Outsider-Art-Ausstellung thematisiert Geschlecht und Identität
Die Künstlerin präsentiert bis Oktober 2026 ihre transformative Werke in den Räumen der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze.
Die Österreichische Gesellschaft vom Goldenen Kreuze (ÖGGK) setzt ihre erfolgreiche Ausstellungsreihe zur Outsider-Art mit einer bemerkenswerten Schau fort. Seit 26. Februar 2026 zeigt die Wiener Institution die Arbeiten von Verena Bretschneider unter dem programmatischen Titel "Transsexual Revolution". Die Eröffnung wurde von Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern, im Beisein der Künstlerin vorgenommen.
Verena Bretschneider, 1957 als Georgy Bretschneider in Bonn geboren, vollzog in den 1990er Jahren eine tiefgreifende persönliche und künstlerische Transformation. Die in dieser Zeit entstandenen Werke werden nun erstmals in Wien der Öffentlichkeit präsentiert und bieten einen eindrucksvollen Einblick in die künstlerische Auseinandersetzung mit Fragen von Geschlecht und Identität.
"Geschlecht und Identität sind zentrale Fragestellungen im vielseitigen Werk von Verena Bretschneider, das mit dem Kitsch kokettiert und stets die Grenzen der Kunst auslotet", erklärt Angela Stief die Bedeutung der Arbeiten. Die Direktorin der Albertina Modern hebt dabei die besondere Materialwahl der Künstlerin hervor, die bewusst auf alltägliche, oft als minderwertig betrachtete Gegenstände setzt.
Bretschneiders künstlerische Praxis zeichnet sich durch die Verwendung unkonventioneller Materialien aus. Künstliche Blumen, Plastikbesteck, Wischmopp, Reinigungshandschuhe und andere Gegenstände aus Discountläden und Baumärkten bilden die Grundlage ihrer Werke. "Mittels billigem Dekor und großem handwerklichem Geschick entstehen so grenzgeniale Kunstwerke, die das Alltägliche übersteigern, ein Transformationsakt erster Güte", so Stief weiter.
Diese Herangehensweise reflektiert nicht nur gesellschaftliche Hierarchien zwischen "hoher" und "niedriger" Kunst, sondern schafft auch eine direkte Verbindung zwischen der persönlichen Transformation der Künstlerin und ihrer künstlerischen Praxis. Die Verwendung von Materialien aus dem Alltag wird zu einem Statement über Wert, Würde und die Möglichkeit der Verwandlung.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich Bretschneiders künstlerische Aussage in einer ihrer Assemblagen: Eine kriegerische Figur, in ein Kleid aus Plastiksonnenblumen gehüllt, zieht mit einer Regenbogenfahne in der erhobenen Hand in den Kampf für die Freiheit. "Man kommt nicht umhin, an die Statue of Liberty zu denken, die hier mit Bartstoppeln im Gesicht und einem feisten Nacken eindeutig männliche Züge trägt", beschreibt Angela Stief die provokante Arbeit.
Diese Arbeit steht stellvertretend für Bretschneiders künstlerische Auseinandersetzung mit Geschlechteridentität und gesellschaftlichen Normen. Sie kämpft für die Freiheit der Kunst, für die Freiheit im Ausdruck und für die Freiheit der Selbstbestimmung – Themen, die in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte höchst relevant sind.
Die Österreichische Gesellschaft vom Goldenen Kreuze hat sich in den vergangenen Jahren als wichtiger Ort für Outsider-Art in Wien etabliert. "Wir freuen uns sehr, dass wir mit Verena Bretschneider eine weitere, Aufsehen erregende Künstlerin für unsere Ausstellungsreihe gewinnen konnten", betont Erika Sander, Generalsekretärin der ÖGGK.
Die Institution kann bereits auf eine beeindruckende Liste von Ausstellungen zurückblicken. Personale von Josef Karl Rädler, Tim ter Wal, Anna Zemánková, Suzanne Treister, Silvia Argiolos und Michaela Polacek sowie Präsentationen der drei werd:art-Künstlerinnen Suzanne Dixon, Susanne Kuzma und Ingrid Lechner haben die ÖGGK als wichtigen Impulsgeber für die Wiener Kunstszene etabliert.
"Mit dem Fokus auf Outsider-Art schlagen wir außerdem die inhaltliche Brücke zu unserer Haupttätigkeit im Bereich Gesundheitsvorsorge und Bewusstseinsbildung", erklärt Sander die Programmausrichtung. Diese Verbindung ist nicht zufällig: Outsider-Art, oft von Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, die außerhalb der etablierten Kunstwelt stehen, thematisiert häufig persönliche Erfahrungen, Trauma und Heilung.
Die Österreichische Gesellschaft vom Goldenen Kreuze blickt auf eine über 130-jährige Geschichte zurück. 1893 gegründet, widmete sie sich von Beginn an dem Thema Gesundheit. Lange Zeit war die Organisation vor allem als Trägerin der Privatklinik Goldenes Kreuz bekannt, konzentriert sich heute jedoch als gemeinnütziger Verein auf Gesundheitsförderung und -prophylaxe.
Unter dem Leitgedanken "Wir begleiten Sie durchs Leben – durch alle Lebensphasen und in allen Lebensbereiche" bietet die ÖGGK ein breites Spektrum an Angeboten. Dazu gehören Gesundheitsangebote in den Bereichen Ernährung und Bewegung, Begünstigungen im medizinischen Bereich, Vorträge sowie Veranstaltungen im Kunst- und Kultursektor.
Die Ausstellung "Transsexual Revolution" von Verena Bretschneider läuft bis zum 30. Oktober 2026 und ist damit eine der längsten Präsentationen in der Geschichte der ÖGGK. Die Öffnungszeiten sind dienstags von 10:00 bis 17:00 Uhr, ausgenommen Feiertage. Zusätzlich sind Besuche gegen Voranmeldung möglich, was der Institution ermöglicht, auch Gruppen und Interessierte außerhalb der regulären Öffnungszeiten zu empfangen.
Obwohl die Räume der ÖGGK nicht zu den etablierten Kunststätten Wiens zählen, hat die Institution durch ihre konsequente Programmierung einen wichtigen Platz in der Wiener Kulturlandschaft erobert. Die Fokussierung auf Outsider-Art ermöglicht es, Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu bieten, die sonst möglicherweise weniger Aufmerksamkeit erhalten würden.
Die Ausstellung von Verena Bretschneider fügt sich nahtlos in diese Tradition ein und bringt gleichzeitig aktuelle gesellschaftliche Diskussionen über Geschlechteridentität und Selbstbestimmung in den Kunstkontext. In einer Zeit, in der LGBTIQ+-Themen verstärkt in den gesellschaftlichen Fokus rücken, bietet die Schau eine künstlerische Perspektive auf diese wichtigen Fragen.
Die "Transsexual Revolution" ist somit mehr als nur eine Kunstausstellung – sie ist ein Statement für Diversität, Akzeptanz und die transformative Kraft der Kunst. Bretschneiders Werke zeigen, wie aus alltäglichen Materialien und persönlichen Erfahrungen Kunst entstehen kann, die gesellschaftliche Normen hinterfragt und neue Perspektiven eröffnet.