Das Wien Museum hat einen bedeutenden kulturellen Schatz erhalten: Der fotografische Nachlass der international renommierten Künstlerin Christine de Grancy (1942-2025) wird künftig Teil der städtis...
Das Wien Museum hat einen bedeutenden kulturellen Schatz erhalten: Der fotografische Nachlass der international renommierten Künstlerin Christine de Grancy (1942-2025) wird künftig Teil der städtischen Sammlung sein. Die im März 2024 verstorbene Fotografin hinterließ ein außergewöhnliches Werk, das Wien aus völlig neuen Perspektiven zeigt und gleichzeitig das Leben von Menschen rund um den Globus dokumentiert.
Christine de Grancy entwickelte über Jahrzehnte einen unverwechselbaren fotografischen Stil, der weit über die klassische Dokumentarfotografie hinausging. Ihr Ansatz war geprägt von einer poetischen Sichtweise, die das Alltägliche in Kunst verwandelte und dabei stets den Menschen in den Mittelpunkt stellte. Diese einzigartige Herangehensweise macht ihren Nachlass zu einem unschätzbaren Zeitzeugnis der zweiten Hälfte des 20. und des frühen 21. Jahrhunderts.
Geboren 1942 in Brünn, dem heutigen Brno in Tschechien, wuchs Christine de Grancy in Graz auf, bevor sie sich in Wien niederließ. Ihr Weg zur Fotografie war nicht geradlinig: Zunächst studierte sie Keramik und Gebrauchsgrafik, arbeitete als Grafikerin und Art Director, bevor sie in den 1960er-Jahren ihre wahre Berufung in der Fotografie fand. Diese vielseitige künstlerische Ausbildung sollte später ihren fotografischen Stil prägen – die Komposition ihrer Bilder zeigt deutlich das geschulte Auge einer Grafikerin.
Die Fotografie der 1960er-Jahre war stark von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Fotografinnen wie de Grancy gehörten zu einer Generation, die neue Wege in der visuellen Kommunikation suchte. Sie entwickelte eine Bildsprache, die sowohl dokumentarisch als auch künstlerisch anspruchsvoll war – eine Kombination, die damals noch nicht selbstverständlich war und die sie zu einer Pionierin ihres Fachs machte.
Dokumentarfotografie bezeichnet die Aufzeichnung der Realität durch fotografische Bilder, wobei das Ziel darin besteht, gesellschaftliche, kulturelle oder historische Zusammenhänge zu veranschaulichen. Im Gegensatz zur reinen Reportagefotografie geht es dabei nicht nur um die Übermittlung von Informationen, sondern auch um die künstlerische Interpretation des Gezeigten. Christine de Grancy beherrschte diese Gratwanderung zwischen Dokumentation und Kunst meisterhaft und schuf dabei Bilder, die sowohl als historische Quellen als auch als Kunstwerke Bestand haben.
Besonders bemerkenswert ist de Grancys fotografische Herangehensweise an Wien. Während viele Fotografen die Stadt aus der Augenhöhe der Flaneure dokumentierten, wählte sie bewusst ungewöhnliche Blickwinkel. Ihre Aufnahmen des "imperialen" Wien entstanden aus erhöhter Perspektive und boten damit völlig neue Einblicke in die Architektur und Stadtstruktur der österreichischen Hauptstadt.
Ab den 1980er-Jahren entwickelte de Grancy eine noch innovativere Herangehensweise: Sie fotografierte das alltägliche Leben Wiens aus der Perspektive steinerner Figuren, Engel und mythologischer Wesen, die die Dachlandschaften der Stadt bevölkern. Diese Technik, bei der sie ihre Kamera so positionierte, als würden die Steinfiguren selbst fotografieren, schuf surreale und poetische Bilder, die Wien in einem völlig neuen Licht erscheinen ließen.
Diese Perspektive war revolutionär, denn sie verband die historische Dimension der Stadt mit dem gegenwärtigen Leben. Die steinernen Zeugen der Vergangenheit wurden zu stillen Beobachtern der Gegenwart, und de Grancy gab ihnen durch ihre Fotografie eine Stimme. So entstanden Bilder, die sowohl die Kontinuität als auch den Wandel Wiens sichtbar machten.
Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten wie Berlin, Paris oder London entwickelte Wien eine besonders reiche Tradition der Stadtfotografie. Während in Berlin die Dokumentation der Teilung und Wiedervereinigung im Vordergrund stand und Paris durch seine Boulevards und das besondere Licht berühmt wurde, konzentrierten sich Wiener Fotografen oft auf die Spannung zwischen imperialer Vergangenheit und moderner Gegenwart. De Grancys Werk steht in dieser Tradition, geht aber durch ihre innovativen Perspektiven weit darüber hinaus.
Neben ihrer Wiener Stadtfotografie war de Grancy eine leidenschaftliche Reisefotografin. Ihre Expeditionen führten sie in entlegene Gebiete wie Tunesien, Pakistan, Tibet, Niger und die Westsahara. Besonders häufig bereiste sie Russland, wo sie über Jahre hinweg die gesellschaftlichen Veränderungen dokumentierte. Diese Reisen entstanden zu einer Zeit, als internationale Fotografie noch mit erheblichen logistischen Herausforderungen verbunden war.
