Nationalbank-Chef Kocher sieht schwierige Prognosen durch geopolitische Risiken
Energiepreise und Geopolitik belasten Österreichs Wirtschaft. Nationalbank startet Bankomaten-Initiative für ländliche Gebiete.
Die österreichische Wirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen. Was vor wenigen Wochen noch als zufriedenstellende Entwicklung galt, hat sich durch geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise dramatisch verändert. Dies berichtete Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher heute im Finanzausschuss des Nationalrats.
Die Österreichische Nationalbank (OeNB) musste ihre Prognosen deutlich nach unten korrigieren. Ursprünglich rechnete die Institution im Dezember 2025 noch mit einem BIP-Wachstum von 0,8 Prozent und einer Inflationsrate von 2,4 Prozent. Diese Zahlen sind jedoch durch die aktuellen Entwicklungen obsolet geworden.
Ein mögliches Szenario sieht vor, dass die Preise für Rohöl und Gas im Jahresverlauf wieder auf das Vorkrisenniveau ansteigen könnten. In diesem Fall würde das Wachstum um 0,25 Prozent geringer und die Inflationsrate um 0,5 Prozent höher ausfallen als ursprünglich erwartet. "Niemand hat eine Glaskugel, um die weiteren Entwicklungen genau einschätzen zu können", räumte Kocher ein.
Die Unsicherheit resultiert aus einer Vielzahl von Faktoren. Neben den direkten Auswirkungen geopolitischer Konflikte nennt Kocher auch die mögliche Zerstörung von Infrastruktur und steigende Preise für Düngemittel als Risiken. Besonders betroffen sind die österreichischen Exporte in die USA, die einen deutlichen Rückgang verzeichnen - vor allem bei Pharma- und immunologischen Produkten.
Eine aktualisierte Prognose soll am 24. März präsentiert werden und alle diese Faktoren berücksichtigen. Auch bezüglich der Entwicklung der EZB-Leitzinsen konnte Kocher noch keine genaue Auskunft geben, da die nächste Sitzung erst am Donnerstag stattfindet.
Die Frage der angemessenen Zinshöhe beschäftigt die Geldpolitiker intensiv. Markteilnehmer rechnen im Durchschnitt mit ein bis zwei Zinsanhebungsschritten für das Jahr 2026. "Manchmal ist es notwendig, über die Geldpolitik einzugreifen, damit sich hohe Inflationsraten nicht festsetzen können", erklärte Kocher die Komplexität der Situation.
Positiv bewertet die OeNB die internationale Nachfrage nach dem Euro. Aus diesem Grund soll der sogenannte EUREP-Mechanismus ausgeweitet werden, um auf Liquiditätsengpässe außerhalb des Euroraums schneller reagieren zu können.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Situation am österreichischen Immobilienmarkt. Die hohe Anzahl notleidender Kredite im Gewerbeimmobiliensektor sorgt für Beunruhigung. Kocher räumte ein, dass die Kommunikation bei der Umsetzung der KIM-Verordnung nicht optimal verlaufen sei und bestehende Ausnahmen von den Banken oft nicht genutzt wurden.
"In den Jahren 2021 und 2022 war die Bauwirtschaft sehr stark, es wurde aber auch zu teuer gebaut", analysierte der OeNB-Chef. Besonders problematisch sei, dass die Immobilienpreise in den letzten 15 bis 20 Jahren stärker gestiegen seien als die Einkommen.
Um mehr Durchblick in den Immobilienmarkt zu bringen, hat die OeNB einen "Immo-Hub" geschaffen. Diese Plattform soll der Öffentlichkeit hochwertige Daten und fundierte Analysen zur Verfügung stellen. Das erste Produkt ist ein Wohnimmobilien-Dashboard, das künftig durch einen Gewerbeimmobilienpreisindex ergänzt werden soll.
Ein wichtiges Thema der Sitzung war die Sicherstellung der Bargeldversorgung in Österreich. Die OeNB hat eine Bankomaten-Initiative gestartet, die Versorgungslücken vor allem im ländlichen Raum schließen soll. Derzeit sind bereits 42 Bankomaten der Nationalbank in Betrieb, im Endausbau werden es 100 bis 120 Geräte sein.
Mit den Banken wurde ein Memorandum vereinbart, das vorsieht, dass bis 2029 per Saldo keine Bankomaten mehr abgebaut werden. Zusätzlich setzt sich die OeNB für eine strenge und umfassende Annahmepflicht von Bargeld ein - auch auf europäischer Ebene.
Parallel zur Stärkung des Bargelds arbeitet die OeNB intensiv an der Umsetzung des digitalen Euro. Österreich ist federführend für IT und Risikomanagement verantwortlich. Kocher sieht darin nicht nur ein zusätzliches digitales Angebot, sondern vor allem ein strategisches Konzept für europäische Souveränität.
Derzeit werden digitale Zahlungsdienste nur von außereuropäischen Firmen angeboten, die Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich erzielen. Das Digital-Euro-Projekt soll insgesamt 1,3 Milliarden Euro kosten, wobei jährlich 300 Millionen Euro anfallen.
Vize-Gouverneurin Edeltraud Stiftinger berichtete über die Lage des österreichischen Bankensektors. Die Gewinne der Banken sind 2025 zwar um 25 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro gesunken, bewegen sich aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Gleichzeitig nimmt die Kapitalausstattung zu und befindet sich mit 18,4 Prozent auf einem historischen Hoch.
Ein kritischer Aspekt bleibt die Gewerbeimmobilienfinanzierung mit einer Ausfallsquote von 8,3 Prozent. Der hohe Anteil an Krediten für Gewerbeimmobilien wird auch von Ratingagenturen genau beobachtet. Als Reaktion wurde 2025 ein "sektoraler Systempuffer" von 1 Prozent eingeführt, der auf Empfehlung des Finanzmarktstabilitätsgremiums auf 3,5 Prozent ausgedehnt werden soll.
Finanzminister Markus Marterbauer zeigte sich trotz der Herausforderungen zuversichtlich. Das von Kocher skizzierte Szenario würde das gesamtstaatliche Defizit um 0,1 Prozent erhöhen können. Die nächste Wifo-Prognose am 10. April soll mehr Klarheit bringen.
Die Regierung hat bereits mehrere Entlastungsmaßnahmen implementiert: Ein Sozialtarif beim Strom bringt ab 1. April eine spürbare Entlastung für 400.000 Haushalte. Weitere Maßnahmen sind die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel und der zweite Teil der Mietpreisbremse.
Besonders wichtig ist laut Marterbauer ein rascher Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Der Finanzminister setzt dabei vor allem auf den intensiven Ausbau der Windkraft. "Man muss gezielt, frühzeitig und strategisch in die Preise eingreifen", betonte er mit Blick auf die Inflationsentwicklung.
Die österreichische Wirtschaft steht vor schwierigen Monaten. Die Kombination aus geopolitischen Unsicherheiten, steigenden Energiepreisen und strukturellen Herausforderungen am Immobilienmarkt erfordert eine vorsichtige und flexible Politik.
Die nächste Bilanzpressekonferenz der OeNB wird weitere Details zu den finanziellen Entwicklungen liefern. Bis dahin bleibt die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bestehen - eine Situation, die sowohl Geldpolitiker als auch Regierung vor große Herausforderungen stellt.