwicklung Österreichs spielt eine entscheidende Rolle bei diesem Trend. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre erreichen zunehmend das Alter, in dem Testamentsspenden relevant werden. Gleichzeitig führt die gestiegene Lebenserwartung dazu, dass mehr Menschen Zeit haben, ihren Nachlass bewusst zu planen. Besonders signifikant ist der wachsende Anteil kinderloser Haushalte: Laut Statistik Austria leben in etwa 40 Prozent aller österreichischen Haushalte keine Kinder. Diese Personen verfügen oft über mehr frei verfügbares Vermögen und entscheiden sich häufiger für Testamentsspenden, da keine direkten Nachkommen zu berücksichtigen sind.
Die österreichische Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, die seit über 25 Jahren benachteiligte Kinder und Jugendliche weltweit unterstützt, illustriert exemplarisch, wie Testamentsspenden nachhaltige Wirkung entfalten können. Als langjähriges Mitglied der Initiative "Vergissmeinnicht" erhält die Organisation regelmäßig Testamentsspenden, die langfristige Projektfinanzierung ermöglichen. Geschäftsführer Reinhard Heiserer betont die besondere Bedeutung dieser Spendenform: "Testamentsspenden erlauben es uns, Bildungs- und Entwicklungsprojekte über mehrere Jahre zu planen und umzusetzen, ohne ständig um kurzfristige Finanzierung kämpfen zu müssen."
Die durch Testamente finanzierten Projekte von Jugend Eine Welt umfassen Schulbauten in Afrika, Berufsausbildungsprogramme in Lateinamerika und Straßenkinderprogramme in Asien. Ein typisches Beispiel ist der Bau einer Schule in Uganda, der durch eine größere Testamentsspende von 180.000 Euro ermöglicht wurde. Diese Summe reichte aus, um 300 Kindern langfristig Bildungsmöglichkeiten zu schaffen – eine Wirkung, die über Generationen hinausreicht. Solche nachhaltigen Investments sind durch herkömmliche Spenden oft schwer realisierbar, da diese meist projektbezogen und zeitlich begrenzt erfolgen.
Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Ländern liegt Österreich bei Testamentsspenden im oberen Mittelfeld. Deutschland verzeichnet mit etwa 3,3 Milliarden Euro jährlich ein deutlich höheres absolutes Volumen, was jedoch der zehnfach größeren Bevölkerung entspricht. Pro Kopf gerechnet liegen beide Länder etwa gleichauf. Die Schweiz übertrifft beide Nachbarländer deutlich: Hier fließen pro Einwohner umgerechnet etwa 180 Euro jährlich durch Testamentsspenden an gemeinnützige Zwecke, während es in Österreich rund 140 Euro und in Deutschland etwa 130 Euro sind. Diese Unterschiede lassen sich durch verschiedene Faktoren erklären: höhere Vermögen in der Schweiz, unterschiedliche Steuerregelungen und kulturelle Unterschiede bei der Spendenbereitschaft.
Auch innerhalb Österreichs zeigen sich regionale Unterschiede beim Testamentsspenden. Wien führt mit 35 Prozent des Gesamtvolumens deutlich, gefolgt von Niederösterreich (18 Prozent) und der Steiermark (14 Prozent). Pro Kopf gerechnet liegen jedoch die westlichen Bundesländer voran: Vorarlberg, Tirol und Salzburg weisen die höchsten Pro-Kopf-Werte auf, was mit dem generell höheren Wohlstandsniveau in diesen Regionen korreliert. Die Burgenländer zeigen sich besonders großzügig bei kleineren Testamentsspenden bis 10.000 Euro, während in Wien häufiger Großspenden über 100.000 Euro verzeichnet werden.
Die steigenden Testamentsspenden haben weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen. Für gemeinnützige Organisationen bedeuten sie planbare Einnahmen und die Möglichkeit, langfristige Strategien zu entwickeln. Viele kleinere Vereine und Stiftungen sind mittlerweile existenziell auf Testamentsspenden angewiesen, da die öffentliche Förderung zurückgeht und klassische Spenden oft nicht ausreichen. Gleichzeitig entsteht ein Wettbewerb um potenzielle Testamentsspender, der zu professionellerem Marketing und besserer Transparenz bei den Organisationen führt.
In Österreich sind Spenden an begünstigte Spendenorganisationen bis zu 10 Prozent des Jahreseinkommens steuerlich absetzbar – dies gilt auch für Testamentsspenden. Bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer, die in Österreich 2008 abgeschafft wurde, entstehen für die Erben keine direkten steuerlichen Belastungen durch Testamentsspenden. Anders verhält es sich bei der Grunderwerbsteuer für Immobilien oder bei der Kapitalertragssteuer auf Wertpapiere. Viele Testamentsspender nutzen diese steuerlichen Vorteile bewusst zur Nachlassoptimierung, wodurch der gemeinnützige Sektor indirekt von der österreichischen Steuerpolitik profitiert.