Ihre Reisedokumentationen zeichnen sich durch außergewöhnliches Einfühlungsvermögen aus. De Grancy verstand es, die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort nicht als exotische Spektakel, sondern als menschliche Geschichten zu dokumentieren. Sie schuf visuelle Erzählungen, die kulturelle Unterschiede respektvoll darstellten und dabei universelle menschliche Erfahrungen sichtbar machten.
In einer Zeit vor der Digitalisierung und dem Internet waren solche fotografischen Zeugnisse fremder Kulturen von unschätzbarem dokumentarischem Wert. De Grancys Bilder aus diesen Regionen sind heute wichtige historische Quellen, die Lebenswelten dokumentieren, die sich inzwischen stark verändert haben oder ganz verschwunden sind.
Ein besonders wichtiger Aspekt von de Grancys Werk sind ihre Porträts, die sowohl künstlerische als auch gesellschaftspolitische Dimensionen haben. In den 1990er-Jahren dokumentierte sie beispielsweise jüdische Migranten, die nach der Islamischen Revolution 1979 aus dem Iran geflohen waren und in Wien eine neue Heimat suchten. Diese Arbeit war nicht nur fotografisch anspruchsvoll, sondern auch ein wichtiges Zeugnis für die Migrationsbewegungen jener Zeit.
Die Porträtfotografie erfordert besondere Fähigkeiten, da sie sowohl technisches Können als auch psychologisches Gespür verlangt. Der Porträtfotograf muss eine Vertrauensbasis zu seinen Modellen aufbauen und gleichzeitig den richtigen Moment erfassen, in dem sich die Persönlichkeit des Porträtierten in Mimik und Gestik offenbart. De Grancy beherrschte diese Kunst meisterhaft und schuf Porträts, die ihre Subjekte mit Würde und Tiefe darstellten.
Migration ist ein zentrales Thema der modernen Fotografie geworden. Fotografen wie Sebastião Salgado oder Steve McCurry haben durch ihre Arbeiten das Bewusstsein für die Situation von Flüchtlingen und Migranten geschärft. De Grancys Porträts iranischer Flüchtlinge reihen sich in diese wichtige Tradition ein, haben aber durch ihren lokalen Wiener Bezug eine besondere Bedeutung für die österreichische Gesellschaft.
Ein besonderes Highlight in de Grancys Werk ist die Dokumentation des Besuchs von David Bowie und Brian Eno in der Nervenheilanstl Gugging im Jahr 1994. Diese außergewöhnliche Begegnung zwischen internationalen Musikstars und den Künstlern von Gugging dokumentierte de Grancy mit bemerkenswerter Sensibilität. Ihre Fotografien zeigen, wie konzentriert Bowie und Eno die Werke der Gugginger Künstler betrachten und analysieren.
Die Gugginger Künstler, auch bekannt als "Art Brut"-Künstler, schufen ihre Werke außerhalb etablierter Kunsttraditionen. Art Brut bezeichnet Kunst, die von Menschen geschaffen wird, die nicht durch künstlerische Ausbildung oder kulturelle Konventionen beeinflusst sind. Diese Form der Kunst wurde in den 1940er-Jahren vom französischen Künstler Jean Dubuffet definiert und umfasst oft Werke von Autodidakten, Kindern oder Menschen mit psychischen Erkrankungen.
De Grancys Fotografien dieses Besuchs sind nicht nur kulturhistorisch wertvoll, sondern zeigen auch ihre Fähigkeit, komplexe kulturelle Begegnungen einzufangen. Sie dokumentierte nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die subtilen zwischenmenschlichen Dynamiken und die gegenseitige Faszination zwischen den verschiedenen Kunstformen.
Der vom Wien Museum übernommene Nachlass umfasst etwa 5.000 Vintageprints und Negative, die hauptsächlich Wien und Porträts dokumentieren. Vintageprints sind Fotografien, die vom Fotografen selbst oder unter seiner direkten Aufsicht von den Originalnegativen abgezogen wurden, meist zeitnah zur Entstehung der Aufnahme. Diese Abzüge haben besonderen künstlerischen und kommerziellen Wert, da sie die ursprüngliche Intention des Fotografen am authentischsten wiedergeben.
Die systematische Verteilung des Nachlasses auf verschiedene Wiener Museen zeigt die Vielfalt von de Grancys Werk: Während das Wien Museum den Großteil mit Fokus auf Wien und Porträts übernimmt, gehen die Reisedokumentationen an das Weltmuseum und die Theaterfotos an das Theatermuseum. Diese Aufteilung gewährleistet, dass jeder Aspekt ihres Schaffens in den entsprechend spezialisierten Sammlungen optimal betreut wird.
Fotografische Sammlungen spielen in Museen eine zunehmend wichtige Rolle. Sie dokumentieren nicht nur historische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen, sondern sind auch eigenständige Kunstwerke. Museen wie das Wien Museum bauen systematisch Fotosammlungen auf, um die visuelle Geschichte ihrer Stadt zu bewahren. Diese Sammlungen dienen sowohl der Forschung als auch der Bildung und ermöglichen es künftigen Generationen, vergangene Epochen zu verstehen.
Die Übernahme von de Grancys Nachlass hat weitreichende Bedeutung für die österreichische Kulturlandschaft. Für Kunstinteressierte und Forscher wird eine einzigartige Quelle zur Wiener Stadtgeschichte zugänglich. Studierende der Fotografie können von de Grancys innovativen Techniken lernen, während Historiker ihre Bilder als Quellen für gesellschaftliche Entwicklungen nutzen können.
Bürgermeister Michael Ludwig betonte die kulturelle Bedeutung des Erwerbs: "Christine de Grancy hat Wien nicht nur dokumentiert, sondern neu sichtbar gemacht. Ihr Blick auf unsere Stadt – poetisch, kritisch und zutiefst menschlich – ist ein unschätzbarer Beitrag zum kulturellen Gedächtnis Wiens und wird auch künftige Generationen inspirieren."
Diese Aussage unterstreicht die Absicht der Stadt Wien, das kulturelle Erbe aktiv zu bewahren und für die Zukunft zugänglich zu machen. In einer Zeit, in der digitale Medien dominieren, gewinnen analoge fotografische Zeugnisse wieder an Bedeutung, da sie eine Authentizität und haptische Qualität besitzen, die digitale Bilder nicht erreichen können.
Der Erwerb von de Grancys Nachlass reiht sich in eine Tradition österreichischer Museen ein, bedeutende fotografische Sammlungen zu bewahren. Vergleichbare Erwerbungen waren etwa der Nachlass des Modefotografen Helmut Newton durch das Museum für Angewandte Kunst oder die Sammlung historischer Wien-Fotografien im Stadtmuseum. Diese Nachlässe ergänzen sich gegenseitig und bieten zusammen ein umfassendes Bild der österreichischen Fotogeschichte.
Im deutschsprachigen Raum setzen auch andere Städte auf den systematischen Aufbau fotografischer Sammlungen. Das Münchner Stadtmuseum etwa besitzt eine der bedeutendsten Fotosammlungen Deutschlands, während das Museum für Photographie in Berlin internationale Positionen sammelt. Wien positioniert sich mit Erwerbungen wie de Grancys Nachlass als wichtiger Standort für fotografische Kunst und Dokumentation.
Die Integration von de Grancys Werk in die Sammlung des Wien Museums eröffnet verschiedene Möglichkeiten für die Zukunft. Geplant sind thematische Ausstellungen, die verschiedene Aspekte ihres Schaffens beleuchten. Besonders interessant könnte eine Ausstellung über ihre innovativen Wien-Perspektiven sein, die zeigt, wie sich die Stadt über Jahrzehnte verändert hat.
Darüber hinaus werden die Fotografien digitalisiert und damit für Forschung und Bildung zugänglich gemacht. Online-Archive ermöglichen es Menschen weltweit, de Grancys Werk zu studieren und zu entdecken. Diese Digitalisierung ist besonders wichtig, da die originalen Vintageprints durch Licht und häufige Betrachtung Schäden erleiden können.
Für Wienerinnen und Wiener bedeutet der Erwerb des Nachlasses, dass sie ihre Stadt künftig durch die Augen einer der bedeutendsten österreichischen Fotografinnen betrachten können. De Grancys Bilder werden helfen, das Verständnis für die Entwicklung Wiens zu vertiefen und neue Perspektiven auf vertraute Orte zu eröffnen.
Museen haben heute nicht nur die Aufgabe zu sammeln und zu bewahren, sondern auch zu vermitteln. Der Nachlass de Grancy bietet ideale Möglichkeiten für pädagogische Programme. Schulklassen können anhand ihrer Fotografien lernen, wie sich Wien verändert hat, während Erwachsenenbildungsprogramme die künstlerischen und technischen Aspekte ihrer Arbeit vermitteln können.
Die verschiedenen Themenbereiche ihres Werks – von der Stadtfotografie über Porträts bis hin zur Reisedokumentation – ermöglichen es, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen und fotografische Bildung auf verschiedenen Niveaus anzubieten.
Christine de Grancys fotografischer Nachlass stellt einen wertvollen Zugang zur österreichischen und internationalen Kulturgeschichte dar. Ihre einzigartige Sichtweise auf Wien und ihre einfühlsame Dokumentation verschiedener Kulturen weltweit machen sie zu einer bedeutenden Figur der österreichischen Fotografie. Mit der Übernahme ihres Nachlasses durch das Wien Museum wird sichergestellt, dass ihre Arbeit auch künftigen Generationen zugänglich bleibt und weiterhin als Inspiration für Künstler, Forscher und alle Interessierten dienen kann. Welche neuen Perspektiven auf unsere Stadt werden wohl künftige Fotografinnen und Fotografen entwickeln, inspiriert von de Grancys innovativem Blick auf Wien?