ORF-Dokumentation porträtiert US-amerikanischen Zen-Meister Kigen Osho und seine spirituelle Reise von Kalifornien nach Österreich
Eine ORF-Doku zeigt, wie ein US-Zen-Priester Hollywood verließ, um in Wien zu lehren – mitfinanziert von Leonard Cohen.
Es ist eine Geschichte, die klingt wie aus einem Roman: Ein amerikanischer Zen-Priester tauscht das sonnige Kalifornien und die Gesellschaft von Hollywood-Stars gegen ein beschauliches Leben in Wien. Am 4. Jänner 2026 widmet sich die ORF-Sendung "kreuz & quer nah dran" dem außergewöhnlichen Lebensweg von Kigen Osho, einem Mann, der die Stille zum Beruf gemacht hat.
William Ekeson, wie Kigen Osho mit bürgerlichem Namen heißt, hätte wohl selbst nicht gedacht, dass sein spiritueller Weg ihn eines Tages nach Österreich führen würde. Der US-Amerikaner leitete ein florierendes Zen-Center am berühmten Sunset Boulevard in Hollywood, wo Meditation und Achtsamkeit längst zum Lifestyle-Programm der Reichen und Schönen geworden waren. Prominente Gesichter fanden sich regelmäßig in seinen Meditationsgruppen ein.
Doch gerade als das Hollywood Zen Center richtig Fahrt aufnahm, erreichte Kigen Osho ein Ruf aus Europa. Wien brauchte einen Zen-Meister, und er sollte dieser Meister sein. Der Abschied von Kalifornien fiel dem gebürtigen Amerikaner nicht leicht – nicht nur wegen des mediterranen Klimas, sondern vor allem wegen der Menschen, die ihm ans Herz gewachsen waren.
Unter diesen besonderen Bekanntschaften war auch der legendäre kanadische Sänger und Dichter Leonard Cohen. Der Musiker, dessen melancholische Songs Millionen Menschen weltweit berührten, hatte den Zen-Buddhismus bereits lange vor Kigen Osho für sich entdeckt. Was die beiden verband: Sie wurden vom selben Lehrer ausgebildet – dem japanischen Zen-Meister Kyozan Joshu Sasaki Roshi.
Sasaki Roshi war eine Schlüsselfigur für die Verbreitung des Zen-Buddhismus in der westlichen Welt. Er brachte die sogenannte Rinzai-Zen-Linie, eine besonders strenge und disziplinierte Form des Zen, erstmals in die Vereinigten Staaten. Am Mount Baldy Zen Center in den Bergen östlich von Los Angeles unterzog sich Kigen Osho einer rigorosen Ausbildung, die ihn auf sein späteres Leben als Lehrer vorbereitete.
Seit nunmehr zehn Jahren leitet Kigen Osho das Bodhidarma Zendo in Wien. Was anfangs eine Herausforderung war – eine neue Stadt, eine neue Kultur, eine neue Sprache – hat sich zu einer tiefen Verbundenheit entwickelt. "Ich bin sehr glücklich, es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe", sagt der Zen-Priester heute über seinen Umzug nach Österreich.
Seine Schülerinnen und Schüler beschreiben ihn als eine Art Trainer für das Leben. Er gibt Anleitungen, die weit über die Meditationskissen hinausreichen und den Alltag seiner Praktizierenden nachhaltig verändern. Die Grundprinzipien, die er vermittelt, klingen dabei erstaunlich einfach: "Sitzen und Atmen und die Gedanken ohne Bewertung vorbeiziehen zu lassen, das ist Zen-Buddhismus."
Hinter dieser scheinbaren Einfachheit verbirgt sich jedoch eine tiefgreifende Praxis, die jahrelange Übung erfordert. Der Rinzai-Zen, den Kigen Osho lehrt, unterscheidet sich von anderen buddhistischen Traditionen durch seinen direkten, manchmal fast konfrontativen Ansatz. Statt sanfter Entspannungsübungen stehen intensive Meditation, paradoxe Rätsel (sogenannte Koans) und strenge Disziplin im Mittelpunkt.
Diese Form des Zen wurde im 12. Jahrhundert in Japan entwickelt und war ursprünglich besonders bei der Samurai-Klasse beliebt. Die Krieger schätzten die mentale Stärke und Klarheit, die durch die Praxis entstehen konnte. Heute suchen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten diese Erfahrung – ob in Hollywood oder in Wien-Favoriten.
Im Jahr 2025 wurde ein besonderes Projekt abgeschlossen, das die Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Gegenwart symbolisiert: Das Berg-Zendo, ein Zen Retreat Center auf der Hohen Wand in Niederösterreich, wurde nach japanischem Vorbild renoviert. Unter der Leitung von Kigen Osho entstand ein authentischer Ort der Stille, der Praktizierenden aus ganz Europa die Möglichkeit bietet, sich für intensive Meditationsperioden zurückzuziehen.