Die 2009 gegründete Initiative "Vergissmeinnicht" hat maßgeblich zur Professionalisierung und zum Wachstum der Testamentsspenden in Österreich beigetragen. Der Zusammenschluss von über 80 gemeinnützigen Organisationen bietet umfassende Information und Beratung zum Thema Testament und Spenden. Die symbolische Pflanzaktion im Wiener Schlosspark Schönbrunn, bei der jährlich Vergissmeinnicht-Blumen als Dankeschön für Testamentsspender gepflanzt werden, hat sich zu einem wichtigen gesellschaftlichen Event entwickelt. Die 2024 verteilten 1.000 Blumentöpfe mit Samen verdeutlichen die Metapher: Wie Samen neue Pflanzen hervorbringen, schaffen Testamentsspenden neue Projekte und Perspektiven.
Trotz der positiven Entwicklung besteht erheblicher Informationsbedarf in der Bevölkerung. Nur etwa ein Drittel der über 40-jährigen Österreicher hat bereits ein Testament erstellt, obwohl sich die Hälfte grundsätzlich mit dem Thema beschäftigen möchte. Die "Wochen des guten Testaments", die jährlich österreichweit stattfinden, bieten kostenlose Informationsveranstaltungen mit Notaren und Rechtsexperten. Diese Veranstaltungen verzeichnen stetig wachsende Teilnehmerzahlen und tragen zur Aufklärung über rechtliche Möglichkeiten und Fallstricke bei.
Die Jugend Eine Welt-Gedenkstätte am Hietzinger Friedhof repräsentiert einen besonderen Aspekt der Testamentsspendenkultur: die Würdigung und das Gedenken an die Spender. Die vom Tiroler Künstler Isidor Winkler geschaffene Don Bosco-Statue mit drei Kindern symbolisiert die Werte der Organisation und schafft einen physischen Ort der Erinnerung. Solche Gedenkstätten werden zunehmend wichtiger, da sie den abstrakten Akt des Testamentsspendens emotional greifbar machen und den Spendern Unsterblichkeit durch ihre guten Taten verleihen.
Die geplanten Friedhofsführungen verbinden geschickt Bildung, Kultur und Spendenmarketing. Der 90-minütige Rundgang am 3. Juni 2026 führt nicht nur zur Gedenkstätte, sondern auch zu den Gräbern berühmter Österreicher wie Otto Wagner, Franz Grillparzer und Gustav Klimt. Diese Verbindung von österreichischer Kulturgeschichte mit modernem Spendenverhalten schafft einzigartige Erlebnisse und kann potenzielle Testamentsspender emotional erreichen.
Die wachsende Bedeutung von Testamentsspenden bringt auch Herausforderungen mit sich. Kritiker bemängeln, dass sich gemeinnützige Organisationen zu stark auf unplanbare Erbschaften verlassen könnten. Außerdem entstehen ethische Fragen, wenn Organisationen aggressives Marketing bei älteren Menschen betreiben. Die österreichische Spendengütesiegel-Kontrollstelle hat daher spezielle Richtlinien für das Testamentsspenden-Marketing entwickelt, die manipulative Praktiken unterbinden sollen.
Die Abhängigkeit von Testamentsspenden kann für Organisationen wirtschaftliche Risiken bergen. Anders als bei regelmäßigen Spenden sind Erbschaften nicht vorhersagbar und können stark schwanken. Eine plötzliche Serie von Erbschaften kann zu Überliquidität führen, während ausbleibende Testamentsspenden Finanzierungslücken verursachen können. Professionelles Finanzmanagement und Diversifikation der Einnahmequellen werden daher immer wichtiger.
Experten prognostizieren für die kommenden Jahre ein weiteres Wachstum der Testamentsspenden in Österreich. Demografische Projektionen zeigen, dass die "Babyboomer"-Generation in den nächsten 15 Jahren verstärkt vererben wird. Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Vermögen der österreichischen Haushalte kontinuierlich an. Das Institut für höhere Studien (IHS) schätzt, dass Testamentsspenden bis 2030 auf über 200 Millionen Euro jährlich anwachsen könnten. Diese Entwicklung wird durch die zunehmende Digitalisierung der Testamentserstellung und verbesserte Beratungsangebote zusätzlich unterstützt.
Die wachsende Bedeutung von Testamentsspenden spiegelt eine grundlegende gesellschaftliche Transformation wider. Die traditionelle Weitergabe von Vermögen innerhalb der Familie weicht zunehmend bewussten Entscheidungen für gesellschaftliche Zwecke. Dies deutet auf veränderte Wertvorstellungen hin: Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Verantwortung gewinnen gegenüber familiären Verpflichtungen an Bedeutung. Soziologen sprechen von einem Wandel vom "ererbten" zum "verdienten" Vermögen und einer Demokratisierung philanthropischer Aktivitäten.
Die Rekordspende von 122 Millionen Euro zeigt: Testamentsspenden sind kein Nischenphaenomen mehr, sondern ein wichtiger Baustein der österreichischen Solidargemeinschaft. Sie ermöglichen es einzelnen Menschen, über ihren Tod hinaus positive Wirkung zu entfalten und gesellschaftliche Herausforderungen mitzugestalten. Für Organisationen wie Jugend Eine Welt bedeuten sie die Möglichkeit, nachhaltige Projekte zu realisieren und langfristige Perspektiven zu entwickeln. Die Herausforderung liegt nun darin, diese positive Entwicklung verantwortungsvoll zu gestalten und das Vertrauen der Spender durch Transparenz und Wirksamkeit zu rechtfertigen.