Besonders bemerkenswert ist die Finanzierung dieses Umbaus: Kein Geringerer als Leonard Cohen selbst hat das Projekt mitgetragen. Auch wenn der Sänger bereits 2016 verstorben ist, zeigt diese Unterstützung, wie tief die Verbindung zwischen den beiden Zen-Praktizierenden war – und wie sehr Cohen die Arbeit seines spirituellen Wegbegleiters schätzte.
Leonard Cohen verbrachte in den 1990er Jahren selbst mehrere Jahre als Mönch am Mount Baldy Zen Center und nahm den buddhistischen Namen Jikan an, was "Stille" bedeutet. Seine späteren Alben, darunter das gefeierte "You Want It Darker" aus dem Jahr 2016, tragen deutliche Spuren dieser spirituellen Suche. Dass er mit der Finanzierung des Berg-Zendos auch über seinen Tod hinaus zur Verbreitung des Zen-Buddhismus beitrug, passt zum Bild eines Künstlers, der sein ganzes Leben der Suche nach tieferer Bedeutung gewidmet hat.
Die Geschichte von Kigen Osho ist eingebettet in eine größere Entwicklung: Seit den 1960er Jahren findet der Zen-Buddhismus auch in Europa immer mehr Anhänger. Was einst als exotische Praktik galt, ist heute in vielen österreichischen Städten präsent. Meditationszentren, Achtsamkeitskurse und buddhistische Gemeinschaften haben sich etabliert und ziehen Menschen an, die in einer immer hektischeren Welt nach innerer Ruhe suchen.
Dabei unterscheidet sich der Zugang zum Zen deutlich von dem, was viele unter "Entspannung" verstehen. Es geht nicht darum, Stress abzubauen oder sich wohlzufühlen – zumindest nicht primär. Vielmehr steht die direkte Erfahrung der eigenen Natur im Mittelpunkt, ein Durchbrechen der gewohnten Denkmuster und ein Erwachen zu einer tieferen Wirklichkeit.
Für viele Menschen ist genau das die größte Herausforderung: In einer Welt der permanenten Ablenkung, der Smartphones und der ständigen Erreichbarkeit einfach nur zu sitzen und nichts zu tun. Die Gedanken, die dann aufsteigen, können überwältigend sein. Doch genau hier setzt die Zen-Praxis an: Die Gedanken wahrnehmen, ohne ihnen zu folgen, ohne sie zu bewerten, und immer wieder zum Atem zurückkehren.
"Das klingt einfach, ist aber unglaublich schwer", bestätigen viele Praktizierende. Doch mit der Zeit, so berichten sie, verändert sich etwas. Die Reaktionsmuster des Alltags lockern sich, eine gewisse Gelassenheit stellt sich ein, und die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, wächst.
Regisseurin Gudrun Lamprecht hat für "kreuz & quer nah dran" Kigen Osho über einen längeren Zeitraum begleitet. Ihre Dokumentation verspricht nicht nur Einblicke in das persönliche Leben des Zen-Priesters, sondern auch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus selbst.
Die Sendung wird zeigen, wie ein typischer Tag im Leben eines Zen-Meisters aussieht, welche Rolle die Gemeinschaft der Praktizierenden spielt und was Menschen dazu bewegt, sich dieser anspruchsvollen spirituellen Praxis zu widmen. Auch das neu renovierte Berg-Zendo auf der Hohen Wand dürfte eine zentrale Rolle spielen.
"kreuz & quer nah dran: Im Sitzen zur Erleuchtung: Porträt eines Zen-Priesters" ist am Sonntag, dem 4. Jänner 2026, um 12.35 Uhr in ORF 2 zu sehen. Zusätzlich steht die Dokumentation auf der Streaming-Plattform ORF ON zur Verfügung, sodass Interessierte sie auch zeitunabhängig ansehen können.
Die Geschichte von Kigen Osho ist mehr als eine biografische Skizze. Sie ist eine Einladung, über die eigenen Gewohnheiten des Geistes nachzudenken. In einer Zeit, in der Burnout und psychische Erschöpfung zu Volkskrankheiten geworden sind, bietet der Zen-Buddhismus einen radikal anderen Ansatz: nicht mehr tun, sondern weniger. Nicht mehr denken, sondern wahrnehmen. Nicht mehr streben, sondern ankommen.
Ob diese Praxis für jeden geeignet ist, bleibt eine individuelle Frage. Doch die Tatsache, dass ein Mann wie Kigen Osho das glitzernde Hollywood gegen das beschauliche Wien getauscht hat – und dies als eine seiner besten Entscheidungen bezeichnet –, gibt zumindest zu denken. Vielleicht liegt die Erleuchtung tatsächlich im Sitzen